Arbeit neu denken, wie soll das gelingen?

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17. Februar 2021

Der Wandel der Arbeit, den wir hier zulande mit „New Work“ bezeichnen, soll die Zukunft unserer Arbeit neu denken und gestalten. Durch die Studien wie zB. die von Gallup, wird uns nämlich immer wieder gesagt, dass mit der „alten“ Arbeit etwas nicht stimmt. Und darum muss das Alte weg und das Neue hin. 

Ich fände das schade. Das „Alte“ ist nämlich nicht durchgehend schlecht. Es ist womöglich nicht mehr zu der heutigen Zeit passend, aber diese „alte“ Arbeit hat uns hierher gebracht: in eine Wellt, in der es uns an nichts mangelt.

Der “alten” Arbeit danken

Bevor wir das “Alte” rausschmeißen, sollten wir uns eine Minute Zeit nehmen und es würdigen. Nicht alles ist an der Arbeit, wie wir sie heute kennen, schlecht. Ein kurzer Blick auf die Errungenschaften der Industrialisierung:

Maschinen haben uns physische Arbeit abgenommen und erlaubt, uns mehr kreativ zu betätigen. Diese Entwicklung begann irgendwo zwischen dem Webstuhl und der Dampfmaschine und dauert immer noch an.

Massenproduktion von Waren an einem Ort hat dafür gesorgt, dass wir zum einen die Sachen erschwinglich erwerben konnten und zum anderen an den Orten der Massenproduktion viele Arbeitsplätze hatten. Diese Entwicklung hat sich durch die Globalisierung nur in dem Ort des Geschehens verändert und in dem Fakt, dass manche Länder immer weniger selbst produzieren und immer mehr Verbraucher sind.

Arbeitsteilung und Prozesse haben zu Messbarkeit der Arbeit geführt. Wir konnten Geld und Zeit gegeneinander aufwiegen und verschiedene Stellenbeschreibungen miteinander vergleichen. Dadurch sind auch Karrieren möglich geworden, die sehr vielen Menschen eine Motivation gegeben haben.

Organigramme und Standards haben Halt und Ordnung geliefert, eine wichtige Sicherheit in der Welt, die auch heute noch gebraucht wird.

Und so sehr wir und danach sehnen, die Arbeit neu zu denken, zu humanisieren und zu transformieren, dürfen wir nicht vergessen, wie sehr wir unseren heutigen Wohlstand und unsere Freiheit der “alten” – durchgeplanten, fest organisierten und straff geführten – Arbeit verdanken.

Danke, liebe alte Arbeit!

Arbeit der Zukunft: Nadjas Traum 

In meinem Traum haben Arbeit und Geld eine neue Beziehung miteinander. Es gibt kaum Grenzen und Hürden in der Arbeit. Firmen haben keine oder kaum äußere Corporate Identity. Um mit einem Unternehmen an einem Projekt zu arbeiten, muss ich keine Grenzen überwinden. Ich spreche mit den verantwortlichen Menschen, wir verabreden uns, suchen eine Lösung oder erschaffen etwas Neues und gehen dann wieder auseinander.

Der Werttausch wird mannigfaltig alternativ gestaltet. Es gibt die traditionelle Währung, es gibt Bartergeschäft, irgendwas virtuelles wie Empfehlung und auf jeden Fall gibt es am Ende eines gemeinsamen Projektes ausgiebige Retrospektive mit wertschätzendem Feedback. Wir Menschen haben einander so viel zu geben!

Darf ich weiter träumen? Gern!

  • Vollbeschäftigung als Ziel wird gestrichen. Es muss nicht jeder eine Arbeit im alten Sinne (=Broterwerb) haben. Sich künstlerisch zu betätigen und in der Gemeinschaft zu engagieren hat den gleichen Stellenwert wie die aus der Industrialisierung hervorgegangene „Stelle“.
  • Stellen werden gestrichen. Unternehmen stellen nicht ein, sie laden ein und heißen alle willkommen, die Eineiner starken und auf das Produkt fokussierten Gemeinschaft bereit sind, gemeinsam die Ärmel hochzukrempeln. 
    Stellen und Stellenanzeigen werden daher durch Einladungen ersetzt, die sich wie eine Einladung zur Veranstaltung anfühlen. „Wer möchte mit uns zusammen eine Lösung oder ein Produkt erarbeiten?“
  • Es gibt auch keine Teamentwicklungen mehr. Denn wenn Menschen eh freiwillig zusammen kommen, um etwas zu bewerkstelligen, sind sie per se ambiguitätstolerant, ergebnisorientiert und gut gelaunt.
  • Für diejenigen, die „Vollzeit“ arbeiten, wird die Arbeitszeit auf maximal 3-4 Tage in der Woche begrenzt, die restliche Zeit gehört den Familien, den Freunden, den Hobbies, der Gesundheit und dem Spaß. 
  • Neu in dem „Arbeit neu denken“ könnte auch sein, dass wir diese überhaupt nicht mehr in Stunden pro Woche messen. Dass die Bezahlung selbstbestimmt passiert: „Hole dir vom Konto, was du aus deiner Sicht an Mehrwert generiert hast“.

Arbeit neu denken ist auch, wenn wir alles liegen lassen, das uns zwar beschäftigt, aber nicht voran bringt. Karriere als solche wird abgeschafft, denn Entwicklung wird nicht mehr von außen dokumentiert, sondern aus der reichhaltigen inneren Reflexion (für die ich immer Zeit habe, wenn ich nicht 70 Stunden pro Woche arbeite). Und da es ohne Karriere auch kein „oben“ gibt, kann sich weder durch Fleiß noch durch List dahin durchkämpfen und die gesparte Energie lieber woanders einsetzen.

Was uns noch beschäftigt und nicht voranbringt? Ich bin mir sicher, uns fällt da eine lange Liste ein.

Risiken und Nebenwirkungen

So neu gedachte Arbeit birgt (neben den wirtschaftlichen Aspekten, die ich aus Unwissenheit nicht anfasse) folgende Risiken mit sich:

  • Wir sind viel gesünder, ausgeschlafener, sehen viel besser aus und sind mit uns selbst zufrieden – denn wir haben viel weniger Grund, unzufrieden zu sein und uns über etwas aufzuregen.
  • Die so eingesparte Zeit sorgt dafür, dass die “Bild” Zeitung komplett verschwindet (weil wir Zeit haben, nachdenkliche lange Texte zu lesen statt große Schlagzeilen) und die Zeit an den Stammtischen in den Kneipen dazu genutzt wird, die Geschichten über die Enkel auszutauschen oder die Entwicklung der eigenen Gemeinde voranzutreiben.
  • Die Lust an der Arbeit beschleunigt die Entstehung, Entwicklung und Verbesserung sämtlicher Produkte und Dienstleistungen dermaßen, dass noch weniger Zeit investiert werden muss, um diese Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen.
  • Wir freunden uns in unseren Gemeinden und Stadtvierteln miteinander an, unterstützen einander beim Einkauf und Kinderbetreuung.
  • Wir fangen vermehrt an, Lieder und Gedichte zu schreiben und diese abends zusammen zu singen und vorzulesen.
  • Wir werden viel glücklicher, und aus dieser Zufriedenheit raus agieren wir automatisch so, dass unser Planet sich von uns erholen und sich regenerieren kann.
  • Nebenbei erfinden wir in der freien Zeit viele weiteren Möglichkeiten, Energie alternativ zu gewinnen, human und ökologisch zu reisen und einen Einklang mit dem Universum zu spüren.

Hach, wäre das eine schöne Welt!

Vier mögliche Stolperfallen

1. Die erste mögliche Stolperfalle könnte dabei sein, dass wir vergessen, das Alte und Unnötige als Balast abzuwerfen. Dass wir unsere mit Moos bewachsenen Glaubenssätze darüber, was Arbeit ist, in die Zukunft mitnehmen und diese wir einen riesigen Koffer mit uns schleppen. So wird sich der Weg sehr beschwerlich anfühlen. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland neuerdings recht viele New Work Awards – und die Auswahl der Gewinner findet (meist intransparent, durch eine Jury festgelegt) im “alten” Arbeitsmodus statt. Wie die Plattform Kununu – auf der die Mitarbeiter selbst über die Arbeitgeberqualität abstimmen können – zeigt, gibt es in der Arbeitswelt gar keine Gewinner. Denn so individuell wie die Menschen, so unterschiedlich dürfen auch die Arbeitswelten sein, in denen wir uns bewegen.

New Work heisst Vielfalt und Diversität.

2. Eine zweite mögliche Stolperfalle ist, dass wir das Neue aus den Puzzleteilen des Alten bauen. Wir nehmen alles, was uns nicht passt, auseinander und machen daraus etwas, was wir „innovativ“ nennen. Ein Beispiel wäre Bürokonzeption. Dass es keine festen Schreibtische gibt, sondern freie Arbeitsplätze. Oder dass es keine Abteilungs-zugeordneten Großraumbüros gibt, sondern Möbel aus Paletten mit bunten Kissen und Kickertischen dazwischen.

Am Ende von allen diesen noch so innovativen Lösungen machen wir mit Menschen das gleiche wie vorher: wir schicken sie in ein Gebäude und lassen sie dort arbeiten. Es erinnert mich total an die Kuh-Herde, die abends in den Stall geschickt wird, zum Melken.

Es braucht aus meiner Sicht hier mehr Innovation als Stall mit bunten Melk-Geräten.

New Work bedeutet, Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen.

3. Stolperfalle Nummer drei: Die Angst vor dem weißen Papier. Etwas wirklich neu zu denken ist furchterregend, denn viel zu schnell klammert sich unser faules Gehirn an die Fetzen der bereits existierenden Lösungen. Und darum werden Organisationen „wie Spotify“ umgebaut oder OKRs „wie bei Google“ eingeführt. Neu gedacht wurde dabei nichts.

Dass Kühe weniger Stress verspüren, wenn man ihnen beim Melken Beethoven vorspielt, ändert nichts an der Tatsache, dass die Kühe ausschließlich als Quelle der Milch gesehen und nach ihrer Produktivität in „gut“ und „schlecht“ aufgeteilt werden.

Versuche mal, das Jahresbeurteilungsgespräch komplett neu zu denken. Offen zu sein für alles. Ohne dich an das anzulehnen, was du weißt und wie du deine Jahresgespräche aus der Vergangenheit kennst. Das weiße Papier urteilt nicht!

New Work ist individuell formbar und muss keine Kriterien erfüllen.

4. Und Stolperfalle Nummer vier: geschlossene Gesellschaft. In den Organisationen, die ich kenne, sind oft die gleichen Menschen dabei, etwas zu tun, was mit Organisationsentwicklung zu tun hat. Entweder kommen sie aus der Personalabteilung oder sind als auch sonst sehr aktive Mitarbeiter bekannt. Haben diese beiden Gruppen keine Zeit, kommen die externen Berater rein. Damit ist das neu denken oft schon tot.

Manchmal wird gesagt, New Work sei ein Luxusprodukt, exklusiv für Denkarbeiter. Zum Glück gibt es bereits gute Beispiele in der Welt, die zeigen, wie sehr auch Berufszweige von New Work profitieren, die sehr physisch arbeiten. Produktion, Baugewerbe, Bäckerei, Pflegepersonal, Hotels…

New Work ist ein Angebot für alle.

Inspiration ist überall

Inspiration ist überall. In jedem Zeitungsartikel, in jedem Bushaltestellen-Gespräch, an der Supermarkt-Kasse… Die Zukunft guckt us permanent an und sagt: Fange mich! Finde mich! Entdecke und gestalte mich! 

Wir sind keine Kühe!  ;-)

An die Arbeit, würde ich sagen!

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