Das Boot (Woche 20)

Das Boot (Woche 20)

Neulich war ich Boot fahren. Es hat total Spaß gemacht, und ich merkte, wie sehr eine Sehnsucht nach mehr Leben sich in mir ausbreitete. Schließlich bin ich seit März fast arbeitslos, habe dennoch viel zu tun – vor allem wegen der Wohnung.

Ich merkte, wie schnell ich schlechtes Gewissen bekam. Dass ich so wenig arbeite und dass ich mir auf diesem Boot mehr solcher Tage wünschte. Als ob das verboten sei.

Ja, das ist ein Bestandteil unserer Kultur. Irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts ing es an, dass es mehr verpönt erschien, nicht zu Arbeit zu kommen als nicht zu Kirche zu gehen.

Und dann war da noch das eine Buch, das ich (parallel zu anderen Büchern) zur Zeit lese. Auf dem Titel steht: “Do nothing. How to break away from overworking, overdoing and underliving”.

Underliving. Ja, das ist das Wort. Die stille Sehnsucht nach mehr Leben pro Tag, nicht mehr Geld und nicht mehr Ruhm oder Erfolg. Mehr am Meer sein, Freunde treffen, Musik hören, Füße ins Wasser stecken – all das sind Dinge, die kein Geld kosten und dennoch so wertvoll sind.

Ist Corona gar keine Krise?

Aus den vielen Gesprächen mit Kollegen und Freunden weiß ich, dass ich nicht allein bin mit diesen Gedanken. Bei manchen sind diese durch das starke und intensive Familienleben hervorgerufen, bei anderen durch die neue Nähe mit Eltern und Nachbarn. Die Sehnsucht lässt sich von solch einfachen Dingen nähren wie gemeinsame Pizzaabende, Spaziergang und Aufräumen.

Zeit haben. Corona ist aus dieser Perspektive keine Krise für mich. Ja, die Wirtschaft leidet. Und ja, es ist anders, als vorher. Doch die Krise, diese Bewertung, die kommt aus dem, was uns wichtig erscheint. Zum Beispiel, dass es einfach so weitergeht, wie bisher. Vielleicht war alles, was vor Corona war, Krise. Vielleicht ist jetzt hier der Gegenteil da und wir haben eine Gelegenheit, eine wunderbare, humane und menschenorientierte Zukunft aufzubauen.

Ein Bekannter von mir kommt aus Finnland und arbeitet dort auf einem Boot. Da haben wir es wieder, ein Boot. Eigentlich hat er Urlaub, dennoch geht es ihm oft wie mir: wenn die Inspiration erst mal da ist, möchte man ihr folgen. Was er festgestellt hat: ein Boot als sehr ungewöhnliche Arbeitsumgebung ist extremst inspirierend.

Dieser Gedanke schließt sich wunderbar an meinen Blogbeitrag von letzter Woche an: was genau ist Arbeit? Warum nennen wir manche Tätigkeiten Arbeit, andere erscheinen uns wiederum nicht richtig in diesem Zusammenhang? Darf man das „arbeiten“ nennen, wenn man auf einem Boot ab und zu E-Mails abruft und diese beantwortet? Darf man das arbeiten nennen, wenn man auf einem Boot über die Zukunft nachdenkt?

Was denkst du darüber und was ist deine ungewöhnlichste Arbeitsumgebung?

petranovskaja segelboot
Neulich an der Alster in Hamburg
petranovskaja umzug
Der Umzug: Arbeit und Genuss zugleich.
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Das Zauberwort heisst ENDANSTRICH. Bald fertig!
petranovskaja reparatur 2
An manchen Stellen entsteht spontane Kunst

Mein Corona-Tagebuch

Etwas Poesie für Gelassenheit im Alltag

Etwas Poesie für Gelassenheit im Alltag

Poesie ist ein Geschenk, das nur uns, in Worten denkenden Wesen als Genuss möglich ist. Während andere Wesen (Tiere, Bäume) auch Musik hören und genießen können, ist es oft die Kraft der Worte, die mich persönlich zutiefst bewegt. Bis hin zu Gänsehaut.

In Russland geboren, war ich von Poesie umgeben. Puschkin lebte in meiner Heimatstadt und seine Werke mussten wir teilweise seitenlang auswendig lernen.

