Es ist Woche 5 unserer neuen Zeit, und ich bin nachdenklich.

Sind das schon die neuen wir? Die, die es für selbstverständlich halten, alles online zu tun? Kinder online ausbilden, online zusammen singen, Bier trinken und arbeiten. War es das?

Meine Sorge ist, dass wir diese Zeit nicht dafür nutzen, eine neue Welt für uns zu erträumen und entstehen zu lassen. Meine Sorge ist, dass wir wieder zurück und zwei freiwillig in unser Hamsterrad einsteigen und die meisten Dinge so tun, wie bisher.

Und dann denke ich, ich sollte vielleicht nicht so viel denken.

Note from the Universe.

Und dann denke ich doch nach.

Was ist noch wichtig?

Nach dem Duschen wickle ich meine Haare in ein Handtuch, und immer dann, wenn die Haare zu lang sind für das Frottee, gehe ich zum Frisör. Da hätte ich von 4 Wochen hin gemusst, und nun ist das plötzlich nicht mehr wichtig. Heute habe ich mit Hilfe eines YouTube Videos meine Haare ganz allein um 6-7 cm gekürzt. Geht doch!

Frisör-Besuche sind plötzlich nicht mehr wichtig.

In meiner Küche hängt eine Weltkarte, und um diese Weltkarte drumrum sind zig Fotos angeordnet – die meisten analog mit meinem Lomo aufgenommen. Die Fotos sind in den 52 Ländern aufgenommen, in denen ich auf meinen Reisen gewesen bin, und die Weltkarte ist eine Scratch Map – immer dann, wenn ich ein neues Land besucht habe, konnte ich dort etwas freirubbeln.

Das ist nun nicht mehr wichtig.

Ich habe darüber nachgedacht, dass ich nach der Corona Krise auf keinen Fall so wie bisher reisen kann. Ich habe dafür noch keine Erklärung und keinen Begriff. Es fühlt sich nicht mehr richtig an. Und da wir demnächst umziehen werden, wird die Weltkarte mit den noch nicht besuchten Ländern wohl verschwinden.

Ach, und habe ich erwähnt, dass ich seit dem 15. März bis (aktuell) Ende Juni keine Aufträge habe? Es fühlte sich zuerst sehr seltsam an, ein wenig Angst hatte ich am Anfang an, und dann begriff ich: ich bin nicht systemrelevant. Das macht nichts.

Das ist gerade nicht wichtig.

Was wichtig ist, das werde ich in den nächsten Wochen rausfinden.

Der innere Kreis

Hast du schon mal überlegt, wen du wirklich vermisst? Nicht einfach aus Gewohnheit, sondern so wirklich herzlich. Nicht zu einem Zweck, sondern aus Liebe, Zuneigung, Sehnsucht. Wer gehört zu deinem “inneren Kreis”?

Diese Woche wäre ich eigentlich in Mexiko, bei meinem Vater. Letzte Woche wäre ich eigentlich auf Hawaii, mit meiner Tochter. Dass ich beide in ihrem jetztigen Wohnort jetzt nicht besuchen kann, das tut weh. Dass ich sie so schnell wie möglich nach all dem hier besuchen will, das steht fest.

Und dass ich meine Kinder fast ausschließlich auf einem Bildschirm sehe: wird das irgendwann die neue Normalität? Wie werden wir Gefühle empfinden, wenn wir so viel weniger Nähe erleben? Was macht es mit der Chemie im Gehirn, wenn die Körper-Chemie nicht erlebbar ist? Nachdenklich ich bin…

Vor dem Einschlafen kuschele ich mich gedanklich in meinen “inneren Kreis” hinein und fühle mich dann geborgen.

Digitale Frustration

Ich habe gestern mit einer Kollegin in Kanada gesprochen. Genauso wie ich, mag sie analoge Methoden und arbeitet mit Menschen und Materialien in Räumen. Genauso wie ich, hatte sie zuerst den Impuls, alles zu digitalisieren und zu virtualisieren. Recht zeitgleich haben wir beide beschlossen, dass das nicht unser Weg ist.

Weil wir an etwas anderes glauben, und darin unsere Stärke sehen.

Letzten Montag haben wir die digitale Frustration gemeinsam erlebt. In dem Facilitators (remote) Café haben wir neben dem Kennenlernen und Austauschen auch Zeit gehabt zu erleben, was es mit uns macht, wenn die Technik nicht mitmacht. Und vielleicht weil wir nicht versucht haben, diese Frustration mit etwas zu überspielen, gab es sehr viel positive Resonanz.

petranovskaja facilitators remote cafe resonant feedback

Überhaupt tut es gut, das zu tun, was mir am meisten Spaß macht. Und das ist eindeutig NICHT, etwas virtuell in andere Menschen einzuhämmern. Aus Neugier bin ich in mehrere der kostenlosen Angebote reingeschaut. Höflich, hoffnungsvoll, anspruchsfrei. Um festzustellen, eine Vorstellungsrunde mit 30 Leuten ist auch virtuell anstrengend. Um nochmal bestätigt zu bekommen, Präsentation von Slides ist auch in einem virtuellen Raum nicht meins.

Leanne Hughes hat Abend und bald Herbst…

Meins ist, gute Moderation mit #noagenda zu machen und Menschen zu verbinden. So hab ich mal wieder mit Leanne aus Australien telefoniert. Und mit Gesine aus Hamburg. Und mit Tamara aus Kanada. Und mit so vielen anderen großartigen Kollegen! Die große Welt ist plötzlich so nah!

Was auch meins ist, ist Bücher lesen. Ich lese mit Vergnügen, vor allem, weil das Papier mit der Haptik und dem Geruch so viel anders sind als die Virtualität!

Wir bauen eine App

Und dann, dann ist da noch das New Work Ausrüstung-Projekt. Nicht nur haben wir die Prototypen an 30 Menschen versendet, wir (Nicole Anzinger und ich) haben die frei gewordene Zeit genutzt und eine App gebaut. Eine, die demnächst sogar im Apple Store sein wird.

Nachdenklich, das passt auch beim Thema New Work. Wir diskutieren viel, dass jetzt, genau jetzt die richtige Zeit wäre, alle in eine Retrospektive zu schicken. Was tun wir als Team/als Unternehmen? Warum machen wir das so? Was würden wir mehr/weniger/anders machen?

Wir sind gespannt und zuversichtlich.

Was mich außerdem nachdenklich macht? Die Kraft mancher Zitate. Diese Woche immer noch die gleichen Worte wie letzte Woche:

You recognize all you can do for now is all you can do for now.

Michael Neill, Inside Out Revolution

Gibt es etwas, was dich nachdenklich macht?

petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona Online-Tagebuch: Woche 1 | Woche 2 | Woche 3 | Woche 4

PS: Einen Tag später habe ich einen Blog gelesen, der sehr gut beschreibt, wie es mir geht:

Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe – verdutzt, ein bisschen ängstlich vielleicht, aber auch mit dem Gefühl einer neuen Möglichkeit – an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen führen.

Charles Eisenstein