Neulich war ich Boot fahren. Es hat total Spaß gemacht, und ich merkte, wie sehr eine Sehnsucht nach mehr Leben sich in mir ausbreitete. Schließlich bin ich seit März fast arbeitslos, habe dennoch viel zu tun – vor allem wegen der Wohnung.

Ich merkte, wie schnell ich schlechtes Gewissen bekam. Dass ich so wenig arbeite und dass ich mir auf diesem Boot mehr solcher Tage wünschte. Als ob das verboten sei.

Ja, das ist ein Bestandteil unserer Kultur. Irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts ing es an, dass es mehr verpönt erschien, nicht zu Arbeit zu kommen als nicht zu Kirche zu gehen.

Und dann war da noch das eine Buch, das ich (parallel zu anderen Büchern) zur Zeit lese. Auf dem Titel steht: “Do nothing. How to break away from overworking, overdoing and underliving”.

Underliving. Ja, das ist das Wort. Die stille Sehnsucht nach mehr Leben pro Tag, nicht mehr Geld und nicht mehr Ruhm oder Erfolg. Mehr am Meer sein, Freunde treffen, Musik hören, Füße ins Wasser stecken – all das sind Dinge, die kein Geld kosten und dennoch so wertvoll sind.

Ist Corona gar keine Krise?

Aus den vielen Gesprächen mit Kollegen und Freunden weiß ich, dass ich nicht allein bin mit diesen Gedanken. Bei manchen sind diese durch das starke und intensive Familienleben hervorgerufen, bei anderen durch die neue Nähe mit Eltern und Nachbarn. Die Sehnsucht lässt sich von solch einfachen Dingen nähren wie gemeinsame Pizzaabende, Spaziergang und Aufräumen.

Zeit haben. Corona ist aus dieser Perspektive keine Krise für mich. Ja, die Wirtschaft leidet. Und ja, es ist anders, als vorher. Doch die Krise, diese Bewertung, die kommt aus dem, was uns wichtig erscheint. Zum Beispiel, dass es einfach so weitergeht, wie bisher. Vielleicht war alles, was vor Corona war, Krise. Vielleicht ist jetzt hier der Gegenteil da und wir haben eine Gelegenheit, eine wunderbare, humane und menschenorientierte Zukunft aufzubauen.

Ein Bekannter von mir kommt aus Finnland und arbeitet dort auf einem Boot. Da haben wir es wieder, ein Boot. Eigentlich hat er Urlaub, dennoch geht es ihm oft wie mir: wenn die Inspiration erst mal da ist, möchte man ihr folgen. Was er festgestellt hat: ein Boot als sehr ungewöhnliche Arbeitsumgebung ist extremst inspirierend.

Dieser Gedanke schließt sich wunderbar an meinen Blogbeitrag von letzter Woche an: was genau ist Arbeit? Warum nennen wir manche Tätigkeiten Arbeit, andere erscheinen uns wiederum nicht richtig in diesem Zusammenhang? Darf man das „arbeiten“ nennen, wenn man auf einem Boot ab und zu E-Mails abruft und diese beantwortet? Darf man das arbeiten nennen, wenn man auf einem Boot über die Zukunft nachdenkt?

Was denkst du darüber und was ist deine ungewöhnlichste Arbeitsumgebung?

petranovskaja segelboot
Neulich an der Alster in Hamburg
petranovskaja umzug
Der Umzug: Arbeit und Genuss zugleich.
petranovskaja reparatur 1
Das Zauberwort heisst ENDANSTRICH. Bald fertig!
petranovskaja reparatur 2
An manchen Stellen entsteht spontane Kunst

Mein Corona-Tagebuch