Ohne (Woche 28)

Ohne (Woche 28)

“Du kannst ohne Hose von Zuhause arbeiten bei gleichem Gehalt und regst dich auch noch auf?” – mir platzt in einem Gespräch der Kragen. Ein Bekannter, angestellt und völlig sorgenlos durch den Corona-Sommer gerutscht, klagt in einem Gespräch über die Arbeit und die Projekte.

Dieser Beitrag sollte eigentlich wie immer freitags veröffentlicht werden. Doch dann habe ich ihm etwas zeit zum Reifen gegeben. Es ist jetzt weniger Text geworden, dafür mehr von dem, was ich in meinem eigenen Tagebuch wirklich lesen will.

Ohne Hose

Vor 28 Wochen fing es an. Sämtliche Präsenztermine wurden abgesagt. Das öffentliche Leben wurde angehalten, die Arbeit wurde – für wen das ging – nach Hause verlagert. Wir sind durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen, durch die Change Kurven und durch einige schwierige Diskussionen.

Manche hatten dabei keine Hosen an. Weil der Sommer herrlich warm war und die virtuellen Termine nur den Oberkörper zeigen. Viele der “plötzlich im Home Office” Menschen mussten sehr schnell sehr Vieles über Selbstdisziplin, Zeitmanagement und Home Schooling lernen, und sie wurden nicht gefragt, ob sie das möchten. Es wurde zu unserer neuen Normalität.

Manchen wurde in dieser Zeit die Hose – metaphorisch gesprochen – ausgezogen. Denn in vielen Branchen, die mit der Zusammenkunft zu tun haben, gab es von heute auf morgen gar keinen Umsatz mehr. Auch hier wurden die Menschen nicht gefragt, ob sie lernen möchten, zu überleben, und leider geht es dieser Gruppe Menschen unverändert schlecht, weil das öffentliche Leben immer noch sehr restriktiv stattfindet und immer wieder droht, noch einmal angehalten zu werden.

Dann gab es wiederum jene, die unverändert oder sogar noch mehr als vorher in ihrer Hose zur Arbeit mussten, weil weder die Krankenhäuser noch die Supermärkte Pause gemacht haben. Wir haben uns bei diesen Menschen – so mein Gefühl – nicht ausreichend dafür bedankt, dass sie so selbstverständlich zu ihrer Arbeitsstätte gingen. Keinesfalls betrachte ich es als selbstverständlich, dass jemand mitten in der großen Unsicherheit unseres Corona-Sommers munter und angstfrei seine Aufgaben erledigt, während wir uns vor den Bildschirmen unserer Computer versammeln…

Und dann gibt es noch die kleinen Wesen, Kinder genannt, die für mich auch zu den Helden dieser Zeit zählen. So viel Normalität abzugeben für den Kampf gegen unsichtbaren Feind… So gern hätte ich erfahren, was in diesen klugen heranwachsenden Köpfen vorging, während wir schlaue Twitter-Diskussionen führten…!

So viele Menschen mussten etwas aufgeben, abgeben, streichen, ersetzen. Wie kannst du dich nun vor diesem Hintergrund über die Arbeit beschweren, du Mensch ohne Hose mit einem Luxus-Job? (Frage an den Menschen aus dem Anfangs-Satz dieses Artikels)

Ohne Schuhe

Ohne Schuhe arbeite ich am liebsten. Früher habe ich mich irgendwo am Strand visualisiert, oder zumindest südlicher als Hamburg. Heute verstehe ich, dass ich in Hamburg bleiben werde, und wenn ich meine Arbeit nicht von einem Strand auf Hawaii erledigen kann, so genieße ich die Schuh-freie Zeit zuhause. Reframing, das Zaubermittel jedes Meckerkopfes!

Und wo wir schon beim Thema sind: Was ist es überhaupt, Arbeit? Erwerbstätigkeit ist klar umschrieben, doch was ist Arbeit? Ist es etwas, das sich erschwerlich und anstrengend anfühlen muss? Oder etwas, das mir Ansehen und Status verschafft?

Oder ist Arbeit lediglich etwas, was sich sinnstiftend anfühlt, weil es einen Beitrag leistet zu unserem gemeinsamen Leben?

Ich habe keine Antwort, und auch das macht mich nicht verrückt.

