Was werden wir in den nächsten zwölf Monaten tun? In der einen Woche seit meinem letzten Blogbeitrag hat sich die Welt dreimal um sich herum gedreht und sieht ganz anders und sehr ungewohnt aus. Ich habe mir vorgenommen, meine “unfertigen Gedanken” ab und an hier festzuhalten. Als Tagebuch – was ich durch meine selektive Wahrnehmung erlebe. Gern kannst du deine Sicht der Dinge als Kommentar hinzufügen.

Physische Distanz und digitale Nähe

Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.

Angela Merkel

Konzerte und Veranstaltungen sind abgesagt. Meetings sind abgesagt. Geschäfte, Museen und Restaurants sind geschlossen. Wir üben uns in social distancing. Wir sollen nirgendwo mehr hin, Hamburg gleicht einer Geisterstadt. Abstand an der Kasse, niemanden umarmen, niemandem die Hand geben. Dabei sind wir doch soziale Wesen!

NEW WORK in Zeiten von Corona: Sie reale Distanz wird zwar größer, aber die soziale Nähe wächst. Wir lernen und auf einer ganz anderen Ebene kennen und wertschätzen. Das wird sich nicht mehr ändern lassen.

Pivi Scamperle

Um so spannender ist es, wie mein Kalender, den die Kunden leer geräumt haben (100% der Workshops und Trainings wurden abgesagt) plötzlich voll wurde. Angebote, sich zu vernetzen, gemeinsam zu lernen, die freie Zeit miteinander zu verbringen.

Weil wir soziale Wesen sind!

Wir haben in den letzten Tage einander zum Teil besser kennengelernt, als in den Jahren zuvor, weil wir einander in die Wohnzimmer schauen konnten.

Wir rücken zusammen, weil wir gemeinsame Probleme lösen wollen – und das WOLLEN steht noch vor dem “müssen”.

Diese digitale Nähe ist atemberaubend!

Alte Rituale raus, neue Rituale rein

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
?!?!?

Kannst du dir eine Geburtstagsfeier ohne Gäste vorstellen? Oder eine Beerdigung? Es ist unsere neue Realität.

Dafür kommen neue Rituale. Schon mal einen virtual Lunch gehabt? Oder ein gemeinsames Bier vorm Bildschirm? Und wisst ihr, was faszinierend ist? In einer Kneipe, mit knapp 40 Leuten Bier trinkend, würden mir niemals alle 39 zuhören, wenn ich etwas sage.

Am Bildschirm funktioniert das. Die digitale Welt macht einiges möglicher. Das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben.

Change Kurve

Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Max Frisch

Momentan beobachte ich an meinem eigenen Erleben sehr deutlich, wie die Change Kurve funktioniert. Letzte Woche noch, da war sehr viel Ablehnung, ein nicht-wahr-haben-wollen und “hoffentlich nicht wir”. Auch diese Woche will ich das nicht haben wollen, und die immer weiter steigenden Zahlen der berühmten exponentiellen Kurve erreichen mein in Hoffnung-Watte gepacktes Hirn nur schwer.

Was nach der Ablehnung-Phase kommt, wissen wir auch. Die berühmt berüchtigte Resistenz. Mein Hirn sagt mir zwar, dass die Fakten hier sind, und Hamburg hat die höchste auf 100.000 Menschen Quote, ich bill das aber dennoch nicht.

Die Change Kurve erklärt so wunderbar, warum viele Entscheidungen zur Schließung/Sperrung nicht oder viel später kamen. Die Change Kurve erklärt, warum Menschen überall auf der Welt feiern gehen als wäre nichts. Die Bilder aus Italien sind furchtbar. Der Hirn, in Watte gepackt, antwortet nicht.

Schwierig ist, dass – aufgrund der Komplexität der Situation – keine vorgegebenen Lösungen existieren, die wir bloß wählen müssen. Kommt Impfstoff? Kommt Medikament? Die Schlagzeilen sind zum Teil so widersprüchlich, dass jeder das volle Recht hat, durchzudrehen.

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Verwirrende Nachrichten-Schlagzeilen

Ich kann nicht schlafen, mein Herz pocht, zum einen aus Ohnmacht zu sehen wie fragil unsere Gesellschaft ist, zu sehen wie schnell unsere Wirtschaft aus dem Gleichgewicht geworfen wird, wie angreifbar unsere innere Einstellungen sind, wie schnell aus einer aufgeklärten, solidarischen Gemeinschaft einzelne egoistische Gollums werden die mit Ihren Schätzen von Nudeln und stapelweise Klopapier aus den Einkaufläden stürmen. Es belastet mich dass viele Unternehmen nicht digital vorbereitet sind und das Einrichten von Homeoffice und VPN auf einmal zu Raketentechnology wird, die nicht so schnell lösbar ist. Dass Gymnasien keine schülereigene E-Mail Adressen haben und deshalb per mehrstufige E-Mailketten und zum Teil per Wurfsendung die Aufgaben an die Schüler verteilen. 😔

Oliver Ewinger auf Linkedin

Nach der rationalen Einsicht und der Resistenz kommt die emotionale Akzeptanz. Und mit ihr kommt “es betrifft mich doch” Phase, die wir Tal der Tränen nennen. Das ist die Phase, gepaart mit social ditancing, in der wir einander so stark wie noch nie brauchen werden.

