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Eigentlich wollte ich nach Norwegen. Wegen der langen Sommernächte und weil ich noch nie in Norwegen war.

Doch der hartnäckig abwesende Sommer hat es tatsächlich erreicht: ich habe mir stattdessen eine Last-Minute-Pauschalreise in die Türkei gebucht. Etwas, was ich nie machen wollte. Der Fakt, dass ich für halb so viel Geld doppelt so viel an Celsius-Grad haben kann hat mir den Rest der Unentschlossenheit weggenommen. Ich drücke den Knopf, der Abflug ist in 24 Stunden. Bikini, Zahnbürste, fertig.

Vier Tage, drei Nächte, fünf Erkenntnisse.

Die Erlebnisse zuerst.

Warum haben Menschen, die in ein Land mit heißen Temperaturen reisen, so riesengroße Koffer bei sich? Am Gepäckband frage ich mich, warum manche Menschen dermaßen viel Ballast mit sich schleppen. Im Koffer und am Körper – in Form von Bauch. Ich mag keine dicken Männer.

Auf dem Weg zu meinem kleinen Hotel bin ich dankbar dafür, dass der Transfer inklusive ist. Die Taxikosten hierher hätten die Kosten der ganzen Reise locker überholt.

Mein Zimmer ist groß, sauber und hat einen Balkon mit Blick auf einen Spielplatz, auf dem Jugend in der Kühle des Spätabends Fußball spielt. Irgendwelche verrückten Insekten singen ganz laut ihre Liebeslieder, ein Stück weiter singt jemand live zu einer Gitarre, und zu diesen schmalzig süßen türkischen Klängen schlafe ich glücklich ein.

Frühstück ist mager. Dafür gibt es einen Transfer zum Strand, in 15 Minuten fährt der erste Bus dahin. Zu dritt mit einem Pärchen aus Dänemark, das ebenfalls der Kälte entfliehen wollte, werden wir über holprige sandige Piste in einen Beach Club gebracht. Transfer kostenfrei. Liege und Schirm kostenfrei. Getränke und Essen werden mir von einem (gut aussehenden) Beach Boy direkt unter den Schirm gebracht. Das Meer leckt meine Füße und ist genau richtig temperiert. Die Dänen und ich gehen um die Wette baden – wer öfter drin war, haben wir dann doch vergessen. Ich schlafe, lese ein tolles Buch und vergesse, woher ich komme. Mit dem letzten Transferbus fahre ich zurück. Powernap und dann ab in die Stadt – zu Fuß sind es ca. 2 Kilometer, doch ich habe einen ortskundigen Begleiter, den Receptionist des Hotels, der seit Monaten nicht mehr aus war und den ich daran erinnere, dass Arbeit nicht alles ist.

Ich erfahre viel über Türken und Kurden, verschiedene Religionen und wie die Türken sich selbst ihre Wirtschaft kaputt machen, indem sie alles mögliche fälschen und billig anbieten. Wer kauft dann noch Silberschmuck und echte Ledermoden, wenn es nebenan Fakes von Hollister und Liebeskind gibt?

Gleich nach dem atemberaubend schönen Sonnenuntergang leuchten entlang der Küste kleine Lichter der entlegenen Orte, und diese funkeln wie kleine Edelsteine, im Himmel tanzt der Mond zusammen mit der Venus und dem Jupiter, und die Dunkelheit des Himmels ist nur hier im Süden so schön, und in diesem Moment bin ich dem bekloppt kalten Sommer dafür dankbar, dass ich unter diesem dunklen Himmel stehen darf, barfuß und nicht in einer hellen Nacht in Norwegen bin.

Erkan, mein Begleiter, sagt, er will viele Kinder haben, aber er kann noch nicht heiraten, weil er nicht genug Geld hat. Und dann sprechen wir über Kulturunterschiede und dass er – obwohl drei Jahre in Kanada gelebt – immer noch der kurdischen Kultur und „das macht man so“ verpflichtet ist, und warum das wohl so ist.

Das schöne an Kurzurlauben ist – man hat gar keine Zeit, um die Zeit, die man hat, zu planen. Die Entscheidung, was ich an meinem zweiten und gleich letzten Tag mache, ist total einfach. Ich frühstücke und nehme den ersten Bus zum Strand. Ich genieße den Tag mindestens genau so, diesmal sind Norweger meine Nachbarn und das Buch lese ich tatsächlich trotz Baden und Dösen zu Ende. Verrückt, wie viel Zeit plötzlich in einem Tag drin ist!

Abends nochmal in die Stadt, um z.B. feststellen, dass mein Urlaub so viel gekostet hat wie drei Kilo türkischen Tee oder eine halbe gefälschte Prada-Tasche. Schön zu spüren, dass ich all die hier angebotenen Waren nicht brauche, auch wenn sie tatsächlich sehr preisgünstig zu haben sind.