Ohne Büros

Für sehr viele Unternehmen geht es plötzlich auch ohne Büros. Aus den Gesprächen mit vielen Führungskräften, die ich während des Sommers begleiten durfte, kam immer wieder die Erkenntnis, dass die Arbeit sogar noch besser erledigt werden konnte. Warum?

Die Antwort ist so klar wie logisch. Die Menschen, die man früher in Büros versammeln zu müssen meinte, können plötzlich ganz selbständig ihren Tag organisieren und ihre Arbeit planen, und diese Selbstorganisation macht ihnen viel mehr Spaß. Wetten, bei ganz vielen Führungskräften steht das Buch „Drive“ im Regal, und in dem Buch haben sie gelesen, dass Autonomie, Mastery und Purpose drei super motivierende Faktoren sind?

Wenn der Mensch gar nicht kontrolliert wird und den allgemeinen “wir-machen-niemals-Feierabend-vor-19-Uhr” Zwang ignorieren darf, dann passieren kleine Wunder, und alle sind die Gewinner dieser Situation.

Spannend wird sein, wie viele Büros nun behalten werden und wie viele der Denkarbeiter in den remote Arbeitszimmern bleiben dürfen. Wir werden es erleben :-)

Ohne Zweifel

Ohne Zweifel bin ich nicht, und das macht mir Hoffnung.

Ich zweifle immer noch daran, dass wir es schaffen, menschlich und vernünftig durch diese Zeit zu kommen. Ich zweifle immer noch daran, dass es uns möglich sein wird, die Gewohnheiten der vor-Corona-Zeit abzulegen und im vertrauen und auf Augenhöhe das gemeinsame Verständnis von “NORMAL” zu gestalten. Ich zweifle gern laut und öffentlich, damit wir etwas zum Nachdenken und stolpern haben.

(ich schreibe jetzt irgendwie anders. weniger für andere, mehr für mich und mehr philosophisch. Die Buchstaben und die Grammatik werden immer weniger wichtig, dafür die Bilder und die Empfindungen und das Gefühl, beim Schreiben sehr lebendig zu sein und dadurch ein Anrecht auf ein Platz auf diesem Planeten zu haben.)

In Zweifeln und dennoch ohne Angst, mit einer Hose, mit einer Maske in der Tasche, reflektierend und enorm dankbar.

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Mein Corona-Tagebuch

Schirmherrschaft (Woche 27)

Schirmherrschaft (Woche 27)

Regen ist analog, und das Wasser tropft so beruhigend auf den Schirm. Nach mehreren Wochen Sonne und Hitze ist diese Schirmherrschaft eine willkommene Abwechslung. Es lässt sich bei Regen gut nachdenken.

Face to face ist anders

So sehr ich mich an das virtuelle inzwischen gewöhnt habe, das Arbeiten im physischen Raum ist krass anders. Allein schon die Abstimmung der Spiel- und Abstandsregeln am Anfang des Workshops macht bemerkbar, wie sehr wir nicht nur rationale, sondern auch fühlende physische Wesen sind. Fassen wir Stifte an? Sitzen wir nebeneinander beim Mittagessen?

Seit Dienstag bin ich wieder im Präsenztraining. Voller Ehrfurcht, mit sehr großen Abständen und Vorsichtsmaßnahmen.

Das Flipchart, wie sehr habe ich das Rascheln des Stiftes auf Papier vermisst!

Und jetzt kann ich das wieder tun. Es bereitet mir Vergnügen, es erfüllt mich mit Freude, und das ist – trotz all der skurrilen Umfeld-Diskrepanzen – irgendwie toll.

Die Törtchen sind analog.

Wir sind aus Fleisch und Blut.

Amen.

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Mein Corona-Tagebuch

Gefahr (Woche 26)

Gefahr (Woche 26)

Bin ich eine Gefahr, wenn ich aus dem Haus gehe? Bin ich eine Gefahr, wenn ich über die Landesgrenze fahre? Bin ich eine Gefahr, weil ich atme, denke und handle? Was für eine skurrile Zeit! Und wie schwierig, fast unmöglich es gerade ist, überhaupt etwas “normal” zu finden.

Blödsinn!

Die Natur ist unverändert schön. Die italienische Architektur, das ruhige Blau des Lago Maggiore, das sieht keinesfalls gefährlich aus. Die Wanderwege in den Wäldern, die majestätischen Steine und die glücklichen Lebewesen, die unveränderten Alltag in der Natur haben. Keine Gefahr.

Die Zweifel kommen erst dann auf, wenn ich in die Zivilisation zurück kehre. Da, wo viele Menschen sind, da kommen die vielen Fragen. Vielerorts wird nur Bargeld angenommen, und ich bin die einzige Person, die sich an die Schilder mit Maske tragen hält.

Sind wir alle in Gefahr, weil wir durch die unterschiedlichen Meldungen gar nicht mehr entscheiden können, wem oder was wir noch glauben dürfen? Sind wir in Gefahr, weil wir gern unvernünftig und stur sind?

Oder wird das unser Überlebensrezept sein?

Wir wissen es nicht, und es macht uns so unsicher. Weil wir die Dinge gern wissen möchten. Dabei haben wir die Intuition, und diese müsste uns den Weg weisen. Was die Intuition braucht, um uns zu leiten? Ruhe, einen ausgeschlafenen Körper und einen ausgeglichenen Geist.

Ist das Geheimnis von der letzter Woche in Gefahr?

  • Können wir lernen, eine bessere Gesellschaft zu werden?
  • Können wir unserer Intuition und unserer Vernunft mehr Glauben schenken, als der Bildzeitung?
  • Können wir mehr Acht geben auf unsere Gesundheit – seelische wir körperliche?
  • Finden wir Kraft und Lust, mehr für einander da zu sein und uns gegenseitig zu unterstützen?
  • Finden wir Zeit für unsere Sehnsüchte und Träume?
  • Werden wir uns auf das Schöne fokussieren?
  • Werden wir das Gute in jedem Tag finden?

Ich (mein Verstand) habe so viele Fragen, und gerade darum tue ich, was mein Herz richtig findet. Ich fahre über die Landesgrenze hinweg und bewundere die atemberaubende Schönheit unseres Planeten. Ich schlafe viel, mache Yoga und esse gesund, denn ich möchte kraftvoll in den Herbst starten, der – so flüstert mir die Intuition – einige Herausforderungen mit sich bringt.

Nächste Woche

Nächste Woche stehen mir erste Trainings in Person bevor. So sehr ich mir das in März, April und Mai gewünscht habe, so sehr fürchte ich mich nur davor. Denn es wird notwendig sein, dass wir erstmal über uns und unsere Einschätzung der Gefahr, in einem Raum zusammen zu sein, sprechen, bevor wir zum Thema des Tages kommen.

Und auch das werden wir schaffen.

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Mein Corona-Tagebuch

Zwischenrente

Zwischenrente

Seit ich selbständig bin (und das ist seit 2011), nenne ich meine Reisen nicht Urlaub, sondern Zwischenrente. Die Idee dahinter ist für mich sehr einfach: ich mag das, was ich tue (wir nennen es Arbeit, aber es fühlt sich immer seltener danach an), und darum träume ich nicht von einer Rente als solche.

Ich habe auch zwei tolle Vorbilder: meine Eltern. Beide über 70, beide berufstätig. Beide arbeiten mit jungen Leuten und geben ihr Wissen weiter. Beide sind dadurch jung im Kopf geblieben.

Meine Zwischenrente 2020 findet in Italien statt, einem Land, in das ich mit gemischten Gefühlen fuhr. Wegen Corona. Zum einen, weil Italien sehr unter der ersten Welle gelitten hat. Zum anderen, weil ich nicht sicher bin, inwiefern wir in diesen Zeiten mit einem guten Gewissen reisen sollten. Und die dadurch entstehende Unsicherheit macht aus mir eine sehr bewusste und achtsame Reisende.
Unser Gastgeber heißt Roberto. Wir dürfen ein kleines Eckzimmer in seinem Gasthaus beziehen, und das erste, worüber wir sprechen, sind Lebensträume. Er hat sich mit diesem Gasthaus ein Lebenstraum erfüllt, und er sagt uns: wenn ihr einen Lebenstraum habt, wartet nicht und tut alles, um diesen umzusetzen.

Wartet nicht!

Roberto ist 70, er wirkt viel jünger und die Philosophie seines Lebens klingt logisch und leuchtet ein:

Was brauchst du für ein gutes Leben? Morgens einen guten Cappuccino mit Blick in die Natur, eine Aufgabe, gute Menschen um dich herum und anregende Unterhaltung – dann schläfst du abends mit einem breiten Lächeln auf den Lippen ein und freust dich auf den nächsten Tag und den morgendlichen Cappuccino.

Roberto verbringt 90% seiner Zeit mit der Gartenpflege. Die Anlage hat er vom angesparten Geld bar bezahlt („Banken haben in meinem Leben nichts zu suchen!“). Seine Frau Inge kümmert sich um uns und unsere Wünsche – ganz persönlich oder über eine kurze Nachricht in WhatsApp.

So sitze ich – wunschlos glücklich – mit meinem morgendlichen Cappuccino auf dem Balkon und denke: habe ich noch einen Lebenstraum, den ich sofort angehen möchte?

Zwischenrente, eine Reise ins Ungewisse und dadurch eine phantastische Möglichkeit zur Reflexion. Unendlich dankbar für all diese Momente der letzten 36 Stunden, schlafe ich breit lächelnd ein.

PS: Wer einen unvergesslichen Urlaub bei Roberto und Inge verbringen möchte, sucht sich eine Woche Zeit, in der Hektik nichts zu suchen hat und Internet nicht lebensentscheidend ist und kommt nach Cannero Riviera in die Villa Paradiso.

Wir fahren heute weiter. Leider.

Und du: warte nicht!

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Mehr Reise-Geschichten:

Das Geheimnis (Woche 25)

Das Geheimnis (Woche 25)

In diesem Text ist ein Geheimnis versteckt. Und eine große Freude über diese Woche, die mir so viele Geschenke bereitet hat. Wunderbare Gespräche mit tollen Menschen, einen Ausflug zum Schaalsee und die Entscheidung meiner Kunden, die Termine ab September in Präsenz zu halten.

Konfetti first

Nach dem Umzug ist die Kreativität-Denkmaschine so dermaßen wieder in Fahrt, dass ich gar nicht weiß, wohin mit all den schönen Sachen, daher tue ich sie auf das Tablett:

  • Komme zu unserem zweiten New Work Journeython (detaillierte Beschreibung warum und wie findest du dort)
  • Entscheide dich dafür, das Jahr 2020 nicht allein zu verarbeiten und in das 2021 am Schaalsee zu starten (CYY gibt es seit 2013)
  • Bestelle dir die neuen (komplett überarbeiteten) regenbogenfarbigen Wondercards oder den Krisenbegleiter
  • Schreibe mir eine Postkarte an meine neue Postadresse: Liebermannstraße 9a in 22605 Hamburg. Ich liebe analoge Post!

Gespräche mit Jörg, Ben, Thomas, Gesine, Sara, Birgit, Miriam, Ralf, Deborah, Nicole, Astrid, Manfred. Wein mit neuen Nachbarn. Letzte warme Sommerabende an der Elbe. Ich habe diese Woche zwei Awards bekommen: Einen für das Hosten des Facilitators remote café und “Miss New Work” – als Vorbild, die angstfrei Dinge ausprobiert. Ich mag Awards, auch wenn diese so flüchtig sind.

Hier die Bilder der Woche mit der Überschrift:

Die Suche nach dem perfekten Arbeitsplatz oder New Work geht überall

Zwölf Jahre für ein sehr dickes Buch

In meinem Blog (den ich seit 2008 schreibe) haben sich mittlerweile 570 Beiträge angesammelt. Das sind – ohne Bilder – mindestens 600 Seiten, also ein ganz schön dickes Buch. Mit Bildern locker das Doppelte.

Diese Woche habe ich meine Texte aus 2008 gelesen und mich gefragt: warum schreibe ich eigentlich neue? Die alten sind so schön, und sie passen teilweise perfekt zu den neuen Erlebnissen in 2020. Das perfekte “Strandleben” und “Zukunft? Egal“, da waren sie wieder, die letzten zwei Blogbeiträge (Woche 23 und Woche 24), und diese Texte aus 2020 vermischen sich in einem Fürst-Pückler-Eis mit Möven-Strand-Cappuccino Text aus 2008.

Und dann sprach ich mit Sara, und sie sagte: das bist immer noch du aus 2008, und du kannst deine eigenen Texte im neuen Licht betrachten. Und das tue ich diese Woche zusammen mit dir. Hier sind ein paar Gedanken-Schnipsel aus 2008. Wenn es Spaß macht (nicht: wenn es Sinn macht!), dann kommen nächste Woche andere Jahre dran :-)

2008: Lieber träumen unter Bäumen als schaffen unter Affen

Eben wollte meine Teetasse einen Selbstmord begehen, indem sie vom Tisch springt. Ich konnte sie überreden, sich doch einen frischen Tee zu nehmen.

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Mein Zug kommt verspätet in Hannover an. der Anschluss-ICE natürlich wech. eine Stunde spazieren gehen, und das zu einer Uhrzeit, wo noch alle Schuhläden zu sind, schlimm schlimm schlimm…

Dann endlich im Anschluss-ICE, eine Stunde später, eine Stunde meines Lebens einfach so an die Deutsche Bahn geschenkt, die wievielte eigentlich schon? nun bringt mich aber der Zugchef zum Lachen, er hat einen süßen Sprachfehler, das hört sich dann so an:

“der änächste Äteil des Äzuges äfährt bis Äbonn. [wir werden in Hamm geteilt] Näxt Ästop of äaur Äträin is Äbielefeld.*

Äwas ähab ich ägelacht, äzusammen mit ävier änetten Junx, ädie auf dem Ärückweg aus Äberlin waren…

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Neulich war ich mit meinen Kindern im Museum. Genauer gesagt, in einer sehr guten Ausstellung. Wir waren halbe Stunde vor Schluss drin, ich dachte mir, sie halten es eh nicht lange aus, und dann gehen wir noch ein Eis essen oder etwas anderes tun, was mehr kindergerecht ist.

Erstens kommt es anders, zweitens als du denkst. Die Kids waren begeistert, liefen von einer Halle in die andere und waren schwer enttäuscht, als wir rausgeschmissen wurden.

Ich sollte mir weniger Gedanken machen.

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Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun

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schönes Wetter täuscht immer über die wirkliche Lage hinweg

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vier Stunden nach dem letzten Kaffee war dann der nächste dran, und pünktlich zu dem Höhepunkt des Kaffeedurstes [schreibt man das so?] waren wir plötzlich an diesem Ort. ein Café, ein Motel mit vier Zimmern, paar Hunde und ein Mann, der auf dem Anhänger Benzinkanister hatte. bis zur nächsten Stadt waren es also mindestens nochmal vier Stunden.

für uns wurden es dann neun, denn kurz nach dem zweiten Kaffee des Tages hat uns eine Kuh gerammt.

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Ich bin ein ganz normales Mädchen. dass ich zum Durchschnitt gehöre, merke ich besonders beim Einkaufen. Schuhe und Röcke in meiner Größe sind immer weg. 

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Das Geheimnis

Wenn du bis hierher gelesen hast und immer noch liest, verrate ich dir ein Geheimnis. Ich habe rausgefunden, warum ich das jede Woche tue: etwas über das Erleben schreiben und reflektieren und in Bildern verankern.

Weil ich menschlich bleiben möchte. Weil Gefühle, Sehnsüchte und Gedanken das ist, was uns von Maschinen unterscheidet. Weil die Technologie irgendwann einen Großteil meiner Arbeit machen können wird.

Aber die Technologie wird nicht Freude empfinden, kreativ zu sein oder verzweifelt sein können. Die Technologie macht sich keine Sorgen, die ist weder verspielt noch birgt sie Überraschungen.

Wir jedoch sind all das. Wir sind wundervoll. Und das möchte ich für uns aus dieser Krise als einen Hauptschatz heben.

Machst du mit?

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Mein Corona-Tagebuch

Strandleben (Woche 23)

Strandleben (Woche 23)

Wie schön so ein Strandleben doch sein kann! Und dass ich dafür nirgendwo hin reisen muss, bloß umziehen. Seit vielen Jahren schon möchte ich am Strand leben. Flipflops und Wind in den Haaren, leichtes Essen und das Rauschen der Wellen, nette Begegnungen, die nicht lange dauern müssen, abends glücklich erschöpft ins Bett fallen… Das alles kenne ich aus dem Urlaub. Und nun darf ich das einfach so erleben. Mitten in Hamburg. Vor meiner Haustür. Warum kam ich nie auf den Gedanken, dass mein Strandleben nicht am Atlantik oder Pazifik, sondern an der Elbe ein Zuhause hat?

petranovskaja strandleben rebel

Strandperle

Wer Hamburg kennt, kennt die Strandperle. Meine Freundin aus Rostock sagt, es ist zu rau, doch genau das mag ich hier so gern. Paar mal im Jahr wird die Strandperle vom Hochwasser überflutet, daher ist hier alles recht rustikal aufgebaut, wie auf einer thailändischen Insel … Als es mit Corona losging, war der Strand fast immer leer, selbst als es warm wurde. Jetzt ist es je nach Wasserstand voll bis sehr voll, und wäre da nicht die Maskenpflicht auf den Toiletten und die Absperrungen am Kiosk, könnte man Corona völlig vergessen.

Ebbe und Flut

Ich mache mir Gedanken. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es Menschen, denen es so gut geht wie noch nie. Sie haben gleiches Geld für viel weniger Arbeit und weniger Stress. Und dann gibt es noch Menschen, die sind seit März weitgehend arbeitslos und versuchen, sich durchs Leben zu manövrieren. Das sind sehr verschiedene Berufe. Veranstaltungsmanager, Café-Besitzer, Coaches, Köche… Ich weiß, das ist eine Momentaufnahme, denn im nächsten Moment kann eine Firma beschließen, einen Standort zu schließen, und schon sind die Angestellten genau so betroffen wie die Freiberufler. Ebbe und Flut.

Strandleben eben. Macht fröhlich und melancholisch. Bringt das eine und das andere.

Doch ich mache mir Gedanken. Wie werden wir mit den Veränderungen, die nicht alle gleich betreffen, umgehen? Sind wir genug “WIR”, um für alle zu sorgen?

petranovskaja strandleben

Abreisen und Ankommen

Meine Tochter ist schon wieder weg. Ein weiteres Schuljahr. Dann ist sie mit der High school fertig. Gleichzeitig macht mein Sohn Abitur. Dann sind die beiden (laut dem Schulsystem) fertig für das erwachsene Leben.

Es war weniger aufregend am Flughafen. Weniger unbekannt. Sehr leer war es. Alle Abflüge passten locker auf die Tafel, morgens bis Abends auf einer Übersicht. Das hat das Gefühl hinterlassen, als wäre etwas nicht in Ordnung. Ganz weit da hinten, außerhalb.

petranovskaja strandleben

Denn innerhalb, da war alles in Ordnung. Harmonisch, entspannt, zuversichtlich. Was bleibt, ist das weiche und warme Gefühl der Abschieds-Umarmung. Flieg los, Kleine!

Loslassen. Zuversichtlich sein. Im Vertrauen sein. Mantras sind immer gut, besonders wenn man Wäsche faltet oder Gläser aus den Umzugskartons auspackt. Denn wir sind umgezogen, und die Kartons sind überall… Und leere Wände.

petranovskaja strandleben 2

Wie wird es sein?

Die Ebbe und die Flut wird in meiner neuen App vorhergesagt. Was die App nicht weiß ist, wie es sich anfühlen wird, mit den nackten Füßen durch den Sand zu laufen. Mein Vater, der seit fast 30 Jahren am Pazifik lebt, meint, es gibt keine zwei Tage, wo die Farbkombination aus Himmel und Ozean gleich aussieht. Das glaube ich gern.

Das schöne am Strandleben ist, man kann sich ihm hingeben.

Können wir das auch mit Corona? Können wir uns unserem Leben einfach hingeben? Ohne zu viel Denken, ohne Schnickschnack und Buzzwords? Werden wir einfach Menschen sein können, die so gern zusammen sind, sich gern umarmen, gern in Gesellschaft essen, lachen und Musik hören… ?

Am Strand ist es alles da. Da sitzen wir auf unseren Decken und schauen aufs Wasser. Das Wasser fließt. Mal kommt es höher, mal ist es weiter weg. Wir sind da, am Strand, und wir schieben unsere Decken auf und ab. Wir wollen einfach nur da sein, und der Strand, der lässt es einfach zu.

petranovskaja strandleben

Den Strand interessiert es nicht, wie es sein wird. Der Strand ist.

Amen.

petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona-Tagebuch