Weil wir soziale und emotionale Wesen sind.

PS: Ein guter Artikel zum Umgang mit Krisen

Umlernen in Unternehmen

Was früher unmöglich schien: alle arbeiten online. Wie viele Unternehmen/Institutionen haben eine Ausrede gesucht, warum Home Office oder Remote Work nicht geht? Wie viele von ihnen dürfen jetzt lernen, WAS ALLES geht? Online Vertrieb? Jepp. Online Schooling der Kids? Auch.

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Schnell merken wir, was anders ist…

Präsentismus könnte aussterben. “Ich muss ins Büro” wird vielleicht als Satz nicht mehr so oft gesagt werden in 2021. Niemand muss ins Büro. Wir wollen arbeiten, ja, und wir können.

An dieser Stelle meine ganz persönliche Hochachtung und riesige Dankbarkeit für die Vertreter alle der Berufe, die nicht im Home Office arbeiten können. Medizinische Berufe, Supermarkt-Mitarbeiter, Polizei und Feuerwehr, wen hab ich nicht auf dem Schirm?
DANKE EUCH!

Frühling ist nicht abgesagt

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Frühling 2020 in Hamburg

Wir haben plötzlich Zeit, so gehen wir in der frischen Lift spazieren. Frühling ist nicht abgesagt. Die Kirschen blühen, die dicken Hummeln haben keine Ahnung, was Corona ist, und sammeln ihr Frühstück. Hund müsste man jetzt sein ,Habe selten so viele glückliche Hunde gesehen. Herrchen den ganzen Tag zuhause, Spaziergänge vermutlich öfter und länger, was will man da als Hund noch?

Im Ernst, die Natur tut gut, und das ist jetzt für mich der beste Weg, der inneren Anspannung und dem Stress zu entkommen.

CLC20Digital als beispiellose Aktion von selbstorganisierter Community

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Plötzlich so normale Videokonferenzen

Am 19. und 20. März 2020 wäre ich eigentlich auf dem Corporate Learning Camp gewesen. In Hamburg. Mit 300 weiteren Menschen. Natürlich wurde auch diese Veranstaltung vorerst auf August verschoben. Woraufhin ich in unserem Chat fragte, ob wir die reservierte Zeit nicht dennoch nutzen wollen für ein Barcamp. Prompt übernahm die Selbstorganisation die Initiative, und am 19. März saß ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Videocall mit 467 Menschen. 467!

Wir organisierten uns selbst, wir probierten Tools und Methoden aus, wir lernten fehlerfreundlich und wir waren, glaube ich, fast alle high. Diese Erfahrung – neu für alle von uns – schafft Präzedenzfälle. Was vor zwei Wochen noch unmöglich schien, fühlt sich nach “ich war dabei, und es hat Spaß gemacht” Tag machbar, fast selbstverständlich an.

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Virtuelle Nähe, ganz neu

In einer 3D Lernwelt findet gerade die Einführung statt. Wir “sitzen” als Avatar im Atrium, und ein verspäteter Teilnehmer kommt rein. “Setz dich”, sagt der Moderator. “Wie geht das” fragt der Mensch. Situationskomik deluxe!

Ich moderiere eine Session zu meinem Herzensthema – #noagenda in Komplexität, für Lernprozesse und Transformationen in Unternehmen. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Action benötigt wird, damit man sich als Teilnehmer nicht langweilt.

Es hat funktioniert. Die ersten Erkenntnisse:

  • es fehlt das physische Gefühl für Gefühle, zum Beispiel bei Aufstellung im Raum
  • die Teilnehmer sind mit der Technik beschäftigt, hören dadurch nicht immer zu

Beim nächsten Mal werde ich mehr Selbstorganisation zulassen, denn man kann bei Tricat auf den Whiteboards malen und ganz viele anderen Dinge tun, und ich würde gern herausfinden, was passiert, wenn die Teilnehmer sich in einem virtuellen Raum selbst organisieren dürfen. Pull over push ;-)

Gruppenfoto geht wunderbar!

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Ein Workshop in 3D. #läuft

Stories aus der Zukunft

Eine Übung, die du mit den Menschen, die dich umgeben, machen kannst:

Stellt euch vor, wir sitzen zusammen im Jahr 2025 und schauen zurück auf die heutige Zeit. Und wir erzählen einander Geschichten, die mit folgenden Worten beginnen:

“Weisst du noch, damals, als wir Corona hatten und zum ersten Mal in einer digitalen Umgebung arbeiten mussten?” und der nächste führt fort:

“Ja, genau, und weißt du noch, als …” und so weiter.

Es hilft, die heutige Situation zu meistern. Probiere das aus und erzähle mir, wie das geklappt hat. (Danke an Michael Plath und Mary Jacob, die diese Übung mit uns auf dem #CLC20Digital gemacht haben!)

Weil wir soziale, emotionale und neugierige Wesen sind ;-)

petranovskaja Unterschrift signatur