1992 bin ich dann ins Land der Dichter und Denker umgezogen, und auch hier habe ich viel Freude mit den wunderbaren, sich reimenden Zeilen.

Mein Vater hat mir Haiku (traditionelle japanische Gedichtform) schmackhaft gemacht. Manchmal dichten wir einfach so hin und her, statt uns Prosa zu schreiben.

Mit der Besserung meiner Englischkenntnisse wurde mir auch die Welt der englischen Gedichte offenbart. Was für eine Schatzkiste! Heute möchte ich eine spontane Entdeckung hier in meinem Blog verewigen, um selbst ab und an vorbei zu kommen und mich satt zu lesen an den ermutigenden wie weisen Zeilen von Rudyard Kipling. Laut WIkipedia geht es im Gedicht um Gelassenheit als Tugend. Für mich geht es hier auch um Mut, sich selbst treu sein, wahrnehmen, achtsam sein, verbunden mit anderen Menschen.

Weiter unten findest du eine Übersetzung ins Deutsche.

Schön, dass du hier bist.

IF

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master,
If you can think – and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings
And risk it all on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: “Hold on!”

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with kings – nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

1895

WENN

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
dir treu sein kannst, wenn alle dich verlassen,
und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;
kannst warten du und langes Warten tragen,
läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
und doch dem Unrecht unversöhnlich sein &ndash

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;
kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
und baust mit letzter Kraft es wieder auf –

Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;
wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
als nur dein Wille, der “durchhalten!” heißt –

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;
füllst jede unerbittliche Minute
mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

(Übersetzung von Lothar Sauer)

Was ist Poesie für dich?

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Photo by S O C I A L . C U T on Unsplash

Soul Jetlag oder: zu Gast im eigenen Leben

Soul Jetlag oder: zu Gast im eigenen Leben

Wenn mir manches in meinem Leben auch nach einer Woche immer noch seltsam erschient, nehme ich das erst.

Ich bin seit einer Woche zurück aus meiner Zwischenrente. Als Zwischenrente bezeichne ich das, was im Volksmund “Urlaub” heißt. Da ich nicht vorhabe, irgendwann in Rente zu gehen, brauche ich auch keinen Urlaub. Ich nehme mir meine “Rente” in der Zeit zwischen dem intensiven und erfüllenden Arbeiten.

Mein Zeiterfassungstool macht sich Sorgen: es wurden auch diese Woche keine Zeiten erfasst, ob ich irgendwas in meinen Einstellungen falsch gemacht hätte?

Nein, habe ich nicht. Ich habe bloß nicht gearbeitet. 19 Tage lang nicht.

Die Mails mancher Kollegen fangen dann auch mal so an:

“Nadja, ich weiß, dass du im Urlaub bist. Vielleicht liest du ja trotz digital Detox deine Mails und kannst meine Frage beantworten?”

Nein, tue ich nicht.

Zurück in Deutschland, zurück in dem “Arbeitsleben” fühle ich mich wie ein Gast im eigenen Alltag und schaue mir so manches verwundert an.

Soll das so? Oder ist es nur zufällig?

Mails lesen zum Beispiel. Oder Social Media nutzen. Dieses total beschäftigt sein.

Ist das mein Leben?

Was möchte ich der Nachwelt hinterlassen? Woran sollen sich andere erinnern, wenn ich nicht mehr da bin? Sollen sie überhaupt sich an mich erinnern?

Das berühmte Buch der australischen Krankenschwester, in dem sie beschreibt, was Sterbende bereuen, kommt mir wieder in den Sinn. Die Top drei Themen sind:

1. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben”
2. “Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet”
3. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken”

Bronnie Ware

Beim Punkt 1 und 3 bin ich ziemlich gut unterwegs, doch was ist mit Punkt 2? Will ich meinen Kindern dieses Beispiel sein? Eine stets beschäftigte Frau? Jemand, der auch abands um 9 noch etwas am PC schreibt?

Zu Gast im eigenen Leben

Leute, macht bitte ab und zu ein richtiges digitales Detox! So richtig richtig Mails aus, Benachrichtigungen aus, an paar nacheinander folgenden Tagen auch komplett Flugmodus (besonders wenn man sowieso im Ausland ist).

Kein Mensch braucht schnelles Internet am Pool! Und schon gar nicht brauchen wir einen Hotspot am Strand!

