“Du kannst ohne Hose von Zuhause arbeiten bei gleichem Gehalt und regst dich auch noch auf?” – mir platzt in einem Gespräch der Kragen. Ein Bekannter, angestellt und völlig sorgenlos durch den Corona-Sommer gerutscht, klagt in einem Gespräch über die Arbeit und die Projekte.

Dieser Beitrag sollte eigentlich wie immer freitags veröffentlicht werden. Doch dann habe ich ihm etwas zeit zum Reifen gegeben. Es ist jetzt weniger Text geworden, dafür mehr von dem, was ich in meinem eigenen Tagebuch wirklich lesen will.

Ohne Hose

Vor 28 Wochen fing es an. Sämtliche Präsenztermine wurden abgesagt. Das öffentliche Leben wurde angehalten, die Arbeit wurde – für wen das ging – nach Hause verlagert. Wir sind durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen, durch die Change Kurven und durch einige schwierige Diskussionen.

Manche hatten dabei keine Hosen an. Weil der Sommer herrlich warm war und die virtuellen Termine nur den Oberkörper zeigen. Viele der “plötzlich im Home Office” Menschen mussten sehr schnell sehr Vieles über Selbstdisziplin, Zeitmanagement und Home Schooling lernen, und sie wurden nicht gefragt, ob sie das möchten. Es wurde zu unserer neuen Normalität.

Manchen wurde in dieser Zeit die Hose – metaphorisch gesprochen – ausgezogen. Denn in vielen Branchen, die mit der Zusammenkunft zu tun haben, gab es von heute auf morgen gar keinen Umsatz mehr. Auch hier wurden die Menschen nicht gefragt, ob sie lernen möchten, zu überleben, und leider geht es dieser Gruppe Menschen unverändert schlecht, weil das öffentliche Leben immer noch sehr restriktiv stattfindet und immer wieder droht, noch einmal angehalten zu werden.

Dann gab es wiederum jene, die unverändert oder sogar noch mehr als vorher in ihrer Hose zur Arbeit mussten, weil weder die Krankenhäuser noch die Supermärkte Pause gemacht haben. Wir haben uns bei diesen Menschen – so mein Gefühl – nicht ausreichend dafür bedankt, dass sie so selbstverständlich zu ihrer Arbeitsstätte gingen. Keinesfalls betrachte ich es als selbstverständlich, dass jemand mitten in der großen Unsicherheit unseres Corona-Sommers munter und angstfrei seine Aufgaben erledigt, während wir uns vor den Bildschirmen unserer Computer versammeln…

Und dann gibt es noch die kleinen Wesen, Kinder genannt, die für mich auch zu den Helden dieser Zeit zählen. So viel Normalität abzugeben für den Kampf gegen unsichtbaren Feind… So gern hätte ich erfahren, was in diesen klugen heranwachsenden Köpfen vorging, während wir schlaue Twitter-Diskussionen führten…!

So viele Menschen mussten etwas aufgeben, abgeben, streichen, ersetzen. Wie kannst du dich nun vor diesem Hintergrund über die Arbeit beschweren, du Mensch ohne Hose mit einem Luxus-Job? (Frage an den Menschen aus dem Anfangs-Satz dieses Artikels)

Ohne Schuhe

Ohne Schuhe arbeite ich am liebsten. Früher habe ich mich irgendwo am Strand visualisiert, oder zumindest südlicher als Hamburg. Heute verstehe ich, dass ich in Hamburg bleiben werde, und wenn ich meine Arbeit nicht von einem Strand auf Hawaii erledigen kann, so genieße ich die Schuh-freie Zeit zuhause. Reframing, das Zaubermittel jedes Meckerkopfes!

Und wo wir schon beim Thema sind: Was ist es überhaupt, Arbeit? Erwerbstätigkeit ist klar umschrieben, doch was ist Arbeit? Ist es etwas, das sich erschwerlich und anstrengend anfühlen muss? Oder etwas, das mir Ansehen und Status verschafft?

Oder ist Arbeit lediglich etwas, was sich sinnstiftend anfühlt, weil es einen Beitrag leistet zu unserem gemeinsamen Leben?

Ich habe keine Antwort, und auch das macht mich nicht verrückt.

Ohne Büros

Für sehr viele Unternehmen geht es plötzlich auch ohne Büros. Aus den Gesprächen mit vielen Führungskräften, die ich während des Sommers begleiten durfte, kam immer wieder die Erkenntnis, dass die Arbeit sogar noch besser erledigt werden konnte. Warum?

Die Antwort ist so klar wie logisch. Die Menschen, die man früher in Büros versammeln zu müssen meinte, können plötzlich ganz selbständig ihren Tag organisieren und ihre Arbeit planen, und diese Selbstorganisation macht ihnen viel mehr Spaß. Wetten, bei ganz vielen Führungskräften steht das Buch „Drive“ im Regal, und in dem Buch haben sie gelesen, dass Autonomie, Mastery und Purpose drei super motivierende Faktoren sind?

Wenn der Mensch gar nicht kontrolliert wird und den allgemeinen “wir-machen-niemals-Feierabend-vor-19-Uhr” Zwang ignorieren darf, dann passieren kleine Wunder, und alle sind die Gewinner dieser Situation.

Spannend wird sein, wie viele Büros nun behalten werden und wie viele der Denkarbeiter in den remote Arbeitszimmern bleiben dürfen. Wir werden es erleben :-)

Ohne Zweifel

Ohne Zweifel bin ich nicht, und das macht mir Hoffnung.

Ich zweifle immer noch daran, dass wir es schaffen, menschlich und vernünftig durch diese Zeit zu kommen. Ich zweifle immer noch daran, dass es uns möglich sein wird, die Gewohnheiten der vor-Corona-Zeit abzulegen und im vertrauen und auf Augenhöhe das gemeinsame Verständnis von “NORMAL” zu gestalten. Ich zweifle gern laut und öffentlich, damit wir etwas zum Nachdenken und stolpern haben.

(ich schreibe jetzt irgendwie anders. weniger für andere, mehr für mich und mehr philosophisch. Die Buchstaben und die Grammatik werden immer weniger wichtig, dafür die Bilder und die Empfindungen und das Gefühl, beim Schreiben sehr lebendig zu sein und dadurch ein Anrecht auf ein Platz auf diesem Planeten zu haben.)

In Zweifeln und dennoch ohne Angst, mit einer Hose, mit einer Maske in der Tasche, reflektierend und enorm dankbar.

petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona-Tagebuch