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Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich mit Charisma, einem sehr spezifischen Konstrukt. Das Wort selbst kommt aus dem Griechischen und bezeichnet „eine Gabe, ein Geschenk, ‚das jemandem zu Gefallen Getane‘, Güte, Liebenswürdigkeit, Gnade, Huld“. In der damaligen griechischen Literatur wurde der Begriff Charisma höchst selten gebraucht.

Lesezeit beträgt ca. 7 Minuten. Mit Video sind es dann neun ;-)

Viel Spaß!

Neulich war ich in einem Workshop. Es ging um Persönlichkeitsentwicklung, und wie ich viel später entdeckte, ging es um Charisma.

Mit der Mütze hat das nichts zu tun

So haben wir in dem Theater-Workshop einige Übungen absolviert, um uns auf einen charismatischen Auftritt vorzubereiten. Zur Reflexion gab es fünf sehr einfache Kriterien (diese liste ich weiter unten auf). Abends nach dem Workshop ging ich voller Überzeugung nach Hause, dass es gar nicht so schwierig ist, eine charismatische Persönlichkeit zu sein.

Dann kam der Alltag, und wie wir alle wissen, ist das der größte Feind, wenn es darum geht, das neu Gelernte ein- und umzusetzen. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich zu leise und undeutlich sprach oder andere Kriterien eines charismatischen Auftritts nicht erfüllte. Ich finde es total super, dass es mir passierte und dass ich in keinster Weise besser da stehe wie all diejenigen, die ich beraten oder coachen darf. Ich bin eine von euch :-)

Dann kam das Buch

Das Buch „Der Charisma Code“ von Eva B. Müller kam wunderbar passend. Das flüchtig gelernte aus dem Theater wollte ich gern noch einmal durch meine Filter laufen lassen… Schließlich ist Charisma eins der weniger Wörter, für die es keinen Synonym gibt, und somit etwas sehr Besonderes! Weil das Buch aus dem Haufe-Verlag mich nun in mehreren Sinnen bewegt und beschäftigt hat, möchte ich dazu ein paar Zeilen schreiben.

Zuallererst finde ich es toll, dass ein Charisma-Ratgeber nicht von einem Mann, sondern von einer Frau geschrieben wurde. Das ist mal was, dachte ich. Da ich Bücher im „Affen“-Modus lese (von vorn, dann von hinten, dann wild drin blättern und irgendwo bleiben und weiter lesen…), hat es mich sehr gefreut, dass es ein Mitmach-Buch mit vielen kleinen Übungen ist. Ganz mein Ding und so holte ich mir schnell den Stift mit der Duft-Tinte (fand ich meinem Streben nach Charisma angemessen) und legte los.

24 Stunden später

Für manche Abschnitte des Buches bin ich falsche Zielgruppe. Weder führe ich Menschen, noch habe ich ein Team, was ein Wir-Gefühl entwicklen soll. Schade, dass diese Zielgruppenorientierung (Führungskräfte in einem Unternehmen) nicht auf dem Umschlag schon erwähnt wird!

Ich bin ein Schnell-Leser und ich bin auch ein Schnell-Schreiber, weil mein eigener Reflexions-Prozess sehr intensiv ist und mehrere Jahre dauert. Für alle, die da noch nicht so weit sind, dürften einige der Übungen länger dauern. Oder kannst du auf Anhieb sagen, was deine Top 3 Stärken sind und welche Strategien du anwendest, um diese Stärken zu nutzen? Jaja, genau. Im Text nach der Übungsbox steht dann: „Wenn Sie länger als 20 Sekunden benötigt haben, um Ihre relevanten Stärken zu notieren, rate ich Ihnen, einen Stärkentest zu absolvieren und sich dann einige Tage mit dem Thema auseinanderzusetzen“. Nun, liebe Frau Müller, ich habe einen Stärkentest gemacht und auch viele anderen Persönlichkeits-Profile von mir erstellen lassen, dennoch brauchte ich mehr als 20 Sekunden für die Beantwortung der Frage. Ich hoffe, das ist OK ;-)

Charismatisch TUN vs. charismatisch SEIN

Letzte Woche habe ich über das Tun und das Sein philosophiert (den Beitrag findest du HIER), und das Ergebnis meiner Gedanken war, dass wir in der heutigen Zeit viel zu viel in den To Do Listen denken und viel zu wenig im Sein sind. Ein wenig hat mich nun dieses Buch über Charisma an meine eigenen Gedanken erinnert. In einer wunderbar strukturierten und bewundernswert konsequenter Art wird eine Basis dafür geschaffen, dass jeder für sich einen Aktionsplan schreiben kann. Was soll / darf / kann getan werden, damit Erfolg durch Charisma verzeichnet werden kann? Etwas quer durch die Galaxis lernt man als Leser in verschiedenen Kontexten (Team, Führungsaufgabe, Präsentations- und Redevorbereitung), was alles auf die Charisma-To-Do Liste gehört. Auch die Zusammenfassung am Ende des Buches finde ich gut, so kommen all die Themen nochmal auf ein paar Doppelseiten nebeneinander und man kann sich erinnern, was unterwegs alles an Aufgaben notiert wurde – denn der Stärkentest war nur eine davon.

FeedForward

Als Verfechter der FeedForward Methode fasse ich meine sonstigen Anmerkungen zum Buch so zusammen:

  • Das Buch ist für diejenigen Leser besonders wirksam, die gern strukturiert und rational an sich arbeiten
  • Die Art und Weise, wie der Mix aus Text, Übungen, Selbstbewertung und Exkursen gestaltet ist, unterstützt Aufmerksamkeitsspanne
  • Du Buch ist sehr gut für all diejenigen, die das amerikanische „Gary und Mary“ nicht mehr sehen können und schnell zu dem Wesentlichen kommen
  • Wie so viele Autoren, schreibt auch Eva Müller aus der Perspektive ihrer Erfahrungen. Weil das Thema Charisma so schwer zu greifen ist, könnten aus meiner Sicht intuitive und – wie in meinem Theater-Workshop gelernt – kreative Herangehensweisen in Erwägung gezogen werden
  • Ein Vorschlag für die Zukunft ist, stärker zu beachten, dass jede Persönlichkeit individuell ist und jeder Mensch, der an seinem Charisma arbeiten möchte, an einem anderen Punkt startet. Was für einen easy peasy ist und in 20 Sekunden absolviert, bedeutet für jemand anders monatelanges Überlegen und reflektieren
  • Ich habe bei lernorientierten Ratgebern festgestellt, dass ihre Wirksamkeit durch Humor und Bilder erhöht werden kann. Vielleicht wäre das auch eine Idee für dieses Buch?

Charisma und Reiss Profil

Gerade, weil das Charisma Buch so schön strukturiert ist, konnte ich mit meinem Reiss Profil arbeiten, um festzustellen, an welchen Stellen die „Anforderungen“ an ein charismatisches Verhalten mit meiner Persönlichkeitsstruktur bereits übereinstimmen. Tja, leider musste ich bereits im ersten Kapitel feststellen, dass ich weder über große persönliche Autorität noch über Positionsmacht verfüge – und mich gemäß meinem Reiss Profil dafür auch nie interessiert habe.

Auch die Resilienz, die eine charismatische Ausstrahlung unterstützt, ist mir nicht in die Wiege gelegt. Ich bin leider auch zu einem überwiegenden Teil introvertiert und nicht an der Anerkennung durch andere interessiert, dadurch geht mir ein wesentlicher Teil der Menschenorientierung (nach außen gerichtet und Kontakt suchend) ab. Was mir keiner nehmen kann, ist die Unkonventionalität (das ist eine der fünf Zutaten der Charisma-Suppe). Juhu! Ausstrahlung (nächste Zutat) kann man – aus meiner Sicht sehr gut – erlernen, denn das liegt sehr schön auf der Verhaltensebene. Weniger bis gar nicht „erlernbar“ finde ich Glaubwürdigkeit. Vertrauen ist eben eine sehr flüchtige Komponente. Wie übrigens das gesamte Charisma-Konstrukt, denn dazu schreibt Eva Müller:

Die meisten Menschen Fall nach der Zielerreichung in die tägliche Routine zurück. […] Das darf nicht passieren. […] Eine der größten Gefahren vier Charisma besteht darin, irgendwann zur Tagesordnung über zu gehen.

Eine mutige Entscheidung

Charisma ist demnach eine Entscheidung. Wer charismatisch sein will, übernimmt Verantwortung – für sein eigenes Handeln und für all die, die sich davon beeinflußen lassen. Das kann nicht jeder, denn für so eine Entscheidung brauchen wir ganz sicher eins:

Wir brauchen Eier! – Oliver Kahn

Das Buch ist ganz sicher nichts für Menschen, die eher impulsiv sind (sich also gern bauchmäßig entscheiden, was und wann sie tun) und auch nichts für Menschen, die sich leicht verzetteln. Es sind in sehr vielen Übungen – aus meiner Sicht – zu viele Listen verlangt. Fünf Themen, die mir wichtig sind, drei Personen, die mein ungenütztes Potenzial identifizieren, fünf Situationen für konkrete Umsetzung und so weiter… Das ist im Selbstlernmodus eine große Herausforderung, und selbst im Coaching Prozess würde ich die Zahl der Impulse und Aufgaben klein halten, damit man genug Erfolge feiern kann und die Begeisterung für das Thema aufrecht erhalten bleibt. Und wo ich schon beim Meckern und Besserwissen bin, hat es mich sehr amüsiert, dass wir auf Seite 71 eine Übung machen, in der es darum geht, „Ich muss …“ in „Ich will …“ übersetzen (ein Thema, das ich leidenschaftlich unterstütze) und auf Seite 73 über den Satz stolpern: „Es ist eine Eigenschaft, die man hier auch Leidenschaft nennen, die sie für sich analysieren und überdenken müssen.“ Und ja, manchmal ist die Dichte der Floskeln pro Absatz im Buch etwas höher, als mein Gemüt verträgt.

Aber was soll’s, solche Kleinigkeiten halten wach beim Lesen und ich weiß sehr wohl, wie viel Arbeit es ist, so ein Buch als ein ganzen zusammen zu schreiben! Daher: Chapeau!

Und nun für alle, die es (quer-)lesend bis hierher geschafft haben, die fünf Kriterien aus dem Theater-Workshop. Diese lasen sich fast 1:1 mit den fünf Komponenten aus dem Buch beschreiben, aber nur fast :-)

Wer ist charismatisch?

  1. Jemand, der interessiert ist, ist interessant
  2. Jemand, der von sich überzeugt ist und andere überzeugt
  3. Jemand, der selber Mut aufbringt und andere ermutigt
  4. Jemand, der frei vom Urteil anderer, aber gleichzeitig in Kontakt mit anderen ist
  5. Jemand, der anwesend ist und aufmerksam

Wie charismatisch schätzt du dich selbst ein?

Mir hat es viel Spaß bereitet, mich mit dem Thema Charisma zu beschäftigen. Solltest du eine Anmerkung oder eine Frage haben, freue ich mich – wie immer – über Kommentare oder E-Mails.

Nadja Petranovskaja Signatur

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