Lass sie arbeiten! Wie du peinlicher Stille entkommst

petranovskaja Shiny Eyes on demand 6
^

25. Januar 2021

Wie du der peinlichen Stille beim Moderieren einer Gruppe entkommst? Lass sie arbeiten!

Als Moderator, besonders online, kennst du bestimmt die Situation, in der wir etwas fragen, und keiner etwas antwortet. Eine peinliche Stille breitet sich aus.

Stellen wir eine offene Frage, erbarmt sich vielleicht ein Teilnehmer und sagt etwas, und das hilft oft den anderen, auch etwas zu sagen. Haben wir Pech, erbarmt sich niemand, und wir gehen zum nächsten Schritt weiter.

Stellen wir eine geschlossene Frage, erwarten wir ein kurzes Ja/Nein. Da die meisten Teilnehmer stummgeschaltet sind, bekommen wir diese kurze (und normalerweise schnelle) Reaktion nicht. Manche Teilnehmer machen nicht mal eine Kopfbewegung, so dass wir auf ein Bildschirm mit lauter Köpfen starren, und das ist beizeiten schwer zu ertragen.

Ich habe schon einige Male erlebt, dass Teilnehmer es als unangenehm empfinden, wenn ich in solchen Situationen länger schweigend warte oder die Frage wiederhole. Keine Reaktion soll bedeuten: „Weiter machen“. Vielleicht ist das eine Regel, die ich in Zukunft vereinbare, damit das einfacher wird?

Nun aber zurück zur Frage. Lässt sich dieses schwer zu ertragende Schweigen vermeiden? Wie kann ich für Engagement, Lust und Freude sorgen?

Aus den vielen Moderationstrainings, die ich mache, kristallisierte sich nach und nach eine Antwort, die allen als hilfreich erschien:

Lass sie arbeiten!

Beispiel Arbeiten auf dem Whiteboard. Oft trennen wir die Gruppe in kleinere Teams und lassen sie erstmal an Fragestellungen arbeiten. Anschließend werden meistens Ergebnisse präsentiert und Verständnisfragen geklärt. Aus den Teilergebnissen soll dann ein Gesamtergebnis erstellt werden. Hier helfen wir als Moderator der Gruppe gern mit unseren erfahrenen Maus-Bewegungen auf dem Miro/Mural oder Conceptboard … und verlieren sie!

Ein Whiteboard ist an sich schon überfordernd genug. Eine Arbeitsfläche, die ein Teilnehmer mit anderen gleichwertig teilt und wo an vielen Stellen gleichzeitig etwas passiert, verlangt viel Aufmerksamkeit und Fokus. Wenn allerdings der Moderator eine vom Teilnehmer (mühevoll) erstellte Karte irgendwohin schiebt oder womöglich noch umschreibt, ist so ein Teilnehmer definitiv abgehängt. Und wenn er sowieso kurz davor war, seine Mails zu checken, checkt er eben Mails.

Was wir als Moderatoren mit unserer Hilfe meinen, ist oft, Zeit zu sparen, Übersichtlichkeit zu behalten (zum Beispiel welche Farbe für welche Frage genutzt wurde). Unsere Teilnehmer sind vielleicht nicht so versiert darin, all diese Kniffe zu beherrschen.

Aber es ist der Workshop unserer Teilnehmer. Und wenn wir ihnen mit unserer Dienstleistung die Arbeit abnehmen, lehnen sich einige zurück und werden faul.

Und antworten uns eben nicht auf die nächste Frage.

Alternative: Lass sie arbeiten! Ja, das Whiteboard sieht dann nicht so aufgeräumt aus. Ja, die Diskussion ist laut und manches geht technisch schief (schon mal erlebt, das das halbe Board von einem Teilnehmer gelöscht wird und bis zum Schluss des Workshops nicht zurück gebracht wird?).

Shit happens.

Aber das ist doch deren “Baby”, was gerade zur Welt kommt, und wenn ich sie schwitzen, fluchen, brüllen lasse, dann sind sie um so glücklicher, wenn das Ergebnis* am Ende steht. Wie eine Hebamme begleite ich sie, bin aber nicht Teil des Ergebnisses – nur Teil des Prozesses.

(*Und wir wissen alle, das neugeborene Babies noch etwas zerknautscht und rot aussehen, und erst später fotogen genug für eine Postkarte sind…)

Situation zwei: eine Abstimmung.

Ob mit Punkten, Herzchen oder im Slido/Mentimeter: als Moderator schaue ich auf das Ergebnis auf dem Bildschirm und … sage nichts!

Auch hier gilt die Regel: Lass sie arbeiten! Lasse die Teilnehmer sagen, was sie sehen. Lasse sie darauf reagieren, was sie durch die Abstimmung priorisiert haben. Frage sie, wie zufrieden sie nun sind. Oft genug habe ich erlebt, dass an dieser Stelle zusätzliche Informationen dazu kommen oder Argumente, warum jemand mit diesem Ergebnis überhaupt nicht leben kann.

Fasse ich stattdessen (als außenstehender) die Ergebnisse, die ich sehe, in meinen Worten zusammen, kommen die unzufriedenen Teilnehmer vielleicht gar nicht zu Wort. Sie hören mir zu, verfluchen “diese sinnlosen Workshops”, gehen unzufrieden raus und tragen das Ergebnis nicht mit.

Was wir damit erreicht haben, ist, dass der Workshop tatsächlich sinnlos gewesen ist.

“Lass sie arbeiten” erfordert von mir in der Rolle des Moderators, dass ich der Gruppe nach der Abstimmung zuhöre. Damit das Ergebnis der Abstimmung stolz aus dem Workshop getragen wird, braucht die Gruppe jetzt vielleicht eine Blitzlicht-Runde (jeder sagt kurz, was das Ergebnis für ihn bedeutet) und einen “safe space”, in dem jede Meinung willkommen ist.

Technik in den Hintergrund!

Und noch ein Wort zur Technik. Damit unsere Teilnehmer bei jedem Schritt engagiert teilnehmen können, müssen wir die technische Barrieren aus dem Weg räumen. Weniger ist mehr. Auf einem Mural Board zu arbeiten, nur weil es zum Schluss ein Konfetti gibt, mag uns toll und abwechslungsreich erscheinen. Doch (Hand aufs Herz): wie lange dauert es, bis ein ungeübter Teilnehmer auf einem hochprofessionell vorbereiteten Mural wirklich effektiv mitarbeiten kann?

Die Einfachheit siegt am Ende, und so manche Kritzelei mit der Maus auf dem Whiteboard schafft eine starke emotionale Verbindung mit dem Ergebnis. Weil sie „invented by me“ Gefühle auslöst und als „it’s my baby“ aus dem Workshop mitgenommen wird.

Lass sie arbeiten!

  • Make them work
  • Let them work
  • Help them work!

Ich wünsche dir, dass das Schweigen nur noch dann ein Teil deiner Moderation ist, wenn du es dir wünschst.

petranovskaja Unterschrift signatur

More about facilitation:

Enjoy!

Mehr dazu:

petranovskaja Shiny Eyes on demand 2

Dein Kommentar:

petranovskaja Shiny Eyes on demand 5

4 Kommentare

  1. Manchmal ist halt das Schweigen schon schwierig – und dann habe ich doch so viel investiert in die Vorbereitung und weiss nicht mehr was alles auch noch. – Und ja, es ist sehr sinnvoll die TN arbeiten zu lassen und nicht immer reinzureden, ob on- oder offline…
    Danke für das Teilen dieser Gedanken.

    Antworten
    • Wir werden alles meistern, auch das Schweigen, lieber Heinrich! :-)

  2. Danke!
    Danke für diese Entlastung!
    Danke dass endlich eine den ganzen Wettlauf und Druck der Megaperformance an die Wand stellt und den Ball flach hält.
    Damit das Ergebnis groß und vielfältig werden kann.
    🙏

    Antworten
    • :-) sehr gern Birgit!

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.