So machst du auf dem iPhone den Empfang der Mails aus
Mitteilungen lassen sich mit einem Klick ausschalten

Augen auf! Handy aus! Mach dein Herz weich, mach deine Schultern breit, mach deine Füße nass mit salzigem Wasser und deine Nase weiß mit Sonnencreme!

Lasst uns rausgehen, Wetter und Natur genießen, Menschen treffen, Erfahrungen machen, die wir nicht auf Instagram teilen und Erkenntnisse gewinnen, die wir in Tagebüchern mit Kugelschreibern festhalten! Mein Tagebuch der vergangener Reise ist knallvoll mit Aha-Momenten, und ich bin stolz darauf, noch gar nichts davon online geteilt zu haben…

Kommt Zeit, kommt Blogbeitrag. Bis dahin gemieße ich etwas, das ich “Soul Jetlag” nenne. Meine Seele braucht offenbar länger als sieben Tage, um hier anzukommen. Ich bin im geiste noch nicht in dem hektischen Deutschland. Mein Herz ist immer noch weich, meine Schultern sind ungewöhnlich breit, und ich könnte den ganzen Tag vor Freude hüpfen.

Wie ging nochmal arbeiten?

Seufz.

Kennst du das auch?

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Oh, wie schön ist Panama

Oh, wie schön ist Panama

Wie hängen Panama und Glück zusammen? Lass uns das zusammen rausfinden!

Als ich entdecke, dass es keinen Direktflug Hamburg – Dresden gibt, ist mir klar: es wird ein Abenteuer. Entweder mit dem Auto (nö, doch lieber nicht) oder mit dem Zug. Und als ich entdecke, wie lange eine Zugfahrt von Hamburg nach Dresden dauert, entscheide ich mich spontan doch … für einen Gabelflug. Hin über Frankfurt, zurück über München. Vor allem weil ich zurück dann mit vielen Kollegen gemeinsam die Strecke nach München nehmen kann, wo sie dann aussteigen. In der Zeit von virtueller Zusammenarbeit ist mir bereits eine gemeinsame Fahrt zum Flughafen viel Wert.

Kapitel eins: Stress

Der Mann vor mir an der Sicherheitskontrolle ist offenbar gestresst. Es fällt ihm links und rechts etwas aus der Hand. Er flucht und im gleichen Moment fällt wieder etwas hin. Seine Jacke ist zerknittert, sein Blick müde. Ich würde ihm ja gern ein „Alles wird gut“ zuflüstern, aber guckt mich gar nicht an und murmelt dauernd nur etwas von „Flug verpassen“.

Da fällt mir ein, dass ich vor kurzem mit einer Gruppe von Senior Managern darüber gesprochen habe, warum wir unter Stress keine Entscheidungen treffen sollten. Weil unser Gehirn dann im Alarm-Modus ist, und wir nur mit dem Stammhirn denken, welches bloß zwei Optionen kennt: Flucht oder Kampf. Kurzsichtig und auf wenige Optionen begrenzt scheint auch der Mann vor mir an der Sicherheitskontrolle nicht bemerkt zu haben, dass noch etwas in seinen Hosentaschen ist. Seufz.

Und da fällt mir noch etwas ein. Eine Studie über Mönche, die besagt, dass selbst diese Menschengruppe, die viel meditiert und allein schon durch die Ruhe des Klosterlebens recht gelassen sein sollte, vor diesem Stammhirn-Problem nicht geschützt ist.

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Kapitel zwei: Toleranz

Bis zum Boarding habe ich für gewöhnlich zwanzig Minuten. Das ist die Zeit, die ich sehr gern am Flughafen verbringe. Stressfrei zu meinem Gate schlendern, andere Menschen anschauen, Gedanken schweifen lassen. Seit ich beruflich viel unterwegs bin (und das bin ich seit 1998), sind mir während dieser Zeit vor dem Abflug sehr viele wertvolle Gedanken in den Sinn gekommen.

