Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 9, Störung)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 9, Störung)

Es ist Woche 9 seit Corona, und ich habe das Gefühl einer Störung. Einer Störung in unserem ganzen sonst so gut funktionierendem System.

Es ist die Woche, in der sehr viele Büro-Mitarbeiter zurück in die Büros geordert wurden. Es ist die Woche, in der es in Hamburg wieder Staus auf der Straße gibt. Als wäre nichts gewesen.

Gleichzeitig ist mir ganz schlecht vor all den Impulsen und Möglichkeiten, die in meiner virtuellen Blase auftauchen. Kurse, Meetups, Dialoge, sich gemeinsam betrinken – alles online, versteht sich.

Waren all diese Reize auch vorher schon da?

Meine Baustelle liefert mir eine perfekte physische Bestätigung: Ein Rohr, das in der Wand ist, hat Leck, und bei meiner Nachbarin unten werden die Schränke nass.

Eine Störung halt. Beim letzten Mal wurde genau das Rohr schnell geflickt und die Wand wieder zugemacht. Jetzt wird diese schwer zugängliche Stelle uns dazu zwingen, die einzige Ecke der Wohnung anzugehen, die wir lassen wollten: die Küche.

Wusa. Wer “Bad Boys” geschaut hat: Wusa.

Bilder der Woche

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Arbeiten auf der Baustelle #läuft
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Die Ameisen auf der Elbchaussee tragen auch einen Mund-Nasen-Schutz
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Als wäre nichts gewesen: Abendblick aus dem Fenster
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Auf der Baustelle wird geklopft, gesägt, ge-hand-werk-t
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Draußen vor der Stadt fängt der Raps an zu blühen
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Beim Spaziergang mit meinem Sohn entdecken wir dieses Zitat…
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Es wird schon. Wann, wie?

Hand-Werk

Ich liebe deutsche Sprache. Immer und immer wieder erzählt sie mir so tolle Geschichten.

Wir haben Hände, die tolle Werke vollbringen können. Jeder von uns hat sein Handwerk. Der eine macht etwas physisches, der andere erzeugt Werke durch das Tippen auf der Tastatur. Haben wir eine gute, gesunde Beziehung zu dem, was wir tun?

Unser Bauleiter ist da, vom Beruf Mauerer. Wir sitzen zwischen den Schutt und Bruch-Häufchen auf der Terrasse, die wir gerade aufgerissen haben und reden in der Abendsonne. Und dann spricht er von seinen Händen. Er regt sich darüber auf, dass es Mauerer gibt, die Wände mit Handschuhen bauen, weil sie dann ihre Finger weniger verletze würden. Wie soll denn das gut werden, was sie bauen? Sie spüren nicht, was sie tun! Sie fühlen die Schnur nicht, die die Gerade markiert, und so entsteht Pfusch.

Ich bin auch ein Handwerker. Ich komme zu Unternehmen und Teams und helfe ihnen, etwas ab- oder aufzubauen. Und dann gehe ich wieder. Und es ist wichtig, dass meine Arbeitsergebnisse wirkungsvoll und dauerhaft sind.

Es fällt mir auf, wie sorgsam er mit seinen Händen umgeht. Wie er sie jedes Mal liebevoll wäscht und anschaut. Ein Handwerker! Noch nie war dieses Wort für mich so unterschätzt.

Was mich zum letzten Thema meiner Wochenreflexion bringt:

Fragilität

Letzte Woche schrieb ich darüber, wie fragil wir sind. Über das empfundene Klirren in der Luft. Über das Zerbrechen und kaputt gehen. Meine liebe Freundin Birgit hat das wunderbar mitgefühlt und weiter entwickelt, und es ist ein Wort entstanden:

FR(agment)AGIL

petranovskaja Birgit dierker fragmentagil

Zwischen diesen Worten und Gedanken, mitten im Abbruch und mit der Störung der Wasserleitung, da denke ich viel darüber nach, wie wir wirkungsvoll bleiben oder noch wirkungsvoller werden.

Bestimmt nicht, indem wir einfach zurück in die Büros gehen und alles so weiter machen wie bisher.

Vielleicht komme ich irgendwann auch wieder zum Thema Antifragil, welches mich seit vielen Jahren – dank des Buches von Nicolas Taleb – so begeistert. Und ein Gedanke zum Schluss:

Auch all diejenigen, die jetzt Gewinner zu sein scheinen, weil sie alles digitalisiert haben, sind – aus der Sicht der Antifragilität – nicht automatisch sicher. Ich meine, selbst Unternehmen wie Uber und Airbnb kündigen jetzt massenhaft Mitarbeiter. Stellt euch einfach nur vor, der nächste Virus ist ein Computervirus und wir sind angewiesen auf … uns selbst!

