Über den Rand malen

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Zu meinem Geburtstag, der kurz vor Weihnachten ist, habe ich einen sehr schönen handgeschriebenen Brief von meiner besten Freundin bekommen, die verreist war und mich daher nicht besuchen konnte. ein Satz aus diesem Brief ging mir die ganzen Feiertage durch den Kopf: “Du hast den schwierigen Weg des Ausprobierens gewählt.”

Aus der Sicht der Welt, in der alles geregelt ist, mag das so stimmen. doch dieser geregelten – scheinbar einfachen – Welt bin ich entsprungen, entlaufen, aus die Maus. jetzt bin ich unterwegs in der unbekannten, lauten, neuen Welt und aus der Sicht dieser Welt habe ich mich für den einfacheren Weg entschieden. für den Weg, auf dem man tut, woran man glaubt; wo man die Meinungen anderer Leute links liegen läßt bis man eine eigene hat; wo man sich nicht verbietet zu lieben und zu leiden; wo man über den Rand malt, weil da viel mehr Platz ist als auf dem engstirnigen Blatt Papier. das Leben ist groß und wundervoll, besonders wenn man es anlächelt. ich habe keine Angst und keine Bedenken, und dieser Zustand ist weder mit Geld noch mit Titeln zu erlangen, sondern einzig und allein mit der Entscheidung, die aus meiner Mitte kommt.

Hallo ungeregeltes Leben! Hallo fluffige nicht greifbare Wolken! Hallo Geheimnisse und Entdeckungen! Hallo neues Wissen, neue Menschen, neue Länder, neue Galaxien! schön, euch kennenzulernen!

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Dreiundzwanzig Grad

Dreiundzwanzig Grad ist ein magischer Zustand des Universums. es ist genau richtig warm in der Sonne, und es ist perfekt kühl im Schatten. der langsame Wind schafft es nicht, mein Haar zu durchwehen, selbst als ich aufs Fahrrad steige und in das benachbarte Dorf zur Eisdiele fahre.

Dreiundzwanzig Grad ist eine perfekte Temperatur für jede Kleidung. für egal welche Schuhe. es ist nicht zu heiß für Bewegung und nicht zu kalt fürs Rumsitzen. es ist eine Temperatur, die von mir aus gern an elf Monaten im Jahr um mich herrschen darf. einen Monat lang hätte ich gern Schnee und dunkel.

Jetzt ist es aber nicht dunkel. es ist hell und es sind genau die dreiundzwanzig Grad, um den Abend draußen zu verbringen. wer nicht weiß, was er dabei trinken soll (soll vorkommen), empfehle ich Aperol-Kirsch, eben entstandene Kreation. in der Luft liegt eine süße Duftmischung als Flieder und Raps, so dominant, dass sogar die gesammelten Grillanzünder der ganzen Nachbarschaft nicht dagegen ankommen.

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Aber… Aber… Abercrombie!

Ein T-Shirt kostet ca. vierzig Euro. Zehn sind fürs T-Shirt. Zehn für das umherverstreute Parfüm. Zehn als Eintritt in diesen Club, in dem Mädchen und Jungs in Flipslops tänzeln und dich nicht fragen, ob sie dir behilflich sein können oder ob du zurecht kommt. sie fragen: “What’s going on?” und plötzlich fange ich an zu lächeln. ich bin nicht wegen der Klamotten hier, sondern aus Neugierde und weil ich hier gerade vorbeiging. und natürlich wegen der leckeren Kerle (endlich mal sexistische Marketingmaßnahme andersrum!).

Die letzten zehn Euro sind dann wohl eine Art Beitrag in diesen Therapie-Topf. ich kam rein mit mieser Laune, der ganze Tag lief schief und ich war stinkesauer. ich kam raus und fühlte mich plötzlich gut. vielleicht war das auch nur total zufälliges Phänomen, dass nur an diesem Tag, nur mit mir und nur einmalig funktioniert, aber…

… der Laden ist geil! es ist dunkel, man sieht die Klamotten kaum und vor den Umkleiden ist die Schlange zu lang für die Preise. zwei der Sachen, die ich anprobieren wollte, waren nicht in meiner Größe da, aber so kam ich auch nicht in die Versuchung, dem Marketing-Puff doch noch nachzugeben und was zu kaufen. wegen etwas anzuziehen werde ich bestimmt nicht nochmal reingehen, aber…

… aber ansonsten schon.

 

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Was war das nochmal, Freundschaft?

Als ich noch klein war, war das mit der Freundschaft ganz einfach – Freunde waren die, mit denen man die meiste Zeit zusammen verbrachte, und zwar freiwillig.

Als ich größer wurde, waren Freunde die, mit denen mich aus der Vergangenheit etwas verband – gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Hobbies, gemeinsame Geburtstage.

Als es mit dem Job anfing, waren Freunde die, mit denen man sich in der Freizeit traf. Es verband uns immer noch etwas aus der Vergangenheit, und es wurden immer seltenere Stunden.

Und dann kam Internet. Ich diskutiere mit Onlinefreunden – bis tief in die Nacht – Themen, die mich bewegen, und lache unter den Fotos meiner Fotofreunde über Kommentare unserer gemeinsamen Buddies. Echte Treffen mit echten – im Sinne von “aus Fleich und Blut” – Freunden werden immer seltener und immer seltsamer, weil man zuerst in Facebook Places eincheckt und der Welt mitteilt, dass man sich dort mit einem Freund trifft…

Ich war am Freitag joggen und habe dabei meinen Schlüssel verloren. der Ersatzschlüssel wird 10 km entfernt aufbewahrt, und um dorthin zu kommen, habe ich in allen Nachbarhäusern geklingelt. erst drei Häuser weiter war jemand nicht in Urlaub. auf dem Weg unterhielten wir uns – wir unterhalten uns sonst sehr selten – und waren uns in ein paar Themen sofort einig. zum Beispiel wozu man arbeiten geht oder dass mit den Reisen. unter anderen Umständen hätten wir vielleicht Freunde werden können, doch weil in unserem Dorf paar ex-Freunde sich nur noch vor dem Richter unterhalten, gilt es bei uns als Tabu, sich mit Nachbarn anzufreunden. bekloppt.

Was war das also nochmal, die Freundschaft? muss man was gemeinsames erlebt haben? muss man eine gemeinsame Zukunft haben können? darf man gleichzeitig im wahren Leben und bei Facebook befreundet sein? wo geht die Freundesreise hin?

Meine Tochter bezeichnet als Freund jemanden, den sie mag. ich fahre gleich zu einem Geburtstag von meinem Lieblings-ex-Kollegen, den ich mag. ich glaube, er ist mein Freund.

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Deutschland regt sich auf

Heute Mittag stand ich an der Buttertheke bei Edeka und starrte auf die Süßrahmbutter. und dann kam eine sehr nette Dame vorbei und griff sich ein Paket, und ich fragte sie, ob sie wüßte, was der Unterschied zwischen Sauerrahm- und Süßrahmbutter sei. kaum habe ich meine Frage ausgesprochen, kam der Mann der netten Dame zu uns. klar, gibts da einen Unterschied. er würde keine andere aufs Brot schmieren. sie sei das Leckerste überhaupt.

Plötzlich stand ich in einem ganzen Pulk netter Damen, die sich alle einig waren, die Mildgesäuerte nehme man nur zum Backen, und sie unterhielten sich alle ganz aufgeregt und tauschten Rezept-Erfahrungen aus, und ich dachte mir, meine Güte, die kennen sich aber aus.

Heute Nachmittag habe ich mal wieder etwas über Thilo Sarrazin im Radio gehört. und was auf der Titelseite der Tageszeitungen gelesen. und eine hitzige Diskussion auf der Strasse miterlebt. und es war ein wenig mit der Butterdiskussion vergleichbar, nur dass wohl die wenigsten von uns das Buch bereits gelesen haben.

Meinungen bilden sich schnell. Erfahrungen brauchen länger. und es gibt genug Beweise, dass manche schnell gebildete Meinungen trotz widersprüchlicher Erfahrungen nicht geändert werden. so sind wir Menschen nun mal. ich hab dann plötzlich festgestellt, dass ich keine Meinung zu der Süßrahmbutter habe, aber eine zu dem Buch “Deutschland schafft sich ab”. folgende: ich habe keine Ahnung, ob ich das Buch gut finden würde, wenn ich das lesen würde, aber ich finde es gut, dass es das Buch gibt. da gibt es einen, der sich traut das zu sagen, was ganz viele andere denken, aber kaum schreibt er das, wird es von den Medien – wie nicht anderes zu erwarten – so verzerrt dargestellt, damit Meinungsbildung unumgänglich wird. und von den Menschen, die mit Herr Sarrazin vorher täglich verkehrt haben, hört man dann, dass man sich von ihm und seiner Meinung distanziere. und von all den anderen wird das Buch dazu genutzt, sich selbst darzustellen. ich bin da keine Ausnahme.

In Deutschland ist es – besonders in der Politik – unpopulär, eine klare Meinung zu haben. an allen Ecken und Kanten findet man Kompromissbereitschaft. lieber sich einen Zickzack-Kurs vorwerfen lassen, als unpopulär sein. lieber unbeliebt auf die Titelseite, als beliebt im Hintergrund. “Das habe ich so gar nicht gemeint”. kein Wunder, dass man auch im normalen Arbeitsalltag kaum versteht, was der andere möchte. und dass Kommunikations-Kurse gar nicht in der Lage wären, dieses zu lösen.

Pfui, jetzt habe ich tatsächlich was zur Politik gesagt. dabei bin ich gedanklich immer noch mit der Butterfrage beschäftigt.

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Nektargeile Schmetterlinge schmeissen sich in die saftigen Kelche der Bergblumen

Weit ab von den Hallenbädern der schicken Hotels,
in denen Rolex nicht zum Schwimmen abgenommen wird,
läuten die Kuhglocken und summen die Fliegen,
dort treten nackte Kinderfüße das weiche Grün der erreichten Berggipfel
und in die leeren Limonadenflaschen wird das Tauwasser aus dem Schnee vom vorigen Jahr abgefüllt.
Ganz nah an den Himmel und wo Tannen kleiner als die Kinder
und genau dann, wenn Wochentage und Uhrzeit keine Relevanz mehr haben,
schmeisse ich die kleine Keksbrocken in die Schlunde von frechen Bergvögeln.

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this never happened before

Als ich den fertigen Adventskalender an die Wand hing, hörte ich das Lied bereits zum dritten Mal. dabei stand auf der Playmobil-Packung, dass man zum Aufbau ca. 45 Minuten braucht. und ich lächelte, wenn da 45 Minuten steht, dann mache ich das locker in einer halben Stunde. und dann legte ich Sir McCartney auf und legte los. ich weiß, ich war geistesabwesend, doch es tat mir gut. und es macht mir nichts aus, dass ich doch fast zwei Stunden Playmo gespielt habe.

und es ist auch egal, ob ich mir jedes Mal Paul zum Nachdenken auflege oder andersrum, seine Musik mich zum Denken anregt. und eigentlich gab es auch nichts zum Nachdenken. mehr zum Abschweifen. es war ein runder Sonntag, mit allem, was dazugehört.

und so eben fällt mir auf, dass dieser Gedanke mich auch bereits mindestens das dritte Mal aufsucht. er war bereits beim Pyjamafrühstück da und dann am Nachmittag, als wir irgendwo in der Pampa im Cafe des Heimatvereins saßen, und ich mit Erstaunen dachte, ich würde jede dieser rüstigen Rentnerinnen, die das Cafe führten, ohne Zögern in meiner Firma einstellen (wenn ich eine hätte), denn einen so gut organisierten Laden habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

und obwohl ich den eigentlichen Gedanken des Tages immer noch nicht in Worte fassen konnte, kenne ich ihn, und er gefällt mir. das Blatt wenden, den Weg finden, das Neue entdecken, all diese Dinge geistern durch meinen Kopf, ich bin voller Ideen und überfüllt mit Zuversicht, die mir selber ja schon fast ungesund erscheint, und dennoch will mein Ich nichts anderes, als einfach weiter gehen. und ich weiß, dass ich bereits unterwegs bin.

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Wann kommt der Wind, der uns weiter treibt?

Ich danke Herrn Regener für die musikalische Herbstbegleitung. immer und immer wieder, jeden neuen Herst, seit ich dieses Lied kenne, singe ich es tagelang… es hat die nötige Melancholie, den richtigen Schlag, und es wird nie langweilig.

C. ist von G. ausgezogen, K. hat sich von B. getrent, L. hat S. geheiratet, J. erwartet ein Baby, Sohn von L. ist 18 und zieht Weihanchten aus. die Buchstaben und das Geschehene kann man beliebig austauschen, jedes Jahr passiert was, immer wieder aufs Neue, eigentlich passiert auch immer das Gleiche. gestern wurde die Uhr umgestellt, es ist wie ein Schlag der gigantischen Zeitmaschinen-Uhr. Tick (Sommerzeit) – Tack (Winterzeit). weiter geht’s.

weiter geht’s.

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