Heute habe ich fast eine halbe Stunden bis zum Boarding, und ich habe Hunger. Eine wunderbare Möglichkeit, Galja am Sushi-Stand zu besuchen. Dort werde ich von ihr mit einem „Zdrawstwujte“ begrüßt, denn ich komme regelmäßig. Sushi mit Supper und grüner Tee, ich möchte ganz in Ruhe Mittag essen und schauen, welche Gedanken mir heute dabei kommen. Der Laden ist voll, darum frage ich einen Fluggast mit einem asiatischen Aussehen, ob ich mich zu ihm an den Tisch gesellen darf. Ich darf. Auch er hat Sushi und Suppe, und kaum freue ich mich auf meine ruhige Mahlzeit, lerne ich in fünf Minuten sehr viel zum Thema Toleranz.

Dass Asiaten dem Koch gern akustisch zeigen, wie sehr sie sein Essen mögen, das weiß ich. Ich war auch schon paar Mal in China und Singapur und habe dort die Geräusch-Orgien sehr wohl als kulturelle Besonderheit zur Kenntnis genommen. Aber die Menge an Schmatzen, Schnalzen, Schlürfen, Rülpsen und anderen Geräuschen, für die ich gar nicht den Namen kenne, die passte für mich nicht zu der Hansestadt Hamburg, in der ich mich gerade befand.

Bis ich beschloss, Toleranz zu üben. Er macht nichts falsch. Es ist meine Bewertung der Situation, die mich gerade in den Wahnsinn treibt. Ich esse ja auch nicht Matjes mit Bratkartoffeln. Lecker die Suppe, ob ich nicht auch laut schnalzend schlürfen soll?

Und da fällt mir ein: Der Spruch „Das Leben ist zu 10 Prozent was uns passiert und zu 90 Prozent, was unsere Bewertung daraus macht“ liegt mir immer schnell auf den Lippen, wenn ich mit jemandem über schwierige Situationen spreche. Auf mich selbst angewendet, hat er gut funktioniert. Plötzlich merke ich: ich würde gern diesen Mann kennenlernen und ihn fragen, was er hier in Hamburg macht und ob ihm die Suppe wirklich so lecker schmeckt. Oder ob er einfach nur höflich erscheinen will.

Dazu komme ich nicht, weil sein Boarding offensichtlich schon gestartet ist und er davon eilt, ohne seine Fanta ausgetrunken zu haben.

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Kapitel drei: Geduld

Kaum zu glauben, es ist immer noch der gleiche Tag, knapp eine Stunde später bin ich schon zwei Lektionen reicher. Die Zwischenlandung in Frankfurt ist super pünktlich, was mir die Möglichkeit gibt, einen doppelten Espresso in meinem Lieblingsladen gegenüber Gate 14 zu bestellen. Als ich das erste Mal in diesem Laden gelandet bin – an einem Abend eines sehr langen Tages – spielte hier keine Musik.

Stattdessen hörten wir Dschungel- und Regengeräusche. Das war sehr entspannend, und an diesem Abend habe ich diesen Laden zu der Liste meiner Lieblingslokale hinzugefügt: man wird hier freundlich bedient, der Käsekuchen ist eine Sensation und der Ausblick auf die vielen Lufthansa-Flieger immer wieder eine Freude für mich als Traveller.

Einen Espresso später geht es wieder zum Gate – und heute hat die Maschine nach Dresden eine Außenposition, das bedeutet: Bus fahren. Außenposition bedeutet auch, ob Business oder nicht, alle gehen zusammen durch und nach unten und in den warmen Bus und dort warten wir, bis der Busfahrer entscheidet, dass der Bus voll ist. Und dann fahren wir quer durch den Frankfurter Flughafen und parken vor einer Maschine, die offenbar noch nicht bereit ist, uns reinzulassen. Es wird getankt. Die Rolltreppe ist noch nicht da. Wir warten.

Und da fällt mir auf: wenn ich das Gefühl habe, von etwas oder jemandem ausgebremst zu werden, gehe ich schnell auf 180. So auch hier. Statt wie alle anderen mit einem 90 Grad nach unten gebogenen Hals aus Smartphone zu starren, drehe ich meinen Kopf hin und her in der Erwartung von Veränderungen. Vor irgendwo muss ja die Rolltreppe kommen…

Ja, die Geduld gehört absolut nicht zu meinen Stärken. Ich nehme mir jedes Mal vor zu lernen, etwas mit diesen Lebensphasen zu machen, in denen ich warten muss. Und bestimmt werde ich das eines Tages schaffen. Nur heute klappt es noch nicht. Ich will in dieses Flugzeug, ich möchte mich auf mein Fensterplatz setzen und diesen Text schreiben.

