Porzellan im Elefantenladen

Porzellan im Elefantenladen

Ich liebe Metaphern und Bilder im Kopf, und dann werde ich manchmal beschenkt mit einer Wortverdrehung wie “Porzellan im Elefantenladen” (statt “Elefant im Porzellanladen”). Dafür bin ich dem Leben sehr dankbar.

Als die Corona-Pandemie began, habe ich jede Woche ein Blog-Tagebuch geführt. Das hat gut getan. 37 Wochen am Stück. Dann war ich eine Weile Tagebuch-müde, und heute tut es wieder gut, mir selbst zu schreiben und mir selbst zuzugeben, wie es mir geht. Denn regelmäßige Rituale tun gut. Und eins meiner neuen Rituale ist der halbe Hahn am Donnerstag.

Donnerstags gibt es Hähnchen

Donnerstags gibt es Hähnchen. Der Wagen steht immer Donnerstags vor dem Rewe um die Ecke meines Coworking Space, und zum Coworking Space sind es nur 1,6 km von zuhause. Das Leben in der Pandemie hat meine äußere Welt kleiner gemacht, weil ich mich nur noch im Radius von 5 km von meiner Wohnung bewege.

Ich habe keine Lust mehr. Ich sehe andere menschen nach Dubai und Südafrika fliegen, und ja, natürlich könnte ich auch genau das tun, doch es fühlt sich falsch an.

Ich höre Geschichten von Parties, geheim natürlich und mit ganz vielen privaten Vorkehrungen, und ich habe nicht mal Kraft, da etwas dazu zu sagen.

Still und klein zu sein ist mein “new normal”. In einem wunderbar inspirierenden Artikel von Sara Huang habe ich gelesen, dass wir als Menschen (und zu einem großen Teil sind wir ja immer noch ein Tier) ein Territorium brauchen. Dass das Ausmaß, in dem wir als Menschen Territorien beanspruchen können, die Wahrnehmung der eigenen Identität, Sicherheit und Freiheit beeinflusst.

Kein Wunder also, dass wir von dem Lockdown im unterschiedlichen Maße beeinflusst werden. Mein Territorium ist gefühlt zwischen Singapur und der Pazifik-Küste. Ich bin ein Kosmopolit, ich fühle mich wohl in großen Städten und in Menschengruppen. Und ich fühle mich zunehmend unwohl, je weniger ich an einem Flughafen oder in einem Raum voller Menschen bin.

Doch Donnerstags gibt es Hähnchen. Ein Ritual, der nicht nur satt macht, sondern auch zufrieden. Für den Moment.

Frühjahrsmüde

Morgens nehme ich immer Vitamine zu mir. Ich habe gelesen, dass eine Kombination aus A, D und E besonders wirksam sei und das Immunsystem stärkt. Vitamin A ist außerdem gut für meine Augen. Und obwohl ich auch Vitamin C und Zink zu mir nehme, bin ich unglaublich frühjahrsmüde.

Wie langweilig das doch manchmal ist, alles richtig zu machen! Viel schlafen, viel trinken (Wasser, versteht sich), Gemüse essen und viel an der frischen Luft sein. Statt eines Dankeschön ist mein Körper träge, meine Beine schwer wie Baumstämme und mein Geist lustlos und faul.

Würde viel Wein und wenig Schlaf diese Situation bessern?

Porzellan im Elefantenladen

In einem Gespräch kam ein wunderbarer Freudscher Versprecher zustande: Ich meinte, ich fühle mich wie Porzellan in einem Elefantenladen. Und plötzlich waren all die Bilder da. Von der gefühlten Zerbrechlichkeit, von der gefühlten Ohnmacht und dem überwältigenden Gefühl des Kleinseins.

Es macht wenig Sinn, dieses Gefühl zu verdrängen oder zu ignorieren Es möchte da sein und mir etwas sagen.

Ich höre eine Weile zu. Vielleicht sind die Elefanten ja auch ganz lieb…

Danke dir fürs Lesen.

petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona-Tagebuch

15 Facilitation Ideen mit Händen & ohne Technik-Schnick-Schnack

15 Facilitation Ideen mit Händen & ohne Technik-Schnick-Schnack

In dem dritten Teil der Reihe zu Facilitation Ideen ohne Technik-Schick-Schnack möchte ich dir heute sieben Übungen vorstellen, bei denen unsere Hände und Arme in Aktion treten. Sechs davon findest dn in der Übersicht im Titelbild. Idee Nummer 7 gilt als Bonus ;-)

In dem ersten Beitrag findest du einen Mix aus Tools und Übungen, in dem zweiten Beitrag war das Thema Zuhören im Fokus.

1. Mikrophone an und los!

Die erste Übung wird im oberen Video kurz erklärt. Du kannst die Komplexität oder die Schwierigkeit der Aufgabe beliebig steigern. Das Beste aus meiner Sicht: immer dann, wenn wir auf einen Teilnehmer warten, können wir mit Hilfe dieser Übung sowohl zum Lachen als auch ins Schwitzen kommen. Und Bewegung ist in der heutigen Zeit echt so was von notwendig!!

2. Das chinesische Porzellan

Wenn es dir und deiner Gruppe eher nach achtsamer Bewegung ist, dann probiert die Übung, die ich von meinem Lieblings-Spielkollegen Julian Kea gelernt habe: das aufmerksame Bewegen einer sehr teueren (imaginären) Porzellantasse. Das läuft so:

Rechte Hand ausstrecken, sich eine Tasse auf der Handfläche vorstellen, dann mit der Hand zuerst einen Kreis über dem Kopf machen und auf dem Rückweg – der Form einer liegenden Acht folgend – von hinten unter dem Arm und wieder zurück nach vorne. Wenn das mit der präferierten Hand gut funktioniert, die andere Hand ausprobieren. Darauf achten, dass die Tasse nicht runter fällt! Zum Schluss eine symmetrische Bewegung mit beiden Armen und beiden Handflächen.

Die Übung funktioniert am Besten im Stehen. Wenn es für deine Teilnehmer möglich ist, steht alle auf.

3. Gleichschenkliges Dreieck

Das von vielen Moderatoren und Trainern beliebtes Spiel, bei dem jeder Teilnehmer – auf einer freien Fläche stehend – sich zwei Personen aussucht und anschließend ein gleichschenkliges Dreieck bildet (s. auch als Übung ind en Wondercards), lässt sich natürlich auf einem Whiteboard abbilden. Jedoch fehlt dann das räumliche Erlebnis.

Die Version mit den Händen und der Galerie-Ansicht in Zoom/Teams hat mein sehr geschätzter Kollege Bernhard Sterchi vorgeschlagen. Statt sich im Raum zu positionieren, positionieren die Teilnehmer ihre Hände in Referenz zu den ausgesuchten Personen. Die Aufgabe lautet, die eigene Hand so weit wie möglich von den Handpositionen beider Referenzpersonen zu bewegen. Wenn zum Beispiel die Hand einer Person unten in der Mitte und die Hand anderer Person unten links ist, muss die eigene Hand irgendwo oben rechts sein. Und wieder, wenn beide Referenzen sich bewegen, folgt eine Anpassung der eigenen Handposition.

Funktioniert auch mit einer Hand und einer Referenzperson. Debriefing auf Themen wie Zusammenarbeit, Selbstorganisation, Schwarmintelligenz, Zuhören, Achtsamkeit…

wondercards corona edition 2

🌈 Mehr grandiose Ideen für (online) Moderation findest du in dem Set der Wondercards.

4. Stop faster

Stop faster ist eins meiner Lieblingsübungen ohne Technik-Schick-Schnack! Kennengelernt habe ich es auf der #play14, dort damals in einem Raum und viel Bewegung. Die online Version funktioniert sowohl im Stehen als auch im Sitzen, und auch hier habe ich ein kurzes Video für dich.

Diese Übung ist ebenfalls Bestandteil der Wondercards.

5. Flugzeuge und Schiffe

Ein absolutes Schätzchen unter den Übungen mit den Händen, die auch online wunderbar sind, habe ich bei meiner New Work Kollegin Nicole Anzinger gelernt. Diese Übung involviert nicht nur die Hände, sondern auch ein Blatt Papier und gern auch ein paar Buntstifte. Entführe deine Teilnehmer in die analoge Welt!

In dem ersten Teil der Übung bittest du die Teilnehmer darum, ein Papierflugzeug zu bauen. Da manche von uns das längst verlernt haben, zeigst du eine Anleitung auf den Bildschirm. Bitte achte darauf, dass die von dir ausgesuchte Anleitung möglichst asymmetrische Falten in das Papier bringt, zum Beispiel so:

petranovskaja facilitation Papierflugzeug

Haben die ersten Teilnehmer bereits ein fertiges Flugzeug, können sie es eine Runde fliegen lassen (und dann aufstehen, um es aufzuheben :-)).

Bitte nun die alle, das Flugzeug zu personalisieren, indem sie ihm einen Namen geben oder ihre eigene Stärken auf die Flügel zeichnen. Nimmt euch zusammen Zeit, das Ergebnis zu wertschätzen.

In der zweiten Phase der Übung wird das Papierflugzeug auseinander gefaltet. Die Teilnehmer sollen nun aus dem gleichen Blatt Papier ein Schiff falten, ebenfalls nach einer von dir vorgegebenen Anleitung, zum Beispiel:

petranovskaja Papierschiff

Da das Papier bereits “benutzt” ist, und die “alten” Faltstellen nicht zu den neuen Anforderungen passen, ist dieser Vorgang mit einer Mischung an Emotionen verbunden. Auch die ursprünglichen Zeichnungen erscheinen nun an seltsamen Stellen.

Ich nutze diese Übung im Kontext von Change und spreche mit den Teilnehmern einfach nur darüber, was sie während der Übung gedacht und gefühlt haben, und wie das zu ihrem persönlichen Umgang mit Change passt.

6. Danish Clapping Game

Überraschenderweise funktioniert Danish Camping Game online fast besser als in einem physischen Raum. Ich teile Teilnehmer in Paare, lasse sie aber alle in der einen Gruppe (keine Breakout Rooms). Manchmal sind auch Beobachter nützlich. Anschließend spielen wir 1-2 Runden mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Die Erkenntnisse der Spieler sind sehr von dem Kontext des Workshops abhängig, daher probierst du das vielleicht einfach aus. Eine sehr detaillierte Beschreibung findest du bei Thomas Jorré.

Wenn du deine Erfahrungen dazu mit mir teilen magst, freue ich mich sehr :-)

Bonus: Talking Hands

Als Kind haben viele von uns “talking hands” gespielt: Jemand steckt seine Arme nach hinten, und jemand anders steckt seine Arme unten drunter nach vorne, und während die eine Person spricht, gestikuliert die zweite Person (von der wir nur die Arme sehen) dazu. Manchmal halten sich die “fremden” Arme auch nicht an den Text und machen einfach Quatsch.

Wie ich das nutze? Ich schalte mein Video aus und sage, die Teilnehmer sollen mit Gesten und Mimik meine gesprochenen Worte abbilden. Zweite Variante: Wir lesen reihum einen Text: jeweils ein Teilnehmer liest, alle anderen müssen die Gesten nachmachen, die zu der Intonation passen.

Sehr passend ist das in einer internationaler Gruppe. Da bitte ich alle, etwas in ihrer Muttersprache zu sagen, und wir machen die Gestik dazu (oft ohne den Inhalt zu verstehen).

Im Debriefing kann von lustig bis zu sehr ernst alles vorkommen. Auch hier sind die Teilnehmer reichlich aktiviert und haben sich gut bewegt.

Und darauf kam es in diesem Teil der Übungen ohne Technik-Schick-Schnack an.

Viel Spaß bei der Umsetzung und viele gute Session!

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More about facilitation:

15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack (Teil 2 -Zuhören)

15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack (Teil 2 -Zuhören)

In diesem zweiten Teil stelle ich weitere Ideen für gute Meetings und Workshops ganz ohne technischen Schnick-Schnack. Die Resonanz auf den ersten Teil war sogar besser als erwartet, darum gibt es am Ende des Beitrages einen Bonus, der ursprünglich nicht inbegriffen war ;-)

Weg mit Technik-Schnick-Schnack!

Wir sitzen oder stehen vor unseren Computern, wir sehen nur Bruchteile unserer Körpersprache, wir sind begrenzt auf den visuellen Wahrnehmung-Kanal, und dann kommt all die Arbeit mit der Maus. Klicken, schieben, Doppelkick… Tastatur und Monitor sind zu unseren erweiterten Körperteilen geworden. 

Das bringt mich zu einer Aufwärmen- und Kennenlernübung, bei der es vor allem um Zuhören geht. Zum einen hören die Teilnehmer in sich selbst hinein, zum anderen hören sie einander zu. Idealerweise schickst du sie dazu in Paaren in Breakout Rooms. Geht im Fall der Fälle auch über das stille Schreiben im Chat.

Impossible Year

Wir alle haben es erlebt: das eine Jahr mit Corona. Teile mit deinen Teilnehmern den Fakt, das wir meistens ÜBERschätzen, was wir in einem Jahr schaffen und UNTERschätzen, was wir in drei bis fünf Jahre schaffen können. Stelle allen die Frage:

Was hielt ich vor einem Jahr in den ersten Corona-Pandemie Wochen für absolut unmöglich? Was ist daraus geworden?

Gib allen zuerst paar Minuten Zeit, sich zu besinnen. Beginne dann mit dem Austausch. Entweder in den Paar-Gesprächen oder im Chat.

Sammelt anschließend gemeinsame Erkenntnisse:

  • Was ist geschehen, obwohl wir es nicht für möglich hielten?
  • Was geschah nicht, obwohl wir es für möglich hielten?

Auch wenn es sehr verführerisch ist, die Sätze der Teilnehmer zu kommentieren und zusammenzufassen, würde ich die Arbeit hier der Gruppe überlassen. Warum, erkläre ich in diesem Blogbeitrag.

Hast du mit der Gruppe etwas mehr Zeit und möchtest du die Teilnehmer mehr aktivieren, kannst du eine erweiterte Version nutzen, und zwar:

Mini-Toaster

Auch hier arbeiten die Teilnehmer in Paaren. Wer beginnt, bringt einen Satzanfang und eine handelnde Person (oder ein Gegenstand) ins “Spiel”, zum Beispiel:

Nadja’s rote Schuhe hätten vor einem Jahr nicht geglaubt, dass sie ein Jahr im Schrank bleiben. Eines Tages jedoch…

Warum nennt sich die Übung “Toaster”? Weil der, der spricht, aufstehen muss. Während ich spreche, kann die andere Person aufspringen – zum Beispiel, um den Satz zu beenden. Genau so kann sich aber auch jeder hinsetzen und damit den anderen auffordern, weiter zu machen.

Warum Mini-Toaster? Weil es Absicht ist, dass man nicht zu lange spricht. Die Geschichte kann in diesem Fall total frei erfunden sein – sie lehnt sich an die Prinzipien des Improvisationstheaters (“Ja, genau! Und…” plus im Moment sein) und aktiviert natürlich auch die Lachmuskeln.

wondercards corona edition 2

🌈 Mehr grandiose Ideen für (online) Moderation findest du in dem Set der Wondercards.

Gib den Teilnehmern eine Bespiel-Geschichte, bevor du sie in Paaren spielen lässt. Klare Regeln sind das A und O, in dem virtuellen Raum noch mehr als sonst. Zum Debriefing eignen sich Fragen wie:

  • War ich ein Teil der Geschichte?
  • Habe ich mich von der Stimmung meines Partners anstecken lassen?
  • Habe ich meinen Partner mit meiner Stimmung anstecken können?
  • War ich ein guter Zuhörer?

Und wo wir beim Zuhören sind, eine Übung für Paare, die etwas mehr Zeit braucht und vielleicht auch in die Tiefe geht:

Unfortunately/luckily

Bitte die Teilnehmer, sich paar Dinge aufzuschreiben, die im Moment nicht so laufen, wie sie sollten. Auch hier kannst du in Paaren arbeiten. Bewährt hat sich aber auch kleine Gruppengröße. Ablauf ist einfach:

Der “Fallgeber” sagt, was LEIDER nicht so ist, wie es sein sollte (etwas von seiner Liste)

Der oder die Partner hören zu, fühlen mit, denken nach und formulieren einen Satz mit dem Bezug zu der Situation. Dieser Satz beginnt mit ZUM GLÜCK und stellt die Kehrseite der Medaille dar.

Hier geht es – neben dem aktiven Zuhören – darum, die verschiedenen Perspektiven auf die gleiche Situation kennenzulernen. In kleinen Gruppen bietet es sich an, dass jeder sich zuerst die eigene Antwort im Stillen aufschreibt und die Gruppe dann nach und nach die verschiedenen Perspektiven teilt.

Debriefing geht in viele Richtungen und hängt von deiner Gruppe und dem Session-Ziel ab. Hunderte von DEbriefing-Ideen bietet dir das ganz tolle Debriefing Cube von Julian Kea.

Und weil wir heute so schön beim Thema #Zuhören sind, eine Übung, die regelmäßig für Aha-Erlebnisse sorgt:

Palme malen

Vorlage Palme malen

Im virtuellen Raum sende ich einem der Teilnehmer die Vorlage, im echten Raum zeichne ich diese auf ein Flipchart, welches ebenfalls nur für einen Teilnehmer sichtbar ist.

Die Aufgabe: Die dargestellte Zeichnung der Gruppe so erklären, dass jeder Teilnehmer ein Vorlage-ähnliches Bild zeichnet.

Diese Vorlage wurde schon mehrere hundert Male nachgezeichnet.

Auch hier kann Debriefing in mehrere Richtungen gehen:

  • was sind Erfolgsfaktoren der Kommunikation
  • wer entscheidet, was richtig und falsch ist?
  • haben wir vorab eine Definition of done gemacht?

usw.

Viel Spaß dabei!

Diese Palmen-Übung war in dem ursprünglichen Glücksrad mit 15 Moderationsübungen nicht enthalten und ist somit heutiger Bonus :-)

Auch nächste Woche teile ich gern Facilitation Möglichkeiten ohne Technik Schnick-Schnack mit dir :-)

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More about facilitation:

15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack

15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack

Das zweite Jahr der vorwiegend technisch begleiteten Meetings und Workshops lässt mich nachdenklich werden: aus der Not haben wir nach und nach Tugend gemacht und uns teilweise im technischen Schnick-Schnack verirrt. So gern ich Neues lerne und hier über die neuen Tools und technischen Schnick-Schnack-Spielzeuge berichten würde, die ich vor Kurzem entdeckt habe, möchte ich heute den Fokus ganz woanders hin legen.

Weg mit Technik-Schnick-Schnack!

Wir sitzen oder stehen vor unseren Computern, wir sehen nur Bruchteile unserer Körpersprache, wir sind begrenzt auf den visuellen Wahrnehmung-Kanal, und dann kommt all die Arbeit mit der Maus. Klicken, schieben, Doppelkick… Tastatur und Monitor sind zu unseren erweiterten Körperteilen geworden.

Das beeinflusst das Denken und auch unsere emotionale Lage. Viele sind müde und trotz der ganzen Spielereien irgendwie gelangweilt. Es braucht immer mehr Effekte und Besonderheiten, um die Teilnehmer in einer Session bei der Stange zu halten.

Aus diesem Grund möchte ich heute 15 Ideen für deine Moderation mit dir teilen, bei denen du außer der Videokonferenz selbst nichts brauchst. Na gut, bei der einen Idee werden Maus und ggf. Tastatur benötigt. Nämlich bei der Nutzung des Moodmeters.

Moodmeter

In Zoom kannst du den Moodmeter im Screen-Sharing Modus durch die Teilnehmer kommentieren lassen. Haben die Teilnehmer sich für ein paar Stimmungen entschieden, fragst du, wer und warum in dieser Stimmung ist. In anderen Videokonferenz-Tools gibt es die Kommentieren-Funktion nicht, dort kannst du mit dem Chat arbeiten (ist dann nicht anonym, braucht also etwas mehr “safe space”).

Moodmeter eignet sich wunderbar am Anfang der Session, als Retrospektive nach einem Schritt im Workshop oder auch als Check Out. Ich habe früher die ausgedruckte Version in den Trainings/Workshops verteilt und so den Tag abgeschlossen. Je nach Gruppe kannst du die Teilnehmer auch darum bitten, zu beschreiben, wie es denen als Gruppe geht. Das so generierte Wir-Gefühl verbindet die Teilnehmer.

Wofür du das Wir-Gefühl brauchst? Ganz einfach: ein kürzlich entdecktes Zitat besagt:

Inhalt schwimmt auf Beziehungen.

irgendwo online gelesen

Und das bringt uns zu der nächsten Moderations-Idee…

Intuition in Paaren

In dem Facilitators Remote Café haben wir am 22. März 2021 unseren ersten Geburtstag gefeiert. Obwohl viele aus der Community of Practice sich regelmäßig in diesem montags-Format treffen, kennen wir einander nicht wirklich gut. Daher hat diese Paar-Übung vielen eine Freude bereitet. Ich moderiere sie in zwei Versionen: Zeichnen oder schreiben. Die Zeichen-Version verlangt, einander schweigen anzuschauen und zu zeichnen. Worte sind dabei nicht erlaubt. Anschließend zeigt man einander die Bilder und erzählt, was man in dem Partner sieht.

Die Wondercards bieten eine andere Version dieses Paar-Formats, die ebenfalls sowohl online als auch in Präsenz die sogenannten “deep conversations” erlaubt.

Denke bitte in Vorbereitung deiner Moderation, wie du die Überleitung aus diesem Moment einer Verbundenheit und Intimität zwischen den Teilnehmern zu dem nächsten Schritt machst. Oft macht es einen Sinn, nach der Übung zusätzlich Zeit zu nehmen, um darüber zu sprechen, wie die “normale” Alltagskommunikation von dieser Übung profitieren kann. Somit ist es viel mehr, als nur ein Warm Up oder Kennenlernen – ihr als Gruppe könnt viel tiefer in die Reflexion von Themen wie Kultur, Werte und Miteinander einsteigen. Wer mag, kann sogar bereits konkrete Aktionen ableiten.

Wart ihr auf diesem Weg ca. eine Stunde fokussiert und fleißig, ist es vielleicht Zeit für einen Energizer. Eins meiner Lieblinge – ganz ohne Schnick-Schnack – ist die …

Kissenschlacht

Stellt euch vor, wir sind zusammen in einem Raum und machen eine Kissenschlacht, jedoch in … Zeitlupe. Dabei Achtet man auf die Bewegungen um einen herum und reagiert darauf (zum Beispiel ausweichen oder “umfallen”, weil man von einem Kissen erwischt wurde).

Als eine Variante könnt ihr ein “Opfer” zum Beispiel den Moderator aussuchen, und alle bewerfen ihn mit … Rosenblättern, Federn, Luftballons – natürlich nicht mit echten, sondern mit imaginären.

Wandelt diesen kurzen Energizer gern in eurem Sinne um (wir haben uns einander schon mit Problemen und Lösungen beworfen und dann diskutiert, ob diese unterschiedlich schwer sind…).

#noagenda Rad

Handelt es sich bei der Session um eine Arbeitssitzung und nicht um einen Workshop, so könnt ihr die zu besprechenden Punkte in ein “Glücksrad” einfügen und dann das Tool entscheiden, was als nächstes besprochen wird. Lässt sich wunderbar mit den Regeln des Lean Coffee kombinieren!

Das Rad aus dem Titelbild dieses Beitrages macht übrigens sowohl Geräusche als auch Konfetti zum Schluss (genau, Schnick-Schnack!). Eignet sich auch gut, um auszuwählen, wer als nächstes für die Organisation des Team-Frühstücks zuständig ist (Namen einfügen, drehen, Konfetti!) oder was vom Team-Budget angeschafft wird (Entscheidungs-Hilfe). Kann man auch privat nutzen, wenn es um wer-putzt-heute oder die Filmauswahl geht.

Viel Spaß dabei!

Die anderen Formate werde ich gern nach und nach vorstellen.

petranovskaja Unterschrift signatur

PS: Sehr empfehlenswert für Freunde der guten Moderation ist die wöchentliche Facilitation Rundschau von Jacob Chromy.

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Enjoy!

Der zweite Corona-Frühling

Der zweite Corona-Frühling

Zuerst wollte ich schreiben „Warum der zweite Corona-Frühling uns viel härter trifft“, dann war da eher ein Gedanke „Warum der zweite Corona-Frühling viel mehr Hoffnung in sich birgt“, und dann habe ich gemerkt: ich möchte mich von der Bewertung befreien.

Wir sind auch ein Jahr später so dumm wie klug. Nachdem wir sehr viel über Pandemie, Virus und unsere Gesellschaft gelernt haben, haben wir immer noch keinen Plan. Zumindest geben wir nicht vor, einen klaren Plan zu haben, der aufgehen wird.

Jede Woche müssen wir neue Meldungen und Marschbefehle unserer Regierungen verarbeiten. Ja und nein weichen immer öfter einem „wir wissen nicht“, und zu der allgemeinen Müdigkeit kommt das zunehmende Gefühl, das etwas schief läuft.

Weil die Komplexität keine leichten Antworten beinhaltet, lohnen sich in dieser Situation drei Wege:

  • sich gut um das eigene (psychische) Wohlbefinden zu kümmern
  • sich mit Psychologie zu beschäftigen. Zum Beispiel mit den Bias, die uns beim Treffen der Entscheidungen einen Streich spielen. Oder mit dem, wie komplexe Systeme funktionieren. Oder mit self-fulfilling prophecy. Mit der Salutogenese. Mit positiver Psychologie und mit der Gruppendynamik.
  • sich voll und ganz dem Frühling hinzugeben. Die zahlreichen Blüten, die wir in den nächsten Tagen sehen werden, können Wunder bewirken.

Jede beliebige Achtsamkeitsübung gibt unserem Gehirn und unserer Seele mehr Sicherheit, als alle Nachrichten des Tages zusammen.

🤗

Einatmen. Ausatmen.

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Mein Corona-Tagebuch

Fünf Ratschläge für mehr Glück von Winnie Puh

Fünf Ratschläge für mehr Glück von Winnie Puh

Man mag den Winnie Puh für einen dicken verfressenen Bären halten. Dennoch hat diese Figur eine Menge guter Dinge gesagt, und hier sind ein paar von denen – für More Shiny Eyes und mehr Glücksgefühle.

Manchmal sind es die kleinsten Dinge, welche den meisten Platz in deinem Herzen einnehmen

Lass uns mit kleinen Dingen anfangen. Was fällt dir sofort ein? Dein Frühstück? Sonnenstrahl auf der Nase? Musik? Kuchen oder frisches Brot? Buch lesen? Weichen Pullover streichen?

Tanzen! Schlafen! Radeln! Schokolade essen! Singen! Ja sagen. Nein sagen. Nichts sagen und zuhören. Landschaft fotografieren.

Im Hier-und-Jetzt zu sein ist stets möglich, und da hat Winnie Puh Recht, die kleinen Dinge können viel Platz im Herzen einnehmen und sich dort breit machen, um dein Herz von innen zu wärmen.

Du bist tapferer als du glaubst, stärker als es scheint und klüger als du denkst

Ob du es glaubst oder nicht: was du glaubst, das wird deine Realität prägen. Diese einfache Wahrheit darüber, wie unser Denk- und Glaubenssystem funktioniert, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Wissenschaft, die ich in meinem Shiny Eyes on demand Kurs nutze, damit du deine Glücksbatterien aufladen und glücklich sein kannst.

Falls es dir gerade schwer fällt, dem Winnie Puh zuzustimmen, schreibe doch einfach eine Liste der Situationen auf, in denen du dich selbst oder andere um dich herum überrascht hast. Etwas ist dir mit Leichtigkeit gelungen. Jemand hat deiner Idee zugestimmt. Du hast deine Angst überwunden und etwas gemacht, was vorher unvorstellbar war. Du bist spontan gelobt oder umarmt worden. Du bist in einem Flow verschwunden (lesend, schreibend, schaffend).

Immer noch Zweifel? Stell dich vor einen Spiegel und zitiere den Winnie Puh: Du bist tapferer als du glaubst, stärker als es scheint und klüger als du denkst. Sage es mit einem breiten Lächeln dir selbst in die Augen schauend. Dreimal pro Tag sollte vorerst reichen.

Du kannst nicht immer in der Ecke des Waldes bleiben und darauf warten, dass andere zu dir kommen. Du musst auch manchmal zu ihnen gehen

Au ja! Komm raus. Gehe auf andere Leute zu. Lade Menschen unerwartet dazu ein, mit dir zu telefonieren. Veranstaltet gemeinsame Spielabende (geht auch online), Lese-Stunden. Schicke jemandem eine Postkarte. Schreibe einen langen Brief. Melde dich zu einem Meetup oder Barcamp an und teile deine Fragen oder dein Wissen mit anderen Menschen.

Mache jemandem auf der Straße ein Kompliment. Bedanke dich laut und deutlich bei jemandem, der dich im Geschäft bedient (und kein Home Office machen kann). Sei für andere da.

Flüsse wissen, es gibt keine Eile. Wir werden eines Tages dort sein

Lass los.

Loslassen heißt nicht, dass du aufgibst. Loslassen bedeutet, dich freu zu machen vom inneren Druck. Loslassen bedeutet, beide Hände frei zu haben für etwas, das jetzt wichtiger ist.

Seit dem Beginn der Corona-Zeit (und das ist schon fast ein Jahr!) versuchen wir immer noch an so vielen unserer alten Gewohnheiten festzuhalten. Das kostet uns Kraft.

Lass los. Go with the flow. Flüsse haben keine Eile.

Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin

Wer ist dir ein guter Freund?

Wem bist du ein guter Freund?

Einfache Fragen, die vielleicht helfen, etwas Honig in deine Töpfe zu packen. Vielleicht sind aber deine Töpfe Rand voll mit Honig – dann kannst du dich einfach darüber freuen.

Ich freue mich, wenn der liebenswürdige pummelige Bär dir jetzt ein paar Impulse für mehr Glück gegeben hat. Wenn du dich über das Titelbild wunderst: so sieht die russische (sowjetische) Version des Winnie Puh aus, und in den Zeichentrickfilmen dazu war der in Honig verliebte Bär unter anderem auch ein Poet.

Das Leben ist voller Wunder. Der Wald ist voller Freunde. Der Fluss ist voller Ruhe.

Wir schaffen das schon!

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petranovskaja shiny eyes on demand kurs

PS: Wenn du deine Glücksbatterien mit mehr Impulsen, Übungen und Erkenntnissen aufladen möchtest, lade ich dich herzlich zu meinem frischen Shiny Eyes on demand Kurs ein!

Arbeit neu denken, wie soll das gelingen?

Arbeit neu denken, wie soll das gelingen?

Der Wandel der Arbeit, den wir hier zulande mit „New Work“ bezeichnen, soll die Zukunft unserer Arbeit neu denken und gestalten. Durch die Studien wie zB. die von Gallup, wird uns nämlich immer wieder gesagt, dass mit der „alten“ Arbeit etwas nicht stimmt. Und darum muss das Alte weg und das Neue hin. 

Ich fände das schade. Das „Alte“ ist nämlich nicht durchgehend schlecht. Es ist womöglich nicht mehr zu der heutigen Zeit passend, aber diese „alte“ Arbeit hat uns hierher gebracht: in eine Wellt, in der es uns an nichts mangelt.

Der “alten” Arbeit danken

Bevor wir das “Alte” rausschmeißen, sollten wir uns eine Minute Zeit nehmen und es würdigen. Nicht alles ist an der Arbeit, wie wir sie heute kennen, schlecht. Ein kurzer Blick auf die Errungenschaften der Industrialisierung:

Maschinen haben uns physische Arbeit abgenommen und erlaubt, uns mehr kreativ zu betätigen. Diese Entwicklung begann irgendwo zwischen dem Webstuhl und der Dampfmaschine und dauert immer noch an.

Massenproduktion von Waren an einem Ort hat dafür gesorgt, dass wir zum einen die Sachen erschwinglich erwerben konnten und zum anderen an den Orten der Massenproduktion viele Arbeitsplätze hatten. Diese Entwicklung hat sich durch die Globalisierung nur in dem Ort des Geschehens verändert und in dem Fakt, dass manche Länder immer weniger selbst produzieren und immer mehr Verbraucher sind.

Arbeitsteilung und Prozesse haben zu Messbarkeit der Arbeit geführt. Wir konnten Geld und Zeit gegeneinander aufwiegen und verschiedene Stellenbeschreibungen miteinander vergleichen. Dadurch sind auch Karrieren möglich geworden, die sehr vielen Menschen eine Motivation gegeben haben.

Organigramme und Standards haben Halt und Ordnung geliefert, eine wichtige Sicherheit in der Welt, die auch heute noch gebraucht wird.

Und so sehr wir und danach sehnen, die Arbeit neu zu denken, zu humanisieren und zu transformieren, dürfen wir nicht vergessen, wie sehr wir unseren heutigen Wohlstand und unsere Freiheit der “alten” – durchgeplanten, fest organisierten und straff geführten – Arbeit verdanken.

Danke, liebe alte Arbeit!

Arbeit der Zukunft: Nadjas Traum 

In meinem Traum haben Arbeit und Geld eine neue Beziehung miteinander. Es gibt kaum Grenzen und Hürden in der Arbeit. Firmen haben keine oder kaum äußere Corporate Identity. Um mit einem Unternehmen an einem Projekt zu arbeiten, muss ich keine Grenzen überwinden. Ich spreche mit den verantwortlichen Menschen, wir verabreden uns, suchen eine Lösung oder erschaffen etwas Neues und gehen dann wieder auseinander.

Der Werttausch wird mannigfaltig alternativ gestaltet. Es gibt die traditionelle Währung, es gibt Bartergeschäft, irgendwas virtuelles wie Empfehlung und auf jeden Fall gibt es am Ende eines gemeinsamen Projektes ausgiebige Retrospektive mit wertschätzendem Feedback. Wir Menschen haben einander so viel zu geben!

Darf ich weiter träumen? Gern!

  • Vollbeschäftigung als Ziel wird gestrichen. Es muss nicht jeder eine Arbeit im alten Sinne (=Broterwerb) haben. Sich künstlerisch zu betätigen und in der Gemeinschaft zu engagieren hat den gleichen Stellenwert wie die aus der Industrialisierung hervorgegangene „Stelle“.
  • Stellen werden gestrichen. Unternehmen stellen nicht ein, sie laden ein und heißen alle willkommen, die Eineiner starken und auf das Produkt fokussierten Gemeinschaft bereit sind, gemeinsam die Ärmel hochzukrempeln. 
    Stellen und Stellenanzeigen werden daher durch Einladungen ersetzt, die sich wie eine Einladung zur Veranstaltung anfühlen. „Wer möchte mit uns zusammen eine Lösung oder ein Produkt erarbeiten?“
  • Es gibt auch keine Teamentwicklungen mehr. Denn wenn Menschen eh freiwillig zusammen kommen, um etwas zu bewerkstelligen, sind sie per se ambiguitätstolerant, ergebnisorientiert und gut gelaunt.
  • Für diejenigen, die „Vollzeit“ arbeiten, wird die Arbeitszeit auf maximal 3-4 Tage in der Woche begrenzt, die restliche Zeit gehört den Familien, den Freunden, den Hobbies, der Gesundheit und dem Spaß. 
  • Neu in dem „Arbeit neu denken“ könnte auch sein, dass wir diese überhaupt nicht mehr in Stunden pro Woche messen. Dass die Bezahlung selbstbestimmt passiert: „Hole dir vom Konto, was du aus deiner Sicht an Mehrwert generiert hast“.

Arbeit neu denken ist auch, wenn wir alles liegen lassen, das uns zwar beschäftigt, aber nicht voran bringt. Karriere als solche wird abgeschafft, denn Entwicklung wird nicht mehr von außen dokumentiert, sondern aus der reichhaltigen inneren Reflexion (für die ich immer Zeit habe, wenn ich nicht 70 Stunden pro Woche arbeite). Und da es ohne Karriere auch kein „oben“ gibt, kann sich weder durch Fleiß noch durch List dahin durchkämpfen und die gesparte Energie lieber woanders einsetzen.

Was uns noch beschäftigt und nicht voranbringt? Ich bin mir sicher, uns fällt da eine lange Liste ein.

Risiken und Nebenwirkungen

So neu gedachte Arbeit birgt (neben den wirtschaftlichen Aspekten, die ich aus Unwissenheit nicht anfasse) folgende Risiken mit sich:

  • Wir sind viel gesünder, ausgeschlafener, sehen viel besser aus und sind mit uns selbst zufrieden – denn wir haben viel weniger Grund, unzufrieden zu sein und uns über etwas aufzuregen.
  • Die so eingesparte Zeit sorgt dafür, dass die “Bild” Zeitung komplett verschwindet (weil wir Zeit haben, nachdenkliche lange Texte zu lesen statt große Schlagzeilen) und die Zeit an den Stammtischen in den Kneipen dazu genutzt wird, die Geschichten über die Enkel auszutauschen oder die Entwicklung der eigenen Gemeinde voranzutreiben.
  • Die Lust an der Arbeit beschleunigt die Entstehung, Entwicklung und Verbesserung sämtlicher Produkte und Dienstleistungen dermaßen, dass noch weniger Zeit investiert werden muss, um diese Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen.
  • Wir freunden uns in unseren Gemeinden und Stadtvierteln miteinander an, unterstützen einander beim Einkauf und Kinderbetreuung.
  • Wir fangen vermehrt an, Lieder und Gedichte zu schreiben und diese abends zusammen zu singen und vorzulesen.
  • Wir werden viel glücklicher, und aus dieser Zufriedenheit raus agieren wir automatisch so, dass unser Planet sich von uns erholen und sich regenerieren kann.
  • Nebenbei erfinden wir in der freien Zeit viele weiteren Möglichkeiten, Energie alternativ zu gewinnen, human und ökologisch zu reisen und einen Einklang mit dem Universum zu spüren.

Hach, wäre das eine schöne Welt!

Vier mögliche Stolperfallen

1. Die erste mögliche Stolperfalle könnte dabei sein, dass wir vergessen, das Alte und Unnötige als Balast abzuwerfen. Dass wir unsere mit Moos bewachsenen Glaubenssätze darüber, was Arbeit ist, in die Zukunft mitnehmen und diese wir einen riesigen Koffer mit uns schleppen. So wird sich der Weg sehr beschwerlich anfühlen. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland neuerdings recht viele New Work Awards – und die Auswahl der Gewinner findet (meist intransparent, durch eine Jury festgelegt) im “alten” Arbeitsmodus statt. Wie die Plattform Kununu – auf der die Mitarbeiter selbst über die Arbeitgeberqualität abstimmen können – zeigt, gibt es in der Arbeitswelt gar keine Gewinner. Denn so individuell wie die Menschen, so unterschiedlich dürfen auch die Arbeitswelten sein, in denen wir uns bewegen.

New Work heisst Vielfalt und Diversität.

2. Eine zweite mögliche Stolperfalle ist, dass wir das Neue aus den Puzzleteilen des Alten bauen. Wir nehmen alles, was uns nicht passt, auseinander und machen daraus etwas, was wir „innovativ“ nennen. Ein Beispiel wäre Bürokonzeption. Dass es keine festen Schreibtische gibt, sondern freie Arbeitsplätze. Oder dass es keine Abteilungs-zugeordneten Großraumbüros gibt, sondern Möbel aus Paletten mit bunten Kissen und Kickertischen dazwischen.

Am Ende von allen diesen noch so innovativen Lösungen machen wir mit Menschen das gleiche wie vorher: wir schicken sie in ein Gebäude und lassen sie dort arbeiten. Es erinnert mich total an die Kuh-Herde, die abends in den Stall geschickt wird, zum Melken.

Es braucht aus meiner Sicht hier mehr Innovation als Stall mit bunten Melk-Geräten.

New Work bedeutet, Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen.

3. Stolperfalle Nummer drei: Die Angst vor dem weißen Papier. Etwas wirklich neu zu denken ist furchterregend, denn viel zu schnell klammert sich unser faules Gehirn an die Fetzen der bereits existierenden Lösungen. Und darum werden Organisationen „wie Spotify“ umgebaut oder OKRs „wie bei Google“ eingeführt. Neu gedacht wurde dabei nichts.

Dass Kühe weniger Stress verspüren, wenn man ihnen beim Melken Beethoven vorspielt, ändert nichts an der Tatsache, dass die Kühe ausschließlich als Quelle der Milch gesehen und nach ihrer Produktivität in „gut“ und „schlecht“ aufgeteilt werden.

Versuche mal, das Jahresbeurteilungsgespräch komplett neu zu denken. Offen zu sein für alles. Ohne dich an das anzulehnen, was du weißt und wie du deine Jahresgespräche aus der Vergangenheit kennst. Das weiße Papier urteilt nicht!

New Work ist individuell formbar und muss keine Kriterien erfüllen.

4. Und Stolperfalle Nummer vier: geschlossene Gesellschaft. In den Organisationen, die ich kenne, sind oft die gleichen Menschen dabei, etwas zu tun, was mit Organisationsentwicklung zu tun hat. Entweder kommen sie aus der Personalabteilung oder sind als auch sonst sehr aktive Mitarbeiter bekannt. Haben diese beiden Gruppen keine Zeit, kommen die externen Berater rein. Damit ist das neu denken oft schon tot.

Manchmal wird gesagt, New Work sei ein Luxusprodukt, exklusiv für Denkarbeiter. Zum Glück gibt es bereits gute Beispiele in der Welt, die zeigen, wie sehr auch Berufszweige von New Work profitieren, die sehr physisch arbeiten. Produktion, Baugewerbe, Bäckerei, Pflegepersonal, Hotels…

New Work ist ein Angebot für alle.

Inspiration ist überall

Inspiration ist überall. In jedem Zeitungsartikel, in jedem Bushaltestellen-Gespräch, an der Supermarkt-Kasse… Die Zukunft guckt us permanent an und sagt: Fange mich! Finde mich! Entdecke und gestalte mich! 

Wir sind keine Kühe!  ;-)

An die Arbeit, würde ich sagen!

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Mehr zum Theme Zukunft der Arbeit:

Ein Warnsignal

Ein Warnsignal

Mein Unbewusstes sendete mir heute ein Warnsignal, denn heute Nacht träumte ich vom Reisen. Ich sah mich, die Flughafenhallen, meinen goldgelben Koffer und ich wusste sogar, von wo nach wo ich fliege. Es ging von einem wichtigen Meeting aus Los Angeles zurück nach Hamburg. Meine Kollegin musste nach Dubai mit Umsteigen irgendwo auf der Ostküste.

Bevor ich stundenlang weitere Details meines Traumes aufliste: worum ging es wirklich?

When day comes we ask ourselves,
where can we find light in this never-ending shade?

Amanda Gorman

Alles wie vorher

Es war alles wie vorher. Wir standen eng an eng in der Schlange an einem Flughafen – Halle aus Beton. Die Security Kontrolle dauerte ewig. Wir unterhielten uns wirklich auf dem besten Business-Kasper Niveau darüber, wer von wo nach wo fliegt und warum. Wir holten alle Flüssigkeiten aus dem Handgepäck.

Es war alles wie früher.

Dämmert es?

Mein Unbewusstes (oder wo auch immer meine Träume so herkommen) hätte alles auf der Welt auf die innere Projektionsfläche werfen können. Ich könnte zum Mars fliegen. Oder ein Fisch sein. Aber nein, ich sah mich im Traum etwas tun, was ich sehr gut kenne.

Hypothese eins:es ist m eine Sehnsucht nach dem Reisen, dem Erleben.
Hypothese zwei: es ist ein Warnsignal.

Ich entscheide mich für das Warnsignal

Was, wenn wir die Situation, in der wir gerade sind, NICHT dafür nutzen, etwas zu verändern? Was, wenn wir die Gelegenheit verpassen, unser Leben neu zu gestalten und zu transformieren? Was, wenn wir – geimpft oder anderswie für den Virus unangreifbar gemacht – einfach zurück kehren in das Leben vor Corona und nichts, gar nichts mitnehmen außer der Anekdoten über das Toilettenpapier?

Wovor wollte mich mein Denksystem noch warnen?

Vielleicht davor, dass ich in diesem ganzen Geschehen eine Rolle spielen könnte? Dass ich mich entscheiden kann, ein Teil der Lösung zu werden statt ein Teil des Problems zu bleiben?

Fragen

  • Wie sollen wir denn etwas gestalten und verändern, wenn ein Teil von uns kaum weiß, wovon morgen die Miete bezahlt werden soll?
  • Wie sollen wir denn klar denken, wenn uns die (oft echt bekloppten) Schlagzeilen immer wieder in Angstzustände schicken?
  • Wie sollen wir unternehmerisch und mutig handeln, wenn wir – Kraft der Situation – immer weniger selbst entscheiden dürfen?

Was macht es mit dir?
Was macht es mit uns?
Was können wir damit machen?
Was machen wir daraus?

Ein Wortspiel muss nicht ein Wortspiel bleiben. Wer meinen Blog regelmäßig liest, der weiß, wie sehr ich mich dafür einsetze, dass wir mündig, mutig und selbstbewusst durch das Leben gehen.

Manchmal helfen dabei schon recht kleine Dinge. Hier eine Liste von Wunderwaffen, die du nutzen kannst, um Menschen um dich herum zu ermutigen, zu stärken und zu erinnern, wozu wir als Gemeinschaft in der Lage sind:

Fünf Wunderwaffen einer Gemeinschaft

Die Wunderwaffe #1: Atme tief ein und bitte dein Gesicht darum, ein kleines Lächeln auf die Lippen aufzusetzen. Diesen Schritt nenne ich Wunderwaffe, denn dieses kleine, wirklich fast nur für dich selbst bemerkbare Lächeln, über ein paar Minuten auf dem Gesicht verbleibend, sendet deinem Gehirn einen Befehl: starte Produktion von Glückshormonen. Und bist du erstmal im Zustand der “gehobenen Gestimmtheit“, sind tausende von Problemen plötzlich absolut unwesentlich. Und andere anstecken tust du mit deinem Lächeln auch.

Die Wunderwaffe #2: Wenn du mit jemandem sprichst, höre zu. Wahrhaftig, aufmerksam und ohne antworten zu wollen. Frage nach, höre hin, nimm die Signale wahr, die nicht in den Worten, sondern in der Stimme oder der Geschwindigkeit des Gesprochenen versteckt sind. Sage, was du hörst: benenne die Emotion, die bei dir ankommt. Wie empfindest du den Menschen, der dir gerade etwas erzählt. Fühle mit. Sei mit deinem Gesprächspartner in seinem Raum.

Die Wunderwaffe #3: Sage etwas Nettes. Das klingt so banal, und dennoch tun wir das so selten. Wenn du sagst, dass du dich freust, deinen Gesprächspartner zu sehen, dann füge hinzu, warum. Was lösen eure Gespräche (beruflich oder privat) bei dir aus?

Wunderwaffe #4: Biete deine Hilfe an. In nur wenigen Fällen wird die Hilfe wirklich abgerufen, aber das Gefühl, nicht allein zu sein und im Zweifelsfall jemanden fragen zu können, wirkt Wunder.

Wunderwaffe #5: Frage nach Hilfe. Die andere Seite der Medaille wirkt deswegen, weil andere Menschen auch gern helfen und sich dabei großartig fühlen. Und wir rücken stärker zusammen, zu einer Gemeinschaft, die alles schaffen kann.

Du könntest mir zum Beispiel helfen, diese Liste zu vervollständigen. Was würdest du in dieser schwierigen Zeit als Wunderwaffe für mehr unternehmerisches und mutiges Denken und Handeln?

Ich freue mich über Ideen!

When day comes we step out of the shade, aflame and unafraid
The new dawn blooms as we free it
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it
If only we’re brave enough to be it

Amanda Gorman
petranovskaja Unterschrift signatur

Mein Corona-Tagebuch

Kann man virtuelle Arbeit analog denken?

Kann man virtuelle Arbeit analog denken?

Wir sitzen so viel und gucken in die Bildschirme, und da fragte ich mich: wie kann man diese virtuelle Arbeit analog denken?

Seit 2020 findet die Arbeit für einige von uns mehr oder weniger regelmäßig in der sogenannten virtuellen Welt statt. Ich sage „sogenannt“, weil es für das Arbeiten außerhalb des offiziellen Büroraums sowohl viele Begriffe als auch viele Wege gibt.

2013 bis 2014 waren für mich geschäftlich sehr schwierigen Jahre. Dafür waren es aber auch die buntesten Jahre meiner Selbständigkeit. Ich habe von überall gearbeitet – nur nicht von einem „normalen“ Büroraum. Mehrere Strände waren dabei, auf paar Kontinente verteilt. Cafés und Airbnb Lokationen, Küchen meiner Freunde und meiner Eltern. Meine Mutter hatte damals noch keinen WLAN Router, das war technisch eine sehr ambitionierte Angelegenheit, und da habe ich entdeckt, dass jede Shopping Mall in St. Petersburg sowohl kleine hübsche Sitzgelegenheiten als auch recht schnelles Internet anbietet – for free.

2020 habe ich drei Monate lang auf der Baustelle gearbeitet, immer abwechselnd zwischen echten Bauarbeiten und Videokonferenzen. Hier haben wir unsere Nachbarn um den WLAN Zutritt gebeten. Das reale Umbauen unserer Wohnung und das notwendig gewesene Umbauen meiner selbständigen Tätigkeit waren die erste Metapher für diesen Artikel.

Was – habe ich mich gefragt – wenn wir die virtuelle Arbeit nicht nur wohlwollend ertragen (weil eine Pandemie uns nicht in unsere Büros gehen lässt), sondern proaktiv neu denken würden? Was erschaffen wir uns dann?

Arbeit neu erschaffen

Kurz vorab: ich weiß, dass virtuelle Arbeit nicht für jeden möglich ist, und ich bin all denen unglaublich dankbar, die einfach weiterhin zur Arbeit gehen und ihre Kraft in die (nicht virtualisierbare) Arbeit investieren. Ich habe viele Freunde, denen eine Videokonferenz bis heute keine Möglichkeit geben würde, ihre Arbeit von zuhause aus zu erledigen. Handwerker, Gastronomen, Werkzeugbauer, Einzelhandelskaufleute, Ärzte, Polizisten… 

Doch zurück zur Frage.

Wie kannst du etwas Virtuelles analog denken? Mit Händen, mit Formen? Mit Farben und Hilfsmitteln?

Hier habe ich eine Top 6 Liste für dich zusammengestellt:

  • Geschirr und Besteck sind auf den ersten Blick recht fremd in deinem Kreativ-Bereich, doch auch hier weißt du nicht, was dein Gehirn daraus zaubert. Nimm ruhig Töpfe und Pfannen dazu!
  • Lego/Playmobilfiguren und jede Form von Bilderkarten sind der Klassiker, um die Zukunft zu visualisieren
  • nimm dir einen Stapel Bücher aus dem Bücherregal und sortiere sie solange auf dem Fussboden, bis sie dir wie ein Wegweiser dienen (die meisten Bücher haben sehr hilfreiche Titel!). Das gleiche kannst du mit den Schlagzeilen aus den Zeitungen und Zeitschriften machen. Schneide zuerst alles aus, was größer gedruckt ist. Bringe die Schlagzeilen dann in einer Reihenfolge oder eine Form, die dir eine Botschaft oder einen Hinweis gibt.
  • Hast du einen Stauraum oder eine Garage? Gehe hin und nimm Gegenstände in die Hand, die du lange nicht mehr angefasst hast. Frage dich: was sagt mir dieser Gegenstand über meine (Wunsch)Art zu arbeiten?
  • Gehe einfach raus in die Natur und nimm unterwegs Natur-Artefakte mit. Folge deinen Gedanken: was erzählen dir die Blätter, Stöcke, Steine, Formen, Farben und Strukturen darüber, wie deine Arbeit sein soll?
  • Ist das alles zu abstrakt, greife gern auf die New Work Toolbox zurück. Dort haben wir auf den NEU>>DENK Karten eine Menge Begriffe und Ideen, die du nutzen kannst, um die Zukunft (deiner) Arbeit zu gestalten.
New Work Toolbox Info

Diese Liste war ursprünglich noch viel länger, aber da meinte Nicole, das lenkt ab. Wenn du möchtest, sende ich dir die ablenkenden Ideen hinterher per Email :-)

Viel Spaß beim Erschaffen deiner Arbeit!

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Mehr zu diesem Thema:

Lass sie arbeiten! Wie du peinlicher Stille entkommst

Lass sie arbeiten! Wie du peinlicher Stille entkommst

Wie du der peinlichen Stille beim Moderieren einer Gruppe entkommst? Lass sie arbeiten!

Als Moderator, besonders online, kennst du bestimmt die Situation, in der wir etwas fragen, und keiner etwas antwortet. Eine peinliche Stille breitet sich aus.

Stellen wir eine offene Frage, erbarmt sich vielleicht ein Teilnehmer und sagt etwas, und das hilft oft den anderen, auch etwas zu sagen. Haben wir Pech, erbarmt sich niemand, und wir gehen zum nächsten Schritt weiter.

Stellen wir eine geschlossene Frage, erwarten wir ein kurzes Ja/Nein. Da die meisten Teilnehmer stummgeschaltet sind, bekommen wir diese kurze (und normalerweise schnelle) Reaktion nicht. Manche Teilnehmer machen nicht mal eine Kopfbewegung, so dass wir auf ein Bildschirm mit lauter Köpfen starren, und das ist beizeiten schwer zu ertragen.

Ich habe schon einige Male erlebt, dass Teilnehmer es als unangenehm empfinden, wenn ich in solchen Situationen länger schweigend warte oder die Frage wiederhole. Keine Reaktion soll bedeuten: „Weiter machen“. Vielleicht ist das eine Regel, die ich in Zukunft vereinbare, damit das einfacher wird?

Nun aber zurück zur Frage. Lässt sich dieses schwer zu ertragende Schweigen vermeiden? Wie kann ich für Engagement, Lust und Freude sorgen?

Aus den vielen Moderationstrainings, die ich mache, kristallisierte sich nach und nach eine Antwort, die allen als hilfreich erschien:

Lass sie arbeiten!

Beispiel Arbeiten auf dem Whiteboard. Oft trennen wir die Gruppe in kleinere Teams und lassen sie erstmal an Fragestellungen arbeiten. Anschließend werden meistens Ergebnisse präsentiert und Verständnisfragen geklärt. Aus den Teilergebnissen soll dann ein Gesamtergebnis erstellt werden. Hier helfen wir als Moderator der Gruppe gern mit unseren erfahrenen Maus-Bewegungen auf dem Miro/Mural oder Conceptboard … und verlieren sie!

Ein Whiteboard ist an sich schon überfordernd genug. Eine Arbeitsfläche, die ein Teilnehmer mit anderen gleichwertig teilt und wo an vielen Stellen gleichzeitig etwas passiert, verlangt viel Aufmerksamkeit und Fokus. Wenn allerdings der Moderator eine vom Teilnehmer (mühevoll) erstellte Karte irgendwohin schiebt oder womöglich noch umschreibt, ist so ein Teilnehmer definitiv abgehängt. Und wenn er sowieso kurz davor war, seine Mails zu checken, checkt er eben Mails.

Was wir als Moderatoren mit unserer Hilfe meinen, ist oft, Zeit zu sparen, Übersichtlichkeit zu behalten (zum Beispiel welche Farbe für welche Frage genutzt wurde). Unsere Teilnehmer sind vielleicht nicht so versiert darin, all diese Kniffe zu beherrschen.

Aber es ist der Workshop unserer Teilnehmer. Und wenn wir ihnen mit unserer Dienstleistung die Arbeit abnehmen, lehnen sich einige zurück und werden faul.

Und antworten uns eben nicht auf die nächste Frage.

Alternative: Lass sie arbeiten! Ja, das Whiteboard sieht dann nicht so aufgeräumt aus. Ja, die Diskussion ist laut und manches geht technisch schief (schon mal erlebt, das das halbe Board von einem Teilnehmer gelöscht wird und bis zum Schluss des Workshops nicht zurück gebracht wird?).

Shit happens.

Aber das ist doch deren “Baby”, was gerade zur Welt kommt, und wenn ich sie schwitzen, fluchen, brüllen lasse, dann sind sie um so glücklicher, wenn das Ergebnis* am Ende steht. Wie eine Hebamme begleite ich sie, bin aber nicht Teil des Ergebnisses – nur Teil des Prozesses.

(*Und wir wissen alle, das neugeborene Babies noch etwas zerknautscht und rot aussehen, und erst später fotogen genug für eine Postkarte sind…)

Situation zwei: eine Abstimmung.

Ob mit Punkten, Herzchen oder im Slido/Mentimeter: als Moderator schaue ich auf das Ergebnis auf dem Bildschirm und … sage nichts!

Auch hier gilt die Regel: Lass sie arbeiten! Lasse die Teilnehmer sagen, was sie sehen. Lasse sie darauf reagieren, was sie durch die Abstimmung priorisiert haben. Frage sie, wie zufrieden sie nun sind. Oft genug habe ich erlebt, dass an dieser Stelle zusätzliche Informationen dazu kommen oder Argumente, warum jemand mit diesem Ergebnis überhaupt nicht leben kann.

Fasse ich stattdessen (als außenstehender) die Ergebnisse, die ich sehe, in meinen Worten zusammen, kommen die unzufriedenen Teilnehmer vielleicht gar nicht zu Wort. Sie hören mir zu, verfluchen “diese sinnlosen Workshops”, gehen unzufrieden raus und tragen das Ergebnis nicht mit.

Was wir damit erreicht haben, ist, dass der Workshop tatsächlich sinnlos gewesen ist.

“Lass sie arbeiten” erfordert von mir in der Rolle des Moderators, dass ich der Gruppe nach der Abstimmung zuhöre. Damit das Ergebnis der Abstimmung stolz aus dem Workshop getragen wird, braucht die Gruppe jetzt vielleicht eine Blitzlicht-Runde (jeder sagt kurz, was das Ergebnis für ihn bedeutet) und einen “safe space”, in dem jede Meinung willkommen ist.

Technik in den Hintergrund!

Und noch ein Wort zur Technik. Damit unsere Teilnehmer bei jedem Schritt engagiert teilnehmen können, müssen wir die technische Barrieren aus dem Weg räumen. Weniger ist mehr. Auf einem Mural Board zu arbeiten, nur weil es zum Schluss ein Konfetti gibt, mag uns toll und abwechslungsreich erscheinen. Doch (Hand aufs Herz): wie lange dauert es, bis ein ungeübter Teilnehmer auf einem hochprofessionell vorbereiteten Mural wirklich effektiv mitarbeiten kann?

Die Einfachheit siegt am Ende, und so manche Kritzelei mit der Maus auf dem Whiteboard schafft eine starke emotionale Verbindung mit dem Ergebnis. Weil sie „invented by me“ Gefühle auslöst und als „it’s my baby“ aus dem Workshop mitgenommen wird.

Lass sie arbeiten!

  • Make them work
  • Let them work
  • Help them work!

Ich wünsche dir, dass das Schweigen nur noch dann ein Teil deiner Moderation ist, wenn du es dir wünschst.

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More about facilitation:

Enjoy!

Klein und groß

Klein und groß

Als ich noch klein war, und zwar von außen betrachtet, war mein Leben – ebenfalls von außen betrachtet – alles andere als rosig und kummerfrei. Eine lange Liste von Dingen, die heute im Leben selbstverständlich sind, war in meinem Leben nicht existent. Doch wie bei dem berühmten Spruch mit der Hummel, die keine Ahnung hat, dass das Verhältnis der Flügelfläche unpassend ist, um fliegen zu können, hat mich das nicht gekümmert. Als ich noch kein war, war mein Leben für mich perfekt.

Als ich dann größer wurde – von außen betrachtet – kam die Verantwortung für mein eigenes Leben auf die Liste der Dinge, die ich plötzlich zu akzeptieren hatte. Der äußere Chaos um mich herum – es war 1989, und die ganze Welt hatte viel wichtigere Probleme, als meine Pubertät – sorgte dafür, dass ich in einer Art Wurmloch unterwegs war. Meine Eltern ließen sich scheiden, die Sowjetunion brach zusammen, die neue Freiheit überforderte uns. Und so eines Abends, einem Live Konzert von Paul McCartney im Radio lauschend, wurde ich wieder klein – von innen betrachtet.

Dazu muss man wissen, dass das Lauschen eines verbotenen ausländischen Musikers bis zu einem gewissen Zeitraum völlig unmöglich gewesen ist – für Normalsterbliche. Und jene, die es dennoch wagten, verbotene Musik zu hören oder verbotene Bücher zu lesen, verschwanden. Diese klare Aufteilung in gut und böse, dunkle und helle Seite der Macht, machte die Welt begreiflich und auf ihre Art und Weise ordentlich.

Als ich klein war – von innen betrachtet – hat alles in der Welt mich entweder verunsichert oder stumm gemacht. Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben und Lieder zu singen. Die heute noch in der Ecke stehende Gitarre erinnert mich an die Zeit, wo das passiert ist. Mein Leben – von innen betrachtet – war alles andere als rosig und kummerfrei. Vieles lief auf Autopilot, und ich sagte einfach ja zu Dingen, die vor mir auf dem Weg standen.

Es folgten viele Jahre meines Lebens, die von außen oder von innen betrachtet nicht im Einklang waren. Was dem einen furchtbar, war mir lieb. Was dem einen ein Traum, war mir eine Qual. Und viele Jahre habe ich daran geglaubt, dass das normal sei. Dass diese Dissonanz zum Leben dazu gehört.

Bis ich groß wurde – von innen betrachtet.

Als ich dann wirklich groß wurde und die Verantwortung für mein Leben akzeptiert habe, statt sie zu fürchten, dann wurde das Leben plötzlich rund und sprudelnd wie ein Bach. Es kamen Menschen in mein Leben, mit denen ich einig darüber sein konnte, was wichtig und was schön ist. Es war mir plötzlich möglich, auch nein zu Dingen zu sagen, die in meinem Weg standen und mir nicht passten.

Willkommen, mein Tag! Ich erwähle dich mich allem, was du bringst.

Tagebuch nach einem Spaziergang im Schnee.
7.1.2021

Lasst uns Cheerleader sein!

Lasst uns Cheerleader sein!

Die ersten Termine des Jahres sind voller Fragen. Was nimmst du dir vor? Was möchtest du erreichen? Und ich sitze einfach nur da und denke: ich brauche etwas anderes. Etwas, was nicht aus dem Kopf ausgedacht werden kann. Ich brauche Cheerleader. Ehrlich! Mit allem, was dazu gehört! Musik, Akrobatik, Tanz, Pyramiden, Harmonie der Bewegung und Pompons, die rascheln.

Die berühmten Neujahrsvorsätze, reloaded

So lange die Energie des neuen Jahres noch so frisch ist, nehmen sich viele von uns etwas vor. Oft sind diese Wünsche mit „mehr“ und „weniger“ verbunden. Wir wollen besser werden, schlauer und ein schöneres Leben haben. Wer kann und das verübeln?

Es ist eine aufregende, besondere Zeit. Die große Corona-Unsicherheit, die viele Pläne in 2020 durchkreuzt hat und in 2021 noch durchkreuzen wird, lehrt uns unzählige Lektionen. Und darum sollten wir – neben all den normalen Vorsätzen – uns jetzt etwas besonderes vornehmen.

Wie wäre es zum Beispiel mit:

  • Ich nehme mir vor, Menschen um mich herum in ihren Zielen zu unterstützen.
  • Ich plane fest ein, mindestens eine Woche Inspiration für meine Umgebung zu sein.
  • Ich werde regelmäßig dafür sorgen, dass mein Umfeld resistenter und gesünder ist.
  • Ich höre zu und nehme mir Zeit für Gespräche.

All diese Vorsätze machen dir keine Bikini-Figur. Was sie aber auf jeden Fall bewirken können, ist eine starke Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen. Eine Gemeinschaft, in der du dich geborgen und wohl fühlst. Die lieben Wissenschaftler fanden nämlich heraus, dass uns unsere eigenen Herausforderungen viel leichter vorkommen, wenn wir jemanden in unserem Umfeld als Unterstützung sehen. Im Fall von Bergsteigern ergab sich ein Unterschied von 20% (!) in der Wahrnehmung der Steilheit und Schwierigkeit der Aufgabe.

Und was brauchen wir aktuell stärker, als genau das: unsere Herausforderungen als machbar ansehen.

Die Anti-Cheerleader

Das Problem mit der oben zitierten wissenschaftlichen Erkenntnis ist, dass dieses Gesetzt auch andersrum wirkt. Haben wir neben uns Menschen, die alle Gläser halb leer sehen und sich im Modell der Circle of Influence stets im „Circle of concern“ befinden, so zeihen sie uns mit ihren Zweifeln und Klagen mental runter. Das sind die Anti-Cheerleader.

Umgeben von solchen Menschen, erscheinen uns unsere Vorhaben plötzlich viel schwerer, und vielen fangen wir gar nicht erst an. So können nicht nur kleine Bikini-Projekte scheitern, sondern auch die ganz großen Lebensvorhaben. Falls du dich gefragt hast, wie so manches Unternehmen mit einer todsicheren Idee nichts geworden ist, kannst du davon ausgehen, dass es dort reichlich Anti-Cheerleader gab.

Wir brauchen Cheerleader!

Und wir brauchen Cheerleader. Wir brauchen Spiel und Spaß und bunte Pompons, die uns nur eins signalisieren: dass wir auf dem besten Kurs sind, unser Leben in Griff zu nehmen und so zu gestalten, wie wir es brauchen. Die Meinung von „Schöner Wohnen“ oder der Blick unserer Nachbarn ist super total egal. Wenn es mir gut geht, und ich meine Cheerleader in meiner (mentalen) Nähe wähne, dann bist du unbesiegbar. Kein Ziel und kein Neujahrsvorsatz ist zu groß!

Du kannst Sprachen lernen, Musikinstrumente bezwingen, Karriere machen und die Traumfra deines Lebens erobern. Du kannst trotz Corona das Privat- und das Berufsleben in Einklang bringen und gleichzeitig gute Mutter/guter Vater und guter Chef sein. Du schaffst es mit Leichtigkeit, Fahrrad zu fahren, zu laufen, indisch zu kochen, Podcasts zu hören und … (ganz wichtig!) Zeit zu haben für das süße Nichtstun, Dolce Far Niente. Fast hätte ich das von meiner mentalen Liste runterfallen lassen…

Warum in aller Welt sollst du das alles schaffen? Nun, weil du das wirklich willst UND weil ich an dich glaube. Jetzt gerade.

Was nun?

Bleibt die Frage, wie wir uns mit Cheerleadern versorgen. Schritt eins ist das konsequente Verabschieden von toxischen Personen (den Anti-Cheerleadern), die uns runterziehen und von unseren Zielen abhalten. So schaffen wir in unserem Leben Platz für die, die uns unterstützen können.

Schritt zwei sind die neuen Vorsätzen, die ich oben angefangen habe, aufzulisten. Dank den Spiegelneuronen, die wir als Mensch unbewusst einsetzen, werden diejenigen, die wir ermutigen, groß machen und inspirieren, sich revanchieren. Denn als Säugetiere unterliegen wir der sogenannten Reziprozitätsnorm und beantworten Handlungen – das nennt man im Volksmund „mit gleicher Münze zurückzahlen“.

Was immer du dir also in diesem Zusammenhang vornimmst, es zahlt sich doppelt, dreifach, zehnfach zurück. Natürlich nur, wenn du es nicht für dich machst, sondern wirklich für die anderen.

Denn wir brauchen einander. Jetzt.

Ich folge mit diesem Artikel meinem Vorsatz, regelmäßige Impulse für More Shiny Eyes, verbunden mit der Prise wissenschaftlichen Wissens, über meine Kanäle mit der Welt zu teilen. Also auch mit dir, wenn du diese Zeilen jetzt liest.

Lass es mich wissen, wenn du Fragen hast.

petranovskaja Unterschrift signatur

P.S.: Es ist großartig, wie du dir Gedanken um dein Leben machst!

Das “Gesünder in die Zukunft” Tagebuch

  1. Aufbruch, gesünder in die Zukunft
  2. Denke nicht an den rosa Elefanten
  3. Die Wellen des Lebens
  4. Singen, falsch und richtig
  5. Umarme dich selbst
  6. Das Leben ist ein Zebra