Was dann?

Eine gute Frage für Woche 10, finde ich. Was meinst du?

petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona Online-Tagebuch: Woche 1 (Stammhirn) | Woche 2 (umlernen) | Woche 3 (Raupen optimieren) | Woche 4 (emotional) | Woche 5 (nachdenklich) | Woche 6 (baff) | Woche 7 (Abbruch) | Woche 8 (fragil)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 4, emotional)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 4, emotional)

Es wird emotional. Ich kann mich nicht davon lösen, auch ich bin mitten drin im Tal der Tränen.

Bereits letzte Woche stellte ich bei mir eine digitale Ermüdung fest. Meine liebe Freundin Birgit Dierker erinnerte mich nochmal daran, dass Reflexion nicht nur im Kopf passiert, sondern vor allem die emotionale Verarbeitung der Ereignisse bedeutet. Und da bin ich nun. Es ist emotional.

Was ist dieses ES?

Wir sagen jetzt ab und an

“Wenn es vorbei ist…”

und merken selbst, wie unterschiedlich unser Verständnis von dem ES ist. Was ist es, dieses ES? Emotional betrachtet ist es für uns etwas sehr Unterschiedliches. Zum Beispiel gibt es (hab ich gehört) Menschen, die vom Beruf Lehrer sind, und da sie keine PCs zuhause haben, feiern sie gerade einen langen bezahlten Urlaub. Ich kenne Menschen, die Angst haben, die ihren Job verloren haben. Manche sind sehr traurig, manche sind wütend. Manche sind erschöpft, verloren, erstarrt… Ich spreche mit Menschen, die gerade voll begeistert sind von dem, was dieses ES ermöglicht: remote work, Digitalisierung von Business, Hackaton mit 42 Tausend Menschen…

Mit der Change Curve betrachtet, bin ich mitten drin im Tal der Tränen. Zum einen fehlen mir meine Kinder und meine Freunde, ich möchte mir Normalität. Ohne Corona würde ich heute an einem Strand sitzen, meine Tochter und mein Sohn bei mir. Eine Woche bei meinem Dad in Mexico.

Life is what happens, while we are making other plans.

John Lennon

Zum anderen akzeptiere ich (emotional), dass es kein zurück mehr geben wird. Wann immer dieses ES vorbei ist, wir werden in einer anderen Welt wieder frei auf die Straße gehen können.

Stimmung konsolidieren

Es sind so viele Stimmen und Stimmungen da, wie soll ich da mir selbst zuhören können? Welche der lauten Stimmen, welche der emotionalen Lagen lassen wir an uns ran? Wem erlauben wir Zutritt in unser Denk- und Fühl-System?

Spannend finde ich, wie du dich entscheidest – wie filterst du? Wo nickst du? Was machst du, wenn die Information nicht auf dein sofortiges “Ja, so ist es!” trifft? Hier ein Ausschnitt, der mich heute erreichen durfte (aus dem Interview der ZEIT ONLINE mit dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer:

Gigerenzer: Eher nicht. Wichtiger wäre es, individuelle Risikokompetenz zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Gigerenzer: Risikokompetenz hat eine kognitive Komponente, also: verstehen, was passiert. Und es hat eine soziale Komponente, nämlich Verantwortung zu übernehmen. Aktuell heißt das: keine Partys feiern und dann die Großeltern besuchen, sich sozial verhalten und nicht hamstern.

Wir wissen nicht, was wir nicht wissen …

… aber wir verstehen immer besser, dass es vieles gibt, das wir nicht oder nur ein bisschen wissen. und das macht uns verrückt, mürbe. Das denkende System fordert Recht auf Recht haben. Experten fangen an, sich zu streiten. Andere treten aus der Öffentlichkeit zurück. Die Umwelt atmet auf – oder doch nicht? Die Daten und Zahlen gaukeln und Klarheit vor, dabei sind wir doch dumm wie Brot.

Und emotional? Auch da – ein hin und her. Morgens ein Hauch Hoffnung, dann doch wieder alles zurück. Gestern ging etwas ganz gut, heute ist es wieder anstrengend.

Weil wir es versuchen, uns möglichst schnell zu adaptieren und so zu tun, als wäre dieses ES nun OK oder “normal”, dreht unsere emotionale Welt durch. Es ist ein bisschen wie bei einem Transatlantik-Flug: Der Körper reist schneller als die Seele.

Ich habe nun diese Woche entschieden, meiner Seele Zeit und Raum zu gebe, Kalender aufgeräumt. Schreibtisch aufgeräumt. Mails unbeantwortet gelassen.

Stay calm and drink tea

Aus dem Aktivismus der ersten Wochen wurde eine kleine Gelassenheit immer lauter. Ich kann es aushalten, nicht zu wissen, wie es weiter geht. Ich habe auch Telefonate und Videocalls ohne ein pragmatisches, businessbezogenes Ziel. Ich schreibe Tagebuch. Ich schaue aus dem Fenster und trinke Tee.

Das ist das Leben. Es ist, was da ist.

Und jetzt gerade ist es emotional.

You recognize all you can do for now is all you can do for now.

Michael Neill, Inside Out Revolution

Und die Ungewissheit der nächsten Tage? Die kann mich mal.

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Mein Online-Tagebuch: Woche 1 | Woche 2 | Woche 3

Beitragsbild von Aliyah Jamous on Unsplash

Wie die DSGVO mir geholfen hat, mich selbst zu finden

Wie die DSGVO mir geholfen hat, mich selbst zu finden

DSGVO: Heute tritt die seit zwei Jahren gültige Daten-Schutz-Gesamt-Ver-Ordnung in Kraft.

  • Die Welt verdreht die Augen.
  • Die Welt steht still (weil alle nur noch entsprechende Mails in ihrem Posteingang finden).
  • Die Welt dreht sich mit gleicher Geschwindigkeit weiter (weil wir weiterhin Mails bekommen werden, die uns größere Genitalien oder einen unerwarteten Lotto-Gewinn versprechen).

Was hat uns nun dieses panikmachende Datum gebracht?

Es hat gezeigt, wer wir sind. Wie wir ticken.

Angstgetrieben. Konform. Lemmling-artig.

Sieben Unternehmen / Webseiten, die ich kenne, haben ihr Geschäft (zumindest vorübergehend) geschlossen.

Einige meiner selbständigen Kollegen haben sich aus WhatsApp und Co. abgemeldet.

Es gibt Stimmen, diese Verordnung würde vor allem Kleinunternehmer und Mittelstand treffen.

Und in China fällt ein Sack Reis um.

Was ich damit sagen will?

Start with why

In einem russischen Theaterstück gab es eine magische Formel: “1-2-3 – und nichts geschah!” Nehmen wir mal an, es gäbe kein DSGVO – war wäre dann immer noch das Selbe?

Hoffentlich hat die DSGVO keinen Einfluss auf den Grund, warum wir das alles tun. Wir stehen auf, um in der Welt etwas zu bewegen. Zu verändern. Schöner zu machen. Um jemandem zu helfen. Um etwas zu erfinden oder zu erstellen. Das wir dabei nur in einer Interaktion mit unseren Kunden weiter kommen ist logisch. Dass wir eine langfristige Beziehung mit unseren Kunden anstreben, ist mehr als logisch – es ist lobens- und erstrebenswert.

Wir sammeln keine Daten. Wir tun unsere guten Taten.

Wer also mit einem tollen Why unterwegs ist, für den verändert die Verordnung nichts.

Back to the roots

Für mich persönlich waren die letzten Wochen eine willkommene Staub-Aufwirbelung. In den Gesprächen mit Experten, Kollegen, Freunden und in sehr vielen Beiträgen online suchte ich meine Antwort auf die Frage: Warum mache ich das? Warum habe ich eine Webseite? Warum habe ich damals diese Webseite online gestellt?

  • Wofür?
  • Für wen?
  • Aus welchem Grund?

Nachdem die Aufregung sich legte, der Puls normal wurde und die technisch-juristischen Anpassungen abgeschlossen waren, war mir auch meine Antwort klar. Diese Webseite wurde als Blog gestartet. Als mein persönliches Online-Tagebuch. Es ging mir damals weder um SEO, noch um meine Reichweite noch um etwas anderes, was mit dem mathematischen Wert messbar wäre. Damals – 2008 (!) – habe ich die Online-Welt gerade erst entdeckt, indem ich mich auf einer Photo-Plattform rumgetrieben habe, und mein erster Blogbeitrag wurde entsprechend kurz:

Das passt. Hallo, Welt! Auch wenn’s noch nicht so aussieht, wie es sollte, es ist rot und es ist online.

Morgen sehen wir weiter.

Der berühmte “Hallo Welt” Beitrag (jeder, der einen neuen Blog über WordPress aufmacht, bekommt einen Beispiel-Beitrag mit genau diesem Titel vorgegeben) wurde von meiner Photo-Clique gefeiert, und so machte ich munter weiter und postete kurze und längere Notizen aus meinem Leben mit lustigen Titeln wie “Wer nur eine kleine Pfanne hat, braucht keine großen Fische zu fangen” oder “Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun” (echt lesenswert!). Ich schrieb wie es kam, ohne Backlinks zu setzen, auf Grammatik und SEO Regeln zu achten und die empfohlene Lesbarkeits-Struktur einzuhalten.

Ich war einfach nur ich. Präsent. Authentisch. Echt. 

Es machte Spaß. Es wurde gelesen. Meine mitgeposteten Photos waren wohl auch nicht ganz doof – mein Blog war eine Zeit lang auf Platz 80 aller Photoblogs in Deutschland. Dabei war ich ein absoluter Amateur.

Ein Amateur, der Spaß hatte.

Essentialism

Bis 2014 habe ich so viele Texte geschrieben, dass diese – ohne Bilder – ein Buch mit über 500 Seiten ergeben würden. Schriftsteller schreiben natürlich mehr, aber ich hab ja nur ein Tagebuch geführt. Ein geklicktes, gelesenes, kommentiertes, lebendiges…

Und dann kam die verfluchte Kommerz ins Spiel. Es hieß, man könne Geld im Internet verdienen. Man könnte einfach mal vom Strand bloggen und das Geld purzele auf das Konto.

Ich hab es tatsächlich versucht. Ich habe es tatsächlich eine Zeit lang hinbekommen.

Nur machte es Null Freude. Weil ich anders schreiben und denken musste, damit das Geld auf das Konto kommt. Ich war unfrei. Ich tat Dinge, die nicht per se meine waren. Es war nur teilweise toll. Und der andere Teil war … unwesentlich. Nicht wichtig. Nicht wert, ihn aufrecht zu erhalten. Leicht wegzulassen. Doch statt mich “back to the roots” zu besinnen und zurück zu meinen Blog-Wurzeln zu kommen, habe ich zwischen 2014 und jetzt mehrfach versucht, das doch irgendwie anders und so weiter…

Damit ist nun Schluss.

Natürlich schreibe ich heute nicht wie 2008. Selbstverständlich kann ich viele der Erkenntnisse der letzten Jahre nicht mehr aus dem Kopf schlagen.

Und gerade deswegen werde ich das aktuell so populäre Modell der Ambidextrie für mich nutzen:

petranovskaja ambidextrie ambidextrous innovation zukunft

Ich behalte bei, was schon immer gut war. Zum Beispiel, regelmäßig schreiben. Ich optimiere, was nicht so gut war. Zum Beispiel diese langweiligen auf SEO abgestimmten Blog-Titel, die spätestens dann, wenn jeder sie benutzt, alle nur noch langweilen. Ich kehre zurück zu meinen Wurzeln. Echt sein. Freude haben. Lächeln. Schreiben.

Vielleicht wird das jetzt wieder ein online Tagebuch einer gern reisenden Psychologin, die es liebt, mit Menschen zu arbeiten.

Ich gehe damit eine Menge Risiken ein. Könnte man meinen. Oder gemäß der russischen Formel:

“1-2-3 – und nichts geschah!”

Was immer kommt: ich freue mich darauf.

Danke, liebe DSGVO, für diese innere Klärung!

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Was alte Photos unserer Großeltern uns lehren (könnten)

Was alte Photos unserer Großeltern uns lehren (könnten)

Vor kurzem habe ich eine Webseite mit vielen Bildern entdeckt. Es wurden alte Fotos der eigenen Großeltern gepostet mit ein paar erklärenden Worten dazu.

Meine Urgroßmutter als erste Frau in Indien am Steuer… Mein Großvater am Tag bevor er in den Krieg zog… Meine Großmutter mit Hemingway… Mein Großvater bringt Einstein das Violine spielen bei…

Ich war gerührt, und habe natürlich automatisch an meine Großeltern gedacht und an die wenigen schwarz-weiß Fotos, die ich aus deren Jugend besitze.

petranovskaja großeltern mut

Das da oben sind nicht meine Großeltern, aber Bilder, die bei mir spontan Begeisterung auslösen. Für den Mut, die besonderen Merkmale, die Eigensinnigkeit und Einmaligkeit der Persönlichkeiten auf den Fotos. Männer und Frauen, lustig, nachdenklich und in einem Moment, an dem man sich dank des Fotos lange erinnert.

Und heute? Wie machen zum Teil Hunderte von Fotos pro Tag. Wir posten sie überall… wir erzählen der Welt permanent, was wir essen und trinken, wie das Wetter aussieht und mit wem wir gerade knutschen. Und? Wer am lautesten schreit, wird vielleicht zwischen all den anderen sogar tatsächlich wahrgenommen.

petranovskaja großeltern mut humor

Meine Großmutter hat mir die analoge Fotografie ans Herz gelegt. Alle paar Wochen hat sie auf einem Holzgitter auf der Badewanne in dem minikleinen Badezimmer ihren Vergrößerer aufgebaut mit den dazu gehörenden Wannen und die Bilder aus der alten Kamera aufs Papier gebracht. Gäbe es diese Badezimmer-Tage nicht, hätte ich kaum Erinnerungen an meine Kindheit – fast alle Bilder hat sie damals von uns gemacht.

Nun stell dir vor, deine Enkel wollen ihren Kindern etwas über dich erzählen und dabei vielleicht auch paar Bilder zeigen. Sollen sie dann wirklich dein Facebook oder Instagram Account aufrufen und all deine Posts anschauen?

  • Was würdest du von dir zeigen, wenn du nur fünf Fotos hinterlassen könntest?
  • Oder sogar nur drei?
  • Welche dieser Bilder sind noch gar nicht entstanden, weil du etwas noch nicht erlebt hast? Was schiebst du vor dir her?
  • Wer bist du wirklich?

Sollte sich die eine oder andere Frage nach Salz in der Wunde anhören, gern geschehen. Ich finde, man kann nicht früh genug damit beginnen, etwas zu tun und zu erleben, was WIRKLICH DEINS IST.

Viel Spaß dabei und liebe Grüße an deine Enkel!

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Innere Arbeit und ihre unterschätze Bedeutung

Innere Arbeit und ihre unterschätze Bedeutung

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. – Theodor W. Adorno

Wer entscheidet, ob dein Leben richtig oder falsch ist? Das bist du selbst! Und was sind deine Kriterien? Die meisten Menschen – auch und besonders auf der Suche nach dem Glück – wissen nicht was sie wollen. Was wir NICHT wollen, das wissen wir eher.

Die Suche nach der Antwort auf die Frage: „Warum bin ich hier?“ ist anstrengend und dauert ein Weilchen. In diesem Artikel möchte ich dich an die viel zu selten gefeierte Bedeutung dieser inneren Arbeit erinnern.

Leben statt warten

Wir bekommen nur wenige Jahre, nur ein paar Tage Leben auf diesem Planeten. Keinen einzigen von ihnen halte ich für selbstverständlich. Diese Haltung gegenüber meinem Leben habe ich nicht immer gehabt, sie kam zu mir, als ich anfing, zu leben.

Davor habe ich vieles über mich ergehen lassen und gewartet. Ich wartete darauf, dass das, was mir passiert, mich glücklich macht. Es geschah nicht. Ich fing an, zu reflektieren. Seit 1999 nehme ich mir regelmäßig Zeit, persönliche Rückzüge zu machen und über mein “Warum” nachzudenken – nicht nur für mein Geschäft, sondern vor allem für mein Leben.

Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass diese nach außen unscheinbare innere Arbeit – mir Zeit nehmen, über mein Leben nachzudenken und meine Alltags-Muster zu beobachten und zu verändern – eines der wichtigsten Dinge ist, die du persönlich und beruflich für dich selbst tun kannst.

Schreiben statt denken

Im Coaching, in Trainings und Workshops habe ich viel mit denkenden Menschen zu tun. Ich finde es toll, wie viele Gedanken dann durch den Raum schwirren und ihn für eine kurze Weile füllen. Unser Bewusstsein hat die Eigenschaft, stetig weiter zu denken.

Darum finde ich es extrem wichtig, Schnappschüsse unserer Gedankenwelten zu machen. Zeichne ein paar Stichworte auf eine Serviette. Wenn die Gedanken keine Worthülse finden, kritzle wild mit dem Stift auf einem Blatt Papier, bis sich eventuell Formen ergeben. Wenn nicht, ist nicht schlimm. Das Arbeiten mit dem Stift auf Papier regt wichtige Regionen im Gehirn an.

Sehr wichtige Regionen.

Selbstbewusstsein entsteht aus dem Bewusstsein, du selbst zu sein. Je öfter du dir Zeit nimmst, deine Gedankenwelten abzubilden, desto mehr entwickelst du dein Selbstbewusstsein. Es gibt nichts, was du falsch machen kannst, wenn du dich hinsetzt und dir Zeit nimmst, mit dir selbst zu sein. Der erste Satz einer solchen Sitzung könnte lauten:

Ich weiß nicht, was ich aufschreiben soll.

Wer schreibt, küsst besser

Schreiben ist nicht nur für dein Selbstbewusstsein gut. Wenn du mit der Hand schreibst, trainierst du deine Emotionen. Schreiben dauert länger als Tippen – deine Geduld, deine Ausdauer werden also ganz nebenbei trainiert. Was du mit der Hand schreibst – im Zeitalter von Siri und Sprachnachrichten – bleibt länger in deinem Gedächtnis, bekommt somit eine größere Bedeutung.

Darum: Schreib es auf.

Führen von Tagebüchern (neudeutsch: Journaling) ist ein unglaubliches Werkzeug, um dein Selbstbewusstsein zu pflegen. Die so entstehende Gewohnheit, deine Gedanken und Erkenntnisse niederzuschreiben, eine durchgehende Linie, ein tragendes Element inmitten der vielen Fragen des Lebens und der hektischen Umwelt.

Der einfache Akt des Schreibens schafft Raum für Reflexion im Hier-und-Jetzt. Später kannst du in deinen Notizen blättern und so eine Reise in die Vergangenheit machen und aus deinen früheren Erfahrungen lernen. Die Zeit gibt uns eine neue Perspektive auf alte Erfahrungen, neue Bewertung. Was einmal eine Herausforderung war, entwickelt sich oft zu einer Chance. Die Dots. von denen Steve Jobs sprach, erkennen wir nur rückwirkend.

Lebensqualität in Zeit messen

Vielen fällt es schwer, zu sagen, wann das Leben besser wird. Nicht jeder hat es gelernt, auf das Bauchgefühl zu hören. In solchen Fällen sage ich:

Zeige mir deinen Kalender / Timer / Wochenplan / Jahresplan.

Dein Kalender ist deine persönliche Metrik. Wenn du wissen willst, wie die Prioritäten eines Menschen sind, reicht oft ein Blick in den Kalender. Wenn du dein Leben erneuern und bewusster gestalten willst, werfe einen Blick darauf, wie / wo / womit du deine Zeit verbringst.

Möglichkeiten statt Ausreden

Deine Identität und dein Bewusstsein sind geprägt von den Erfahrungen und Menschen, mit denen du dich umgibst. Soll etwa auf deinem Grab stehen: “Er hat jeden Tage alle Emails beantwortet”? Oder willst du lieber ein toller Freund / eine tolle Freundin, Bruder / Schwester, Vater / Mutter sein? Wer entscheidet, ob dein Leben toll ist? Das bist du selbst! Und du hast die Kontrolle über dieses Erbe. Es gibt IMMER Möglichkeiten, dein Leben zu planen und über deine wahren Prioritäten zu bestimmen. Es bist DU, der entscheidet, was in deinem Kalender steht!

Sei ehrlich zu dir selbst und reflektiere, ob das, was du willst und was du sagst, mit dem übereinstimmt, wie du deine Zeit verbringst.

Durchatmen statt Durchhalten

Beuge der Erschöpfung vor. Selbst die leidenschaftlichsten Menschen vergessen manchmal, wie wichtig es ist, sich Zeit zum Aufladen zu nehmen, bevor die inneren Ressourcen auf Null sind.

Wenn ich bei mir eine Abnahme der Energieniveaus oder Zunahme der ungesunden Gewohnheiten merke, nehme ich diese Signale ernst. Die Zeit, die ich nehme, um mich wieder aufzuladen, ist eine Investition in meine langfristige Belastbarkeit. Früher fand ich es toll, dass ich lange durchhalten kann. Lange ohne Trinken, ohne richtiges Essen, ohne ausreichend Schlaf, ohne Ausgehen mit Freunden, ohne Urlaub, ohne all die anderen für unser gesundes Leben unabdingbaren Dinge.

Sich aufzuladen heisst nicht automatisch nichts tun und auf dem Sofa liegen. Ein Tag in der Natur kann Wunder wirken. Ein schöner Abend mit Freunden, Lachen und Kochen, kleine sinnlichen Erlebnisse sind wertvolle Elemente eines ausgeglichenen Lebens. Ein Wochenendtrip an einen See in der Nebensaison kann die inneren Batterien mehr aufladen, als zwei Wochen Sommerferien auf Mallorca.

Gewohnheit statt Notfall-Reaktion

Finde dein Gleichgewicht zwischen dem Kopf, Bauch und Herz. Finde deine richtige Menge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wenn wir jung sind, ist es leichter, das zu tun, was andere verlangen. Mit der Zahl der bereits gelebten Jahre verbleiben uns jedoch immer weniger Jahre zu leben. Darum ist es Wert, mit dem Reflektieren anzufangen. Die innere Arbeit – das Suchen und Finden deiner Leidenschaften, Fähigkeiten und Wünsche – sollte aus meiner Sicht mit der Pubertät beginnen und niemals aufhören.

Durch aktive Selbstbeobachtung, durch die Gewohnheit, sich selbst nahe zu sein, kannst du die perfekte Kombination zwischen dem was du willst und dem, was du kannst finden und ein langes, zufriedenes und vor allem DEIN wirkliches Leben führen.

Was wohl dann auf deinem Grabstein steht …

Fange heute an!

Nadja Petranovskaja Signatur

 

Fünf Wunder gegen das Jammern

Fünf Wunder gegen das Jammern

Kommt der Cowboy aus dem Friseurladen – Pony weg!

Den kennt man. Diese Woche im Angebot bei mir: Kommt die Nadja aus dem Termin, Fahrrad weg.
Dabei bin ich Fahrrad gefahren, weil mir zwei Tage vorher das Auto kaputt gegangen ist. Teuer kaputt.
Die Welt ist ungerecht! Das sind meine ersten Gedanken. Das habe ich mir anders vorgestellt!
Auto und Fahrrad nicht genug, die Liste der Ungerechtigkeiten des Universums der Woche war viel länger. Halsweh, Geldsorgen, Streit, technische Probleme mit dem Rechner — ich höre lieber auf. Denn: so eine Woche und so eine Phase im Leben kennt fast jeder.
Während sich also in den ersten vier Tagen der Woche die Probleme nur so aufeinander zu stapeln schienen, ging es ab Donnerstag Abend plötzlich aufwärts.

Wenn du eine Pechsträhne hast, färbe sie pink.

Jetzt ist Sonntag dieser absolut verrückten Woche und ich stelle dir meine persönlichen Wunder gegen das Jammern vor.

Wunder #1: Musik

Immer, wenn wir tanzen, stirbt irgendwo ein Problem.

Unser Hamburger Alstervergnügen wird als „das größte Volksfest Norddeutschlands“ beschrieben. Rein da, habe ich mir gesagt. Lass deinen Kummer in der Freude des schunkelndes Volkes auflösen, betrinke dich, es macht auch nix, dass deine Begleitung dich sitzen gelassen hat, sei trotzdem da.
Ich war da, ich bin dreimal um den See gelaufen, zuerst hektisch und laut schnaufend, dann nach und nach entspannt. Wenn andere singen und tanzen können, wieso ich nicht? – fragte ich mich. Überall ist Musik – lateinamerikanisch, Swing, irische Folklore, 70er Hits… Der Mix, die Menge, die Lautstärke – scheint zu funktionieren. Darum hole ich mir am Freitag gleich noch eine Portion und gehe nochmal hin und bleibe bis zum Feuerwerk.
Weißt du, ich bin immer wieder selbst erstaunt, wie Musik mich berührt und aufwühlt und bewegt… Vor dem Feuerwerk spielt man kurz „Für mich soll Rote Rosen regnen“ mit Hildegard’s toller Stimme, dann gibt es vier Hits aus den 80er Jahren – inkl- Wham! und Queen und dazu tanzen die Raketen bunte helle Muster in den Himmel. Selbst der angesagte Regen hält den Atem an und fängt erst eine Minute nach Feuerwerk-Ende an zu tropfen.
Ich bin gerührt. Bewegt. Die Lieder, die ich schon so lange kenne, erinnern mich an meine Kindheit und Jugend, an die Zeit, wo mir so vieles egal war und so vieles andere wichtig. An die Momente, die mich geprägt haben. Das Lächeln breitet sich in meinem inneren aus – plötzlich sind mir viele Themen dieser Woche nicht mehr wichtig.
In mir klingt „Show must go on“, der Regen ist warm und der Bus voller lächelnder Touristen.

Wunder #2: Nähe

Nichts tut uns so gut wie menschliche Nähe.

Hier muss jetzt auch nicht viel mehr stehen. Außer: kein WhatsApp und kein Telefonat kann auch nur annähernd die Wirkung einer Umarmung erreichen.

Hol dir Hugs so oft du kannst.
Und teile reichlich welche aus.

Wunder #3: Dankbarkeit

Unterdrückte Gefühle verstopfen das Herz.

In meiner Schüssel rühre ich griechischen Joghurt mit französischen Renekloden um. Dazu trinke ich einen brasilianischen Kaffee mit der Milch von glücklichen deutschen Kühen. Die Welt hat sich ganz schön ins Zeug gelegt, damit ich ein Frühstück habe.
Ich bin dankbar.
Jedes Mal, wenn ich Wasser aus der Leitung trinke, erinnere ich mich, dass ich es in den meisten von mir bereisten Ländern nicht und kann.
Und bin dankbar.
Die Wirkung der Dankbarkeit über die kleinen Glücksmomente des Tages ist schon so oft und detailliert untersucht worden, dass keiner es hören kann. Und dennoch jammern wir, mich inklusive.
Komisch, oder?

Wunder #4: Überfluss

Wenn man nackt baden geht, braucht man keine Bikini-Figur.

Jeder, der schon mal auf dem Isemarkt in Hamburg war, weiß: der Gott in Frankreich ist ein Bettler! Nirgendwo auf der Welt habe ich einen solchen (relativ umdekadenten) Überfluss erlebt. Ich gehe gern hierher, um zu sehen, was ich alles NICHT brauche. Aber auch für Inspiration und für das Gefühl, dass es mir gut geht. Denn wer die Freiheit hat, an einem Freitag vormittag zwischen prall gefüllten Ständen eines Wochenmarktes zu schlendern, dem geht es verdammt gut.
Wenn ich keine Zeit für Isemarkt habe, funktioniert das Überfluss-Wunder bei mir auch bei Lidl gut. Und bei Aldi, Penni, Deka, Real und im türkischen Supermarkt in der Lindenstraße. Denn überall dort gibt es mehr, als ich brauche und mehr, als mein Kühlschrank aufnehmen kann und mein Magen essen möchte.
Überfluss. Farben, Formen, Gerüche… 80% der Erdeinwohner leben anders.
Nochmal dankbar.

Wunder #5: Humor

Ich wünschte, ich hätte Zeit für den Nervenzusammenbruch, den ich verdiene.

Wenn ich mich bei meiner Mutter „ausweine“, weil es mir nicht gut geht oder mal wieder etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle, schickt sie mir meistens ein paar lustige Bilder mit Sprüchen rüber. Banal, denke ich mir, doch immer wieder muss ich über die kleinen Witze lachen und immer wieder finde ich es erstaunlich, wie unser Gehirn funktioniert, welches nur eins von beidem gleichzeitig kann: glücklich sein oder unzufrieden. Wenn ich mich also von meinem Unglück abwende und mir erlaube, über lustige Katzen, Einhörner und andere Unmöglichkeiten zu lachen, rückt der Problemberg in weite Ferne und scheint plötzlich gar nicht mehr so wichtig zu sein.

Ablenkung per Video klappt übrigens auch gut. Hier mein Angebot für dich:


Schnelle erste Hilfe (falls deine Mutter dir keine lustigen Bilder schickt): Meine Sprüche-Pinwand bei Pinterest
Das Leben ist nämlich viel zu kurz, um es auf später zu verschieben!

Vielleicht wird alles vielleichter!

Jeder hat sie – die schlimmen Tage, die Zeit, wo man nur Jammern möchte. Doch das Jammern bringt uns nicht vorwärts. Egal wie schwer es sein mag, sich vom Klagen und Schwarzsehen zu trennen, wer es versucht, wird immer etwas finden. Musik, Umarmungen, Überfluss, Dankbarkeit und Lachen sind meine Lieblingswaffen.

Was sind deine?

Nadja Petranovskaja Signatur