Und etwas später klappt das auch.

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Kapitel vier: Vorhaben

Ich liebe deutsche Sprache. Egal wer und wie sie ausgedacht hat, er verdient alle Nobelpreise und Oskar dieser Welt dafür. Eine Sprache, die so vieles selbsterklärend macht.

Zum Beispiel das Wort Vorhaben. Ich habe etwas vor – es ist noch vor mir, aber ich habe es bereits, es ist in mir. Ein Wunsch, ein Traum, ein Gedanke.

Ich habe zum Beispiel schon länger vor, nach Südamerika zu fliegen. Egal mit welchem Land ich anfange. Hauptsache, ich mache aus meinem Vorhaben ein Unterfangen (und bei diesem Wort stelle ich mir vor, dass ich etwas fange und greife und ich mag dieses Bild).

Dass ich statt Südamerika nach Dresden fliege, daran erinnert mich ein wunderbarer Kurzbericht über Panama. Mal wieder merke ich, es wäre eigentlich doch gar nicht so schwer. Zeit auswählen, Ticket buchen, losfliegen… Was hält mich also?

Vielleicht kennst du so etwas auch. Ein Vorhaben zu haben ist nicht schwer. Etwas daraus zu machen braucht … hm… was braucht es eigentlich? Einen Schubs? Ein klares Warum? Eine Angst, dass es irgendwann zu spät sein könnte?

petranovskaja dresden

Kapitel fünf: Oh wie schön ist Panama

Wir sind in Dresden. Ich treffe Kollegen und freue mich sehr. Ich laufe zu Fuss über die Elbe und freue mich, wieder in Dresden zu sein. Ich mag diese Stadt mit all den Kontrasten und Geschichten.

Es sind gerade viele Baustellen da. Dadurch gelingt es mir nicht, ein Landschaftsbild ohne Kräne zu schießen. Zuhause ist mein Blick aus dem Fenster frei von Baustellen. Zuhause, das ist der Ort, an den ich immer zurück will, wenn ich unterwegs bin. Schon seltsam.

Und da fällt mir ein: es gab diese Geschichte schon einmal. Von Janosch. Mit dem kleinen Tiger und dem kleinen Bären, die nach einer langen Reise im Kreis in ihrem alten Zuhause ankommen. Genau wie dem Tiger und dem Bären, wird auch mir aus der Distanz immer klar:

petranovskaja himmel panama

Kapitel sechs: Glück

Was wir anstreben und vorhaben, ist nicht unbedingt der Garant für das Glücklichsein. Die kleinen Dinge des Lebens, die Details – darin steckt mehr Glück als uns oft bewusst ist. Echte Begegnung mit Menschen, Offenheit neuen Erkenntnissen gegenüber ist immer und überall möglich. Über den Wolken genau wie am Schreibtisch.

Denn dort, am Schreibtisch, bin ich inzwischen angekommen, um diese kleine Reisegeschichte zu finalisieren. Und ich bin sehr dankbar dafür, was ist. Über das Große und über das Kleine. Vielleicht werde ich nie nach Panama kommen – und ganz sicher bleibe ich trotzdem glücklich und gelassen.

Hast du auch so eine Panama-Geschichte? Lass hören!

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Wie soll GROSSES entstehen, wenn nie einer austickt?

Wie soll GROSSES entstehen, wenn nie einer austickt?

Wie entsteht Grosses? Als in der Wirtschaft tätige Psychologin beschäftige ich mich viel damit, was es braucht, damit etwas entsteht. Ich begegne vielen wunderbaren Menschen, die Visionen haben. Aus diesen Ideen und Konzepten entstehen nach und nach Veränderungsprojekte, die dann (manchmal) zu organisationsumfassenden Transformationen werden. Doch wo und wie entsteht das Große, das wir dann als Ergebnis sehen und erleben können? Dass ich eine Brücke zwischen dem Urknall, den ägyptischen Pyramiden und den heutigen Start-Ups schlage, ist zufällig beim Schreiben passiert und kostet dich nur 8 Minuten Lesezeit.

Enjoy!

Fangen wir doch mal mit dem Universum an. Da gibt es ja mehrere Weltansichten, doch in einem sind sich Physiker und Popen einig: Das, was für den aktuellen Stand unseres Universums mit all den Sternen und Planeten zuständig ist, ist uns nicht ganz geheuer und ist uns noch nie persönlich begegnet. Das gemeinsame in diesen beiden Antworten auf die Frage, wie Großes entsteht lautet:

Es darf durchaus chaotisch sein.

Die Bibel sagt, am Anfang war der Chaos da. Dunkel, leer, wüst und wirr.

Die Physiker sagen: “Am Anfang war alles, was sich im Universum befand, sehr heiß und gleichmäßig im Raum verteilt. Das Universum expandierte und kühlte sich dabei ab. Aus den Saatkörnern kleinster Unregelmäßigkeiten bildeten sich schließlich Materieklumpen – Galaxien, Sterne und endlich auch Planeten.” Im Grunde also auch ein Chaos, aus dem sich das asymmetrische und lustige um einander Drehen der Sterne und Planeten entstand.

Ob nun “es” oder “er” unsere Welt erschaffen haben, fest steht:

Von nichts kommt nichts

Und somit komme ich zu den großen Dingen, die sich unterhalb der Stratosphäre befinden. Die ägyptischen Pyramiden zum Beispiel. Oder wie Wolkenkratzer.

petranovskaja grosses bauen

Auch wenn das Erbauen der Wolkenkratzer uns viel einfacher zu sein scheint, als das mysteriöse Zustandekommen der ägyptischen Pyramiden, wird es in beiden Fällen ein Vorhaben gewesen sein, dass gänzlich ohne Projektmanagement-Software und Webkonferenzen ausgekommen ist. Wenn wir uns fünf Minuten Zeit nehmen, die Erfolgsfaktoren zu notieren, die dazu geführt haben, dass diese großen Bauwerke zustande gekommen sind, dann finden wir Begriffe wie:

  • Hingabe
  • Struktur / Disziplin
  • Begeisterung
  • gemeinsame Sprache
  • klare Führung / Anleitung

Von Jörg hinzugefügt:

  • das große Bild
  • die gemeinsame Vision
  • Vorstellungskraft

(Fehlt dir etwas? Dann freue ich mich über ein Kommentar!)

Bleibt noch die Frage, woher derjenige, der das Projekt beauftragt hatte, die Idee hatte, so etwas Großes entstehen zu lassen… Als Psychologin suche ich dann immer gern nach den Beweggründen und Motiven. Manche wollen Ruhm, manche wollen Ruhe. Theoretisch ist jedes Lebensmotiv eine gute Grundlage für das Entstehen von einem großen Etwas.

(Wenn ich von Motivation und Motiven spreche, meine ich die folgenden 16 Lebensmotive nach Steven Reiss:

petranovskaja reiss profile motive

Ich arbeite begeistert mit diesem Persönlichkeits-Profil. Wenn du fragen hast, melde dich gern!)

Grosses in der VUCA Welt

Willkommen in der Zukunft! Alteingesessene Unternehmen werden mit neuen Iden vom Markt gedrängt, neue Ideen werden von jungen Menschen ohne Uni-Abschluss in die Welt gepustet. Verwirrende Nachrichten über Einhörner der Wirtschaft – gestern noch unbekannte Unternehmen haben plötzlich eine Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar…

Wir entwachsen dem Zeitalter der Industrialisierung – dafür gibt es mehr als genug Anzeichen. Doch wer bestimmt, was nach nächste Große sein wird? Gern bringe ich hier das oft zitierte Schaubild über die Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt (vor und nach dem Smartphone):

Die oft genannten Beispiele der neuen Unternehmen wie airbnb, Uber, Car2Go zeigen, dass es neue Geschäftsmodelle gibt, die in der Lage sind, Märkte vollständig zu revolutionieren (Buzzwort: Disruption). Dabei erobern sie nicht nur Marktanteile, sie sind auch finanziell in die oberste Liga aufgestiegen. Das wertvollste deutsche Unternehmen, Volkswagen, war 2014 mit 119 Milliarden genauso viel wert wie Facebook. Daimler und BMW liegen mit 101 Milliarden und 80 Milliarden weit unter dem Marktwert dieses sozialen Netzwerks. Hingegen wurde UberTaxi Anfang 2015 mit 40 Milliarden Dollar bewertet – ein Unternehmen, das gerade einmal sechs Jahre alt ist. Airbnb steht derzeit bei rund zehn Milliarden Dollar und ist damit schon jetzt mehr wert als die meisten globalen Hotelketten mit Tausenden eigenen Hotels.

Großes entsteht nicht nur, Grosses kann auch verschwinden

Traditionelle, früher sehr erfolgreiche Unternehmen wie Kodak oder Nokia verschwinden plötzlich nahezu komplett von der Arena der Großen. Mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang kommt vom Nokia-CEO:

We didn’t do anything wrong, but somehow, we lost. – Stephen Elop

Nun aber genug vom furchterregenden und traurigen Geschehen. In der Marktwirtschaft soll so etwas nicht nur normal, sondern auch gesund sein. Und, by the way: airbnb wird in mehreren Städten gerade daran gehindert, zu wachsen (damit die Wohnungen nicht ausschließlich an Touristen vermietet werden).

Widmen wir uns zum Schluss einer Frage, die den für den Titel zuständig ist.

Wie soll GROSSES entstehen, wenn nie einer austickt?

Unsere Welt ist aus einem Chaos entstanden. Da war etwas nicht ganz plan und sauber und – zack! – sind Galaxien und Planeten entstanden. Eine Perle entsteht in einer Muschel auch nur dann, wenn etwas Fremdes eine Störung herbeiruft. Es ist also durchaus hilfreich, wenn nicht absolut notwendig, dass eine Störung, eine Unregelmäßigkeit (ein Größenwahn, eine verrückte Idee – diese Liste gern gedanklich fortsetzen) vorhanden sind.

Doch was machen wir mit Störungen und Unregelmäßigkeiten im “normalen” Alltag?

  • Wir versuchen diese zu ignorieren.
  • Zu umgehen.
  • Zu glätten.
  • Zu kaschieren, zu eliminieren usw.

Es fängt schon in der Schule an. Wer nicht zum Mittelwert des verlangten passt, wird abgestraft. Wer darunter liegt, bleibt sitzen. Wer darüber liegt, wird gemobbt, bis er sich anpasst. Traurig und wahr.

Im Beruf ist eine Abweichung – dem Industriezeitalter lieben Dank! – absolut nicht willkommen. Es soll doch bitte alles zu den festgeschriebenen Prozessen passen. Und zum Organigramm. Und zum Jahresziel und zum Plan. Anstrengend, traurig und leider wahr.

Stillstand ist der Tot

Doch nun ist alles anders. Wir sprechen von VUCA, wir untersuchen die bereits bekannten Disruptionen, während die neuen unsere bestehenden Stellenbeschreibungen gefährden, wir lesen Bücher, wir zitieren Modelle und lernen Methoden. Mit anderen Worten: Wir haben erkannt, dass wir uns mit dieser neuen Situation beschäftigen müssen. (Bestimmt haben es noch nicht alle erkannt, da wird es wohl noch den einen oder anderen geben, der den Nokia-Spruch zitieren wird, weil auch sein Geschäft geschlossen oder aufgekauft wird.)

Wir sprechen oft und lang über NewWork, Arbeit 4.0 und Innovation. Und je mehr von uns an diesen Dialogen und Diskussionen teilnehmen, desto besser. Denn: Wir sind alle in einem Boot. Auf diesem einen Planeten. Wir sind alle gleichermaßen dafür verantwortlich, wie unsere Zukunft aussehen wird. Es gibt keine Entschuldigung, absolut nichts dazu beizutragen, dass diese Zukunft eine lange und nachhaltige sein wird. Manchmal sind schon kleine Dinge entscheidend, damit sich nach und nach etwas verändert. Nicht jeder von uns baut an einer ägyptischen Pyramide oder einem neuen StratUp-Einhorn. Aber jeder von uns tut etwas – jeden Tag.

  • Es kann also ein Wort sein oder ein Satz, der Einfluss hat.
  • Es kann etwas sein, das du tust – oder sein lässt.
  • Ein Schritt. Eine Aktion. Deine Teilnahme an etwas. Eine Unterschrift.
  • Es kann eine Geschichte sein, die du deinen Kindern erzählst. Oder etwas, wovon du träumst und was du mit deinen Freunden teilst.
  • Es kann eine Reise sein, die du unternimmst. Ein Buch, das du liest. Ein Brief, den du schreibst.

Großes wird einzig und allein im Auge des Betrachters groß. Es gibt kein Verbot, etwas nicht als groß zu bezeichnen. Denn niemand kann vorhersehen, was genau dazu führt, dass etwas Großes entsteht.

Wie Steve Jobs sagte:

petranovskaja steve jobs dots future

 

Betrachten wir zum Schluss nochmal Erfolgsfaktoren. Was sollte dazu beitragen, dass wir alle und jeder von uns das Gefühl haben, austicken zu können? Ich für meinen Teil lege folgende Faktoren als Grundlage:

  • Neugier
  • Mut
  • Überzeugung / Vision
  • Selbstkenntnis
  • Change Kompetenz

Unschwer zu erkennen, keine der gelisteten Kompetenzen steht auf der Fächerliste in einer normalen Schule, und einen Online Kurs zu den meisten Begriffen wird man nicht finden. Das Verbindende dieser Faktoren ist die Tatsache, dass sie uns allen bekannt und verständlich sind. Und darum suchen wir – abseits der breiten Wege des Berufslebens – immer wieder Möglichkeiten, uns damit zu befassen. Zwei Möglichkeiten dazu möchte ich an dieser Stelle gern erwähnen:

  • Create Your Year: ein jährlich stattfindender Workshop, der Menschen zusammen und ins gemeinsame, ko-kreative Lernen bringt. Das Thema des CYY 2019 lautet “Selbstbewusstsein
  • Berlin Change Days: ebenfalls jährlich stattfindende Zusammenkunft von Menschen, die sich zum Thema Change austauschen. Diese Veranstaltung ist global und findet 2018 unter der Überschrift “Courage and Corporate Activism” zum 10. Mal statt

Es reicht nicht zu wissen, man muss es auch tun

Nochmal zurück zum Titel des Artikels. Mit “Austicken” meine ich nicht ausschließlich eine rebellische Aktion in einem geregelten Umfeld. Viel mehr geht es mir darum, unser “Das haben wir schon immer so gemacht” wach zu rütteln. Die dicken Schlagzeilen liefern tagtäglich genug Sense of Urgency – und diese Erkenntnis sollte für mehr ausreichen, als für das Retweeten oder ein Kneipengespräch. Resultate resultieren aus Taten. Großes entsteht nicht im Vacuum. Und “auch die längste Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt”.

Es geht mir auch darum, dass wir aufhören zu hoffen, jemand anders kommt und rettet uns. Es ist an uns, es selbst zu tun. Weil wir die Pflicht haben, die Dinge zu tun, die getan werden müssen. Weil genug Potential in uns schlummert, um sämtliche Probleme, die wir schon kennen oder noch kennenlernen werden, zu lösen.

Lasst uns also mutig sein! Voran gehen, selbst Vorbild sein und andere unterstützen, die etwas Mutiges tun. Lasst uns wach bleiben, neugierig, hungrig und ein wenig verrückt.

Lasst uns GROSSES vollbringen!

petranovskaja Unterschrift signatur

 

 

10 Regeln für ein leichteres Leben

10 Regeln für ein leichteres Leben

Frisch im Internet gefunden: Irische Weisheiten vom Kneipenfenster

  1. Beurteile den Tag nie nach dem Wetter.
  2. Die besten Dinge im Leben sind keine Dinge.
  3. Erzähl immer die Wahrheit, dann musst du dich an weniger erinnern.
  4. Sprich leise, trag ein auffälliges Hemd.
  5. Ziele täuschen. Ein Pfeil, der nicht gezielt ist, geht nie daneben.
  6. Wer mit viel Kram stirbt, ist trotzdem tot.
  7. Alter ist relativ, wer über den Berg ist, wird schneller.
  8. Es gibt zwei Wege um reich zu sein- mehr verdienen oder weniger wollen.
  9. Schönheit ist etwas Inneres- Aussehen bedeutet nichts.
  10. Kein Regen heisst: kein Regenbogen.

Zugegeben, das mit dem auffälligen Hemd habe ich nicht verstanden, aber um so mehr gefällt mir die Idee mit den Zielen und den Pfeilen.

Kennst du so was ähnliches? Weisheiten zum lächeln und nachdenken?

Nadja Petranovskaja Signatur