Unbezahlbar bleibt der Sonnenuntergang und die funkelnden Edelsteine der Küstenlichter. Zurück im Hotel werde ich noch zu einer Party am Pool eingeladen. Ein netter Herr feiert seinen Geburtstag mit seinem Harem (fünf sehr nette Frauen), und ich werde als „ein besonderer Gast unseres Hauses“ vorgestellt und gleich mit allem versorgt, was der Süden bietet. Der nette Herr zeigt mir auf meine Auskunft, ich wäre Russin, lebe aber in Deutschland, stolz die Liste von Frauen, die er in dem jeweiligen Land kennt. Verstehe. Ich zeige ihm meine volle Begeisterung. Kulturunterschiede. Wir lachen viel. Der Himmel über uns ist tiefschwarz.

Beim Einschlafen stelle ich fest, dass ich seit 48 Stunden fast ununterbrochen glücklich bin.

In dem Transferbus zurück zum Flughafen vergleichen die Frauen neben mir ihre Bräune – wer besser und mehr und so. Ich freue mich darüber, dass im Kurzurlaub kein Leistungsgedanke aufgekommen ist. Wäre ich auch nur auf die Idee gekommen, etwas zu planen, wären mir womöglich viele meiner Glücks-Stunden im Ausführungsstress abhanden gekommen. Was mich direkt zu den Erkenntnissen führt:

1. Will ich Stress abbauen, mache ich alles anders als sonst

Mein Leben ist durchgetaktet, verplant, organisiert, strukturiert. Wenn ich aus diesem Muster aussteige, entspannt sich als erstes mein Nackenbereich. Mit diesem Gefühl der Leichtigkeit beginnt der Kopf plötzlich ganz frisch an zu denken. Das beobachte ich immer wieder.

2. Proaktivität zahlt sich immer aus

Mich den Gegebenheiten ergeben (dem schlechten Wetter, dem Kontostand, der vollen To Do Liste) wäre einfach. Niemand hätte gesagt, ich wäre verrückt, weil ich NICHT gereist bin. Doch ich bin gern bekloppt genug, komische Sachen auszuprobieren, aus der Komfortzone auszubrechen und zu lernen. Überall, jederzeit.

Reisen ist Leben. Das hat, glaube ich, der dänische Märchenautor Hans Christian Andersen gesagt. Reisen ist SEIN. Spüren, wann man Angst bekommt, wann die Unsicherheit und Unbehagen spürbar da sind. Genießen, wenn etwas schön ist. Warm, weich, lecker. Lachen, sich wundern, etwas unternehmen, neue Menschen kennenlernen. Reisen ist wachsen. Weil es auf jeder Reise so viele Erkenntnisse, Erlebnisse und Erfahrungen gibt. Man kann uns alles wegnehmen, außer unseren Erfahrungen. Wer das gesagt hat, weiß ich nicht mehr.

3. Nachteile, von einer anderen Seite betrachtet, können zu Vorteilen werden

In meinem Hotel angekommen, dachte ich: na toll, richtig weit ab vom Schuss… Doch später, als ich in der Stadt unterwegs war, wurde mir klar: der Strand, zu dem wir gebracht wurden, war sauberer und größer und schlafen kann man abseits vom Lärm des All-Inclusive-Entertainments viel besser! Es hat sich also nicht gelohnt, mich über die Lage des Hotels aufzuregen.

4. Kurzurlaub hat enorme Qualität

Lass dir nicht einreden, man brauche mindestens drei Wochen… Kurzurlaub ist einfach anders! Man gewöhnt sich nicht an das Neue, man entwöhnt sich nicht vom Alten, irgendwie ist alles sehr intensiv und doch war man nur sehr kurz weg und alles ist noch so, wie man es verlassen hat… Was auch schön ist: es war keine Zeit da für „das macht man nicht“, „das kannst du nicht machen“ und „das klappt eh nicht“ Stimmen in meinem Kopf. Ich habe nur diesen Tag. Nur das hier und jetzt. Baden gehen? Ja! Cocktail am Pool? Ja! Ausgehen mit einem mir unbekannten Menschen? Ja! Mit einem Harem am Pool feiern? Ja! Bestes Döner der Stadt? Her damit!

5. Es ist wichtig, für sich zu sorgen

Ich schubse viel. Sage, was man tun soll, damit man glücklich ist. Zitiere andere, die was Schlaues dazu gesagt habe. Motiviere und inspiriere. Da ist es nur konsequent, auch selbst zu tun, wozu ich andere bewege.

Und eine Sache wird in der heutigen Zeit immer wichtiger: dass wir für uns und unser Wohlbefinden sorgen. Regelmäßig, jeden Tag, und an manchen Tagen etwas mehr.

Als wir in Hamburg landen, regnet es bei 14 Grad und der Tim Bendzko singt „Wenn jetzt Sommer wär’…“

Auch dafür bin ich dankbar. Kontraste sind gut für scharfe Wahrnehmungen.

Glücklich,

petranovskaja_signatur