Seit ich selbständig bin (und das ist seit 2011), nenne ich meine Reisen nicht Urlaub, sondern Zwischenrente. Die Idee dahinter ist für mich sehr einfach: ich mag das, was ich tue (wir nennen es Arbeit, aber es fühlt sich immer seltener danach an), und darum träume ich nicht von einer Rente als solche.

Ich habe auch zwei tolle Vorbilder: meine Eltern. Beide über 70, beide berufstätig. Beide arbeiten mit jungen Leuten und geben ihr Wissen weiter. Beide sind dadurch jung im Kopf geblieben.

Meine Zwischenrente 2020 findet in Italien statt, einem Land, in das ich mit gemischten Gefühlen fuhr. Wegen Corona. Zum einen, weil Italien sehr unter der ersten Welle gelitten hat. Zum anderen, weil ich nicht sicher bin, inwiefern wir in diesen Zeiten mit einem guten Gewissen reisen sollten. Und die dadurch entstehende Unsicherheit macht aus mir eine sehr bewusste und achtsame Reisende.
Unser Gastgeber heißt Roberto. Wir dürfen ein kleines Eckzimmer in seinem Gasthaus beziehen, und das erste, worüber wir sprechen, sind Lebensträume. Er hat sich mit diesem Gasthaus ein Lebenstraum erfüllt, und er sagt uns: wenn ihr einen Lebenstraum habt, wartet nicht und tut alles, um diesen umzusetzen.

Wartet nicht!

Roberto ist 70, er wirkt viel jünger und die Philosophie seines Lebens klingt logisch und leuchtet ein:

Was brauchst du für ein gutes Leben? Morgens einen guten Cappuccino mit Blick in die Natur, eine Aufgabe, gute Menschen um dich herum und anregende Unterhaltung – dann schläfst du abends mit einem breiten Lächeln auf den Lippen ein und freust dich auf den nächsten Tag und den morgendlichen Cappuccino.

Roberto verbringt 90% seiner Zeit mit der Gartenpflege. Die Anlage hat er vom angesparten Geld bar bezahlt („Banken haben in meinem Leben nichts zu suchen!“). Seine Frau Inge kümmert sich um uns und unsere Wünsche – ganz persönlich oder über eine kurze Nachricht in WhatsApp.

So sitze ich – wunschlos glücklich – mit meinem morgendlichen Cappuccino auf dem Balkon und denke: habe ich noch einen Lebenstraum, den ich sofort angehen möchte?

Zwischenrente, eine Reise ins Ungewisse und dadurch eine phantastische Möglichkeit zur Reflexion. Unendlich dankbar für all diese Momente der letzten 36 Stunden, schlafe ich breit lächelnd ein.

PS: Wer einen unvergesslichen Urlaub bei Roberto und Inge verbringen möchte, sucht sich eine Woche Zeit, in der Hektik nichts zu suchen hat und Internet nicht lebensentscheidend ist und kommt nach Cannero Riviera in die Villa Paradiso.

Wir fahren heute weiter. Leider.

Und du: warte nicht!

petranovskaja Unterschrift signatur

Mehr Reise-Geschichten: