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Warnung: Dieser Beitrag ist aus meiner Sehnsucht nach Persönlichkeitsentwicklung entstanden, er liest sich sicher weder wie ein wissenschaftlicher Artikel noch wie ein Tagebuch.

Lesezeit: ca. 5 Minuten.

Menschen, die beim Bäcker Quarkbällchen bestellen, sind mir spontan sympathisch. Seit mein Sohn dieses Gebäck entdeckt hat, kann ich nicht anders, als mir auch ