Gegenwart (Woche 32)

Gegenwart (Woche 32)

Gegen was ist die Gegenwart? Oder was wart sie?

Ich liebe die deutsche Sprache, und das Wort “Gegenwart” reizt mich immer wieder. Es ist wie eine kleine Schatztruhe voll mit möglichen Überraschungen. In der Gegenwart passiert stets so viel, und die letzte Woche zusammenzufassen hat dieses Mal wieder etwas länger gedauert.

Teresa Werner

Das Kennenlernen von neuen Menschen ist für mich immer wieder wie Weihnachten, und diese Woche hat so viele Weihnachtsgeschenke für mich gebracht! Das eine davon möchte ich mit euch teilen, und dieses Geschenk ist Teresa. Sie spricht am laufenden Band faszinierende Sätze, und mein Kopf schafft es einfach nicht, da gleichzeitig zuzuhören und mitzudenken. Das eine Zitat, das mich sofort zum Ausflippen gebracht hat, war die Abwandlung des Kant’schen:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

E. Kant

Aufklärung spielt in der Coronazeit eine wichtige Rolle bei uns, und jawohl, diese Zeit bringt viele mündige Menschen hervor. Die Teresa hat ihre eigene Version geschaffen, und diese geht so:

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Zitat von Teresa Werner

Bumm! Das hat gesessen. Das hat mich mitten im Herzen getroffen, tue ich doch gefühlt seit Jahrzehnten nichts anderes, als genau dies. Nur ohne so viel Klarheit. Mit einer anderen Klarheit. Und ich spüre: ich wünsche mir etwas anderes.

Verwirrung und Erschöpfung

Ich fühle und ich nehme um mich herum zwei Dinge wahr: Verwirrung und Erschöpfung. Wir sind Corona-müde. Viele, die wie ich, in ihrer Selbständigkeit Gott und die Welt auf den Kopf gestellt habe, ihr Business neu erfunden haben, tausend neue Dinge gelernt haben, mit den Kunden in völlig neuen Diskussionen gesteckt haben, sind erschöpft. Müde. Haben leere Batterien. Manche fangen sogar an, öffentlich darüber zu sprechen, und das trifft.

Ich spüre meine eigene Müdigkeit und verschreibe mir ein ruhiges Wochenende. Alleine. Viel frische Luft, Hamburger Nebel und Hamburger Sonne, viel Schlaf, gutes Essen und gute Bücher … nein, keine Bücher. Filme, Telefonate mit Freunden, lange nicht mehr gehörte Platten.

Weniger müssen. Mehr sein. Spürend as da ist. In der Gegenwart verweilen. Die Gegenwart wahrnehmen. Der Gegenwart etwas beisteuern, wahrgeben nennt das die Birgit Dierker. Raus aus Resignation und Leere, das sind Bewertungen der Gegenwart. Rein ins zuhören, sein, atmen und durch rein ins wahr werden. Werden, wer wir sind. Raus aus der selbstverschuldeten Menschlichkeit.

Dave Snowden

Während ich mit diesen mantraartigen Gedanken meinen Tee in die Tasse gieße und nichtsahnend im Computer rumklicke, spült der Ozean aus allen möglichen Informationen mir mit der nächsten Welle vier Aussagen von Dave Snowden vor die Füße. Sie sind so bitterböse wie zuckersüß. Wunderbarst treffend und gleichzeitig eine große Bühne für Diskussionen und Auseinandersetzungen. Hier eine Übersetzung:

Wenn du wirklich etwas verändern willst, dann hör auf, Listen mit idealisierten Qualitäten zu erstellen, wie die Dinge sein sollten – sie werden immer als belanglose Plattitüden enden – konzentriere dich auf das Verstehen und kritisches Agieren in der Gegenwart, um die Dinge in eine bessere Richtung zu lenken.

Ein guter Orientierungssinn und ein Verständnis dafür, was möglich ist und was Optionen offen hält, ist wichtiger als irgendeine messianische Zukunftsvision; letzteres, was auch immer die Absicht sein mag, ist nur eine Ausrede dafür, sich nicht mit der gegenwärtigen Realität auseinanderzusetzen.

Und höre endlich mit dem paternalistischen Versuch auf, zu definieren, wie Menschen denken und eine XYZ-Kultur entwickeln, und konzentriere dich stattdessen darauf, Verbindungen zu schaffen und zu verändern und Menschen in kleine Aktionen im Hier und Jetzt zu verwickeln. Bewusstseinswandel hat den Beigeschmack von Belehrung.

Oh, und es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Verständnis, dass alles miteinander verbunden ist, dass kleine Dinge bedeutende Veränderungen und unbeabsichtigte Folgen katalysieren können auf der einen Seite und der Illusion, dass man das System als Ganzes sehen kann oder sollte.

Dave Snowden, übersetzt

Ich habe ein weiteres Bumm! in meinem Schädel und bin dankbar. Ich denke nach. Ich höre meinen Gedanken zu. Ich sehe innerlich eine Medaille, die sich ständig dreht und mir in jeder Sekunde beide Seiten zeigt.

  • Laut und leise
  • Neu und alt
  • Bunt und grau
  • Müde und begeistert
  • Zerstörerisch und schöpferisch

Es ist kein “entweder-oder” in diesem Hier-und-Jetzt möglich. Sobald ich mich für eine Seite dieser Medaille entscheide, sehe ich schon wieder die andere. Sehe ich das Gute in der Situation, fordert etwas Trauriges meine Aufmerksamkeit. Entschiede ich mich für müde und traurig sein, weckt etwas mein Interesse und lockt mich in die Ekstase der Schöpfung.

Der Krisenbegleiter

Denn diese Woche haben wir den Krisenbegleiter in den Druck geschickt, ein zweites Selbstcoaching-Buch von Birgit Dierker und mir. Einen Begleiter in den Zeiten der Verzweiflung, des Nicht-mehr-weiter-wissens, der Müdigkeit und der Leere.

Ein Buch, das Snowden und Werner vereinend, in kleinen Aktionen im Hier-und-Jetzt jedem von uns zurück zu unserer Menschlichkeit hilft. Ein außen grünes, innen mit 41 farbigen Seiten buntes Ergebnis unserer Kreativität und Schreibkraft, mitten in dem Corona-Sommer als Idee entstanden und nun umgesetzt.

Jetzt erst recht!

Mein rebellisches Ich will nicht Krise schieben oder bekämpfen, ich will leben, mit einem großen Lächeln und einem weit reichenden Leuchten. Ich ziehe mich hübsch an, gehe in die Maske, tanze zu meinem Lieblingslied und gehe raus. Ich spaziere in der bunten Herbstluft, ich genieße den Cappuccino bei Jacqueline (der es leider immer noch sauschlecht geht wegen Corona) und schiebe mit einem lauten Rauschen die Blätter durch die fast menschenleeren Straßen.

Wie viele verschiedene Gefühle passen eigentlich gleichzeitig in ein Gemüt?

Später gehe ich am Strand spazieren und genieße solche und andere Fragen. Die Wellen, unermüdlich den Sand leckend, erinnern mich daran, dass Aufgeben keine Option ist. Die Stimmen der Zitate in meinem Kopf erinnern mich daran, dass ich zu keinem Zeitpunkt – niemals – alleine bin oder war, und mit dieser Gewissheit lässt sich die große Unsicherheit dieser Zeit ein Stückchen besser aushalten.

Oder?

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Mein Corona-Tagebuch

Shit in, shit out (Woche 29)

Shit in, shit out (Woche 29)

“Shit in, shit out” hüpft es plötzlich aus meinem Mund. Wir sprechen über Führung und über Corona. In vielen Unternehmen hat Corona zu vielen Veränderungen verholfen. Leider ist das Thema Führung meistens nicht angefasst worden. Meine Teilnehmer – mit mir zusammen auf der Pausen-Terrasse eines Seminarhotels – gucken mich verwundert an. Solche Worte sage ich selten.

Wir sprechen über viel zu viele Meetings, die zu lange dauern, nicht vorbereitet und schlecht moderiert werden. Wir sprechen darüber, ab wann es die Verantwortung jedes einzelnen Mitarbeiters ist, diese Kette zu durchbrechen und wie man auf verschiedene Arten und Weisen Nein sagt.

Es ist ein überwältigendes Gefühl, wieder mitten drin zu sein. In keiner der online Sessions konnte ich mit den Teilnehmern so tiefe Einblicke in die Kultur der Firma oder in die Philosophie der Führung gewinnen. Es ist für mich einfach anders, in Präsenz zu arbeiten.

Praise in, praise out

Wir sprechen über Feedback, Lob und Kritik. Ich präsentiere die umgekehrte Glücksformel von Shawn Anchor. Zuerst wird diese massiv in Frage gestellt. Dann bringen die Teilnehmer plötzlich nach und nach eigene Beispiele, wie diese funktioniert. Erinnern sich an Situationen, in dene sie genau das erlebt haben. Wir feiern diese Erkenntnis und gehen eine halbe Stunde früher aus dem Seminarraum.

Drei Tage zuvor beschließe ich, die Arbeit Arbeit sein zu lassen und mich bewusst der Freizeit hinzugeben. Das geschieht immer noch unter dem Einfluss des wunderbaren “Do nothing” Buches, und ich bin überglücklich und leicht.

In diesem Zustand schaffe ich alle Aufgaben von meiner To Do Liste in der Hälfte der geplanten Zeit und telefoniere kreuz und quer durch meine Freundesliste. Es fühlt sich an wie ein Paralleluniversum. So viel Zeit und so viel Freude, und das nur, weil ich mir selbst erlaubt habe, Spaß und Freude zu haben!

petranovskaja-begegnungen

Shit in, shit out

Heute war in Hamburg übrigens wieder “Friday for future”, was bedeutet, dass die Autos auf der Straße vor meinem Büro zehn mal so laut waren wie sonst wegen Hupen, quietschenden Bremsen und Anfahren. Dazu etliche Blaulichtfahrzeuge. DAs alles war hoffentlich eine erfolgreiche Energie- und Nerveninvestition in unsere umweltfreundliche Zukunft.

Warum mein Satz so zweifelnd klingt? Weil ich das gern anders erreicht hätte. Mit weniger Kampf, mit weniger Gegnerschaft und Protest. Weil mich diese Aggression wieder an “Shit in, shit out” erinnert. Wie du in den Wald hinein rufst… Ich bin immer wieder sehr nah an etwas, was sich als eine Möglichkeit anfühlt, das zu erreichen. Die Intuition braucht nur etwas mehr Ruhe, um die Antwort zu flüstern.

Und die Ruhe kommt aus dem herrlichen Nichtstun, Dolce Far Niente (it) oder Leisure (en).

In diesem Sinne, schönes Wochenende!

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Mein Corona-Tagebuch

Zukunft? Egal! (Woche 24)

Zukunft? Egal! (Woche 24)

Alle reden sie von der Zukunft. Natürlich ist Corona nah wie vor mitten drin und schmeißt Pläne um oder zeigt uns, was es bedeutet, wenn nicht alles “einfach so weiter geht”. Wieso überhaupt weiter? Hier ist es auch schön!

Die Zukunft, das ist so ein schwer greifbares Mysterium. Mein Vater würde sagen: die gibt es nicht. Wir können eh nur in der Gegenwart sein und in der – stark persönlich gefilterten – Vergangenheit herumwühlen.

Wozu also all diese Zukunftsgedanken und Gespräche? Wie viele Kongresse, Konferenzen, Barcamps finden weltweit statt, die versuchen, etwas Zukunft zu greifen… (so auch das PM Camp in Berlin :-))

Zukunft ist langweilig. Zukunft ist echt total egal.

zukunft egal
Wohin? Egal!

Das ist falsch!

Dass Zukunft egal ist, ist falsch? Überzeuge mich vom Gegenteil! Was ist denn verkehrt an der Gegenwart? Was fehlt im hier-und-jetzt, um glücklich zu sein? Warum müssen wir uns Gedanken machen? Wozu die ganze Aufregung? Wozu was strukturieren, formen, erfinden?

Wir haben alles. Uns geht es gut.

Wozu dann Zukunft malen?

Lasst uns hier und jetzt genießen und einfach nur (wie Loriot oder Astrid Lindgren) hier sitzen.

petranovskaja Zukunft egal

Meine These ist: nur wer die Gegenwart nicht genießen kann, macht sich dauernd Gedanken um die Zukunft. Es wurde mal gesagt, die Unzufriedenen erfinden Neues, erschaffen Parteien und Lobbies und finden andere, mit denen sie dann auf die Barrikaden gehen.

Wer nicht zufrieden ist mit dem, was er hat, der wäre auch nicht zufrieden mit dem, was er haben möchte.

Berthold Auerbach

Wenn ich genauer hinsehe, könnte ich so weiter machen.

  • Bekloppte Chefs, die ihre Mitarbeiter quälen? Sind unzufrieden.
  • Gierige Kapitalisten, die alles für Profit tun? Können den Hals nicht voll kriegen, weil sie nicht glücklich sind mit dem, was sie schon haben.
  • Faule Lehrer, die weder kreativ noch initiativ sind bei der Umgestaltung des Unterrichts? Haben keine Lust auf die Kids und ihre Arbeit.

Im Hier-und-jetzt zufrieden zu sein und sich gar nichts zu wünschen… wer in deinem Umfeld kann das richtig gut? Wie oft reden diese Menschen davon, dass wir eine andere Zukunft brauchen? (Achtung, es ist immer noch eine Hypothese!)

Ja, ich bin gerne Psychologin und ich beschäftige mich sehr gern mit den Fragen, was uns antreibt und was uns zufrieden macht. Ich habe auf sehr viele Fragen keine Antwort, und das stört mich nicht, denn manchmal sind gute Fragen schon Impulse genug.

Darüber hinaus befasse ich mich sehr gern mit der Zukunft. Ich wäre gern auf dem PM Camp Berlin dabei, um zu erleben, was uns bewegt und welche Fragen wir uns stellen. In der Tat beschäftigt es mich regelmäßig, was wir aus dieser Corona-Phase machen werden, und genau deswegen gibt es auch diesen wöchentlichen Blog.

Zukunftsfähigkeit

Lustigerweise habe ich mich lange damit beschäftigt, was ein Team oder ein Unternehmen zukunftsfähig macht. War auf ein paar Konferenzen und Kongressen und habe einen dicken Ordner mit Dateien dazu auf der Festplatte. Was immer seitdem passiert ist, ich empfinde das Versuchen, die Zukunft zu sehen oder zu planen grundlegend falsch. Es sei denn, du bist eine Hexe oder ein Zauberer und kannst die Zukunft sehen, das ist dann natürlich eine besondere Gabe. Bei “Man in black” gab es mal einen Alien, der konnte alle möglichen Zukunftsszenarien gleichzeitig sehen und wusste dennoch nicht, welches davon eintreten wird.

Weil es einfach zu komplex ist, und jedes einzelne Szenarium ist möglich.

Was macht ein Team oder ein Unternehmen zukunftsfähig? (Im Sinne des kapitalistischen “höher-weiter-besser” Überlebenswillens):

  • Nachhaltiges Handeln (sehr schön beschrieben von Hans-Peter Dürr)
  • Bewusstheit über das WARUM
  • Gelassenheit
  • ein gutes humanes Miteinander

Keine Hexenkunst, und dennoch selten vorzufinden. Die Liste ist natürlich weder wissenschaftlich belegt noch vollständig :-)

Die Welt steht Kopf, das gibt uns neue Perspektiven

Sich am Strand mit der Zukunft zu befassen, das funktioniert überhaupt nicht, darüber habe ich letzte Woche geschrieben, und diese Woche habe ich es einfach nochmal genossen. Was am Strand gut geht, ist kreativ im Flow sein. So wird es demnächst eine virtuelle Version des Create-Your-Year Formats geben und einen Krisen-Begleiter, beides bereits vorbestellbar.

Darüber hinaus wächst und gedeiht unser Handbuch der Entscheidungen. Es nimmt Form und wird mit dem Feedback der Leser immer nützlicher. Wenn du magst, trage dich in unseren Buch-News Verteiler ein.

Und dann noch das New Work Format – Journeython, mit dem Disclaimer, dass wir selbst recht kritisch mit dem Wort “New” umgehen.

Und ein virtuelles Format aus der Wondercards-Schmiede: eine Facilitation School für Agile Coaches und Scrum Master. Und natürlich auch für alle anderen, die mit Gruppen arbeiten. Ist in der Testphase und wird voll lustig, ich sag nur: cat content!

Mach dir nicht so viele Gedanken!

Jemand sagte mir diese Woche, ich soll mir nicht so viele Gedanken um die Zukunft machen Da habe ich mich selbst dabei ertappt, zu grübeln, statt den Moment zu genießen, Und zu genießen gab es so viel! Den Sommer, die Sonne, den Strand und die vielen guten Gespräche, die sich teils spontan und teils aus “aufgeschoben ist nicht aufgehoben” ergaben.

Jetzt genieße ich meinen Kaffee und wünsche dir vom Herzen, dass du ein Lächeln auf deinen Lippen hast.

So long,

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Mein Corona-Tagebuch

Das Boot (Woche 20)

Das Boot (Woche 20)

Neulich war ich Boot fahren. Es hat total Spaß gemacht, und ich merkte, wie sehr eine Sehnsucht nach mehr Leben sich in mir ausbreitete. Schließlich bin ich seit März fast arbeitslos, habe dennoch viel zu tun – vor allem wegen der Wohnung.

Ich merkte, wie schnell ich schlechtes Gewissen bekam. Dass ich so wenig arbeite und dass ich mir auf diesem Boot mehr solcher Tage wünschte. Als ob das verboten sei.

Ja, das ist ein Bestandteil unserer Kultur. Irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts ing es an, dass es mehr verpönt erschien, nicht zu Arbeit zu kommen als nicht zu Kirche zu gehen.

Und dann war da noch das eine Buch, das ich (parallel zu anderen Büchern) zur Zeit lese. Auf dem Titel steht: “Do nothing. How to break away from overworking, overdoing and underliving”.

Underliving. Ja, das ist das Wort. Die stille Sehnsucht nach mehr Leben pro Tag, nicht mehr Geld und nicht mehr Ruhm oder Erfolg. Mehr am Meer sein, Freunde treffen, Musik hören, Füße ins Wasser stecken – all das sind Dinge, die kein Geld kosten und dennoch so wertvoll sind.

Ist Corona gar keine Krise?

Aus den vielen Gesprächen mit Kollegen und Freunden weiß ich, dass ich nicht allein bin mit diesen Gedanken. Bei manchen sind diese durch das starke und intensive Familienleben hervorgerufen, bei anderen durch die neue Nähe mit Eltern und Nachbarn. Die Sehnsucht lässt sich von solch einfachen Dingen nähren wie gemeinsame Pizzaabende, Spaziergang und Aufräumen.

Zeit haben. Corona ist aus dieser Perspektive keine Krise für mich. Ja, die Wirtschaft leidet. Und ja, es ist anders, als vorher. Doch die Krise, diese Bewertung, die kommt aus dem, was uns wichtig erscheint. Zum Beispiel, dass es einfach so weitergeht, wie bisher. Vielleicht war alles, was vor Corona war, Krise. Vielleicht ist jetzt hier der Gegenteil da und wir haben eine Gelegenheit, eine wunderbare, humane und menschenorientierte Zukunft aufzubauen.

Ein Bekannter von mir kommt aus Finnland und arbeitet dort auf einem Boot. Da haben wir es wieder, ein Boot. Eigentlich hat er Urlaub, dennoch geht es ihm oft wie mir: wenn die Inspiration erst mal da ist, möchte man ihr folgen. Was er festgestellt hat: ein Boot als sehr ungewöhnliche Arbeitsumgebung ist extremst inspirierend.

Dieser Gedanke schließt sich wunderbar an meinen Blogbeitrag von letzter Woche an: was genau ist Arbeit? Warum nennen wir manche Tätigkeiten Arbeit, andere erscheinen uns wiederum nicht richtig in diesem Zusammenhang? Darf man das „arbeiten“ nennen, wenn man auf einem Boot ab und zu E-Mails abruft und diese beantwortet? Darf man das arbeiten nennen, wenn man auf einem Boot über die Zukunft nachdenkt?

Was denkst du darüber und was ist deine ungewöhnlichste Arbeitsumgebung?

petranovskaja segelboot
Neulich an der Alster in Hamburg
petranovskaja umzug
Der Umzug: Arbeit und Genuss zugleich.
petranovskaja reparatur 1
Das Zauberwort heisst ENDANSTRICH. Bald fertig!
petranovskaja reparatur 2
An manchen Stellen entsteht spontane Kunst

Mein Corona-Tagebuch

Etwas Poesie für Gelassenheit im Alltag

Etwas Poesie für Gelassenheit im Alltag

Poesie ist ein Geschenk, das nur uns, in Worten denkenden Wesen als Genuss möglich ist. Während andere Wesen (Tiere, Bäume) auch Musik hören und genießen können, ist es oft die Kraft der Worte, die mich persönlich zutiefst bewegt. Bis hin zu Gänsehaut.

In Russland geboren, war ich von Poesie umgeben. Puschkin lebte in meiner Heimatstadt und seine Werke mussten wir teilweise seitenlang auswendig lernen.

1992 bin ich dann ins Land der Dichter und Denker umgezogen, und auch hier habe ich viel Freude mit den wunderbaren, sich reimenden Zeilen.

Mein Vater hat mir Haiku (traditionelle japanische Gedichtform) schmackhaft gemacht. Manchmal dichten wir einfach so hin und her, statt uns Prosa zu schreiben.

Mit der Besserung meiner Englischkenntnisse wurde mir auch die Welt der englischen Gedichte offenbart. Was für eine Schatzkiste! Heute möchte ich eine spontane Entdeckung hier in meinem Blog verewigen, um selbst ab und an vorbei zu kommen und mich satt zu lesen an den ermutigenden wie weisen Zeilen von Rudyard Kipling. Laut WIkipedia geht es im Gedicht um Gelassenheit als Tugend. Für mich geht es hier auch um Mut, sich selbst treu sein, wahrnehmen, achtsam sein, verbunden mit anderen Menschen.

Weiter unten findest du eine Übersetzung ins Deutsche.

Schön, dass du hier bist.

IF

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master,
If you can think – and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ’em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings
And risk it all on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: “Hold on!”

If you can talk with crowds and keep your virtue,
Or walk with kings – nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

1895

WENN

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
dir treu sein kannst, wenn alle dich verlassen,
und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;
kannst warten du und langes Warten tragen,
läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
und doch dem Unrecht unversöhnlich sein &ndash

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;
kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
und baust mit letzter Kraft es wieder auf –

Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;
wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
als nur dein Wille, der “durchhalten!” heißt –

Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
läßt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;
füllst jede unerbittliche Minute
mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann!

(Übersetzung von Lothar Sauer)

Was ist Poesie für dich?

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Photo by S O C I A L . C U T on Unsplash

Soul Jetlag oder: zu Gast im eigenen Leben

Soul Jetlag oder: zu Gast im eigenen Leben

Wenn mir manches in meinem Leben auch nach einer Woche immer noch seltsam erschient, nehme ich das erst.

Ich bin seit einer Woche zurück aus meiner Zwischenrente. Als Zwischenrente bezeichne ich das, was im Volksmund “Urlaub” heißt. Da ich nicht vorhabe, irgendwann in Rente zu gehen, brauche ich auch keinen Urlaub. Ich nehme mir meine “Rente” in der Zeit zwischen dem intensiven und erfüllenden Arbeiten.

Mein Zeiterfassungstool macht sich Sorgen: es wurden auch diese Woche keine Zeiten erfasst, ob ich irgendwas in meinen Einstellungen falsch gemacht hätte?

Nein, habe ich nicht. Ich habe bloß nicht gearbeitet. 19 Tage lang nicht.

Die Mails mancher Kollegen fangen dann auch mal so an:

“Nadja, ich weiß, dass du im Urlaub bist. Vielleicht liest du ja trotz digital Detox deine Mails und kannst meine Frage beantworten?”

Nein, tue ich nicht.

Zurück in Deutschland, zurück in dem “Arbeitsleben” fühle ich mich wie ein Gast im eigenen Alltag und schaue mir so manches verwundert an.

Soll das so? Oder ist es nur zufällig?

Mails lesen zum Beispiel. Oder Social Media nutzen. Dieses total beschäftigt sein.

Ist das mein Leben?

Was möchte ich der Nachwelt hinterlassen? Woran sollen sich andere erinnern, wenn ich nicht mehr da bin? Sollen sie überhaupt sich an mich erinnern?

Das berühmte Buch der australischen Krankenschwester, in dem sie beschreibt, was Sterbende bereuen, kommt mir wieder in den Sinn. Die Top drei Themen sind:

1. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben”
2. “Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet”
3. “Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken”

Bronnie Ware

Beim Punkt 1 und 3 bin ich ziemlich gut unterwegs, doch was ist mit Punkt 2? Will ich meinen Kindern dieses Beispiel sein? Eine stets beschäftigte Frau? Jemand, der auch abands um 9 noch etwas am PC schreibt?

Zu Gast im eigenen Leben

Leute, macht bitte ab und zu ein richtiges digitales Detox! So richtig richtig Mails aus, Benachrichtigungen aus, an paar nacheinander folgenden Tagen auch komplett Flugmodus (besonders wenn man sowieso im Ausland ist).

Kein Mensch braucht schnelles Internet am Pool! Und schon gar nicht brauchen wir einen Hotspot am Strand!

So machst du auf dem iPhone den Empfang der Mails aus
Mitteilungen lassen sich mit einem Klick ausschalten

Augen auf! Handy aus! Mach dein Herz weich, mach deine Schultern breit, mach deine Füße nass mit salzigem Wasser und deine Nase weiß mit Sonnencreme!

Lasst uns rausgehen, Wetter und Natur genießen, Menschen treffen, Erfahrungen machen, die wir nicht auf Instagram teilen und Erkenntnisse gewinnen, die wir in Tagebüchern mit Kugelschreibern festhalten! Mein Tagebuch der vergangener Reise ist knallvoll mit Aha-Momenten, und ich bin stolz darauf, noch gar nichts davon online geteilt zu haben…

Kommt Zeit, kommt Blogbeitrag. Bis dahin gemieße ich etwas, das ich “Soul Jetlag” nenne. Meine Seele braucht offenbar länger als sieben Tage, um hier anzukommen. Ich bin im geiste noch nicht in dem hektischen Deutschland. Mein Herz ist immer noch weich, meine Schultern sind ungewöhnlich breit, und ich könnte den ganzen Tag vor Freude hüpfen.

Wie ging nochmal arbeiten?

Seufz.

Kennst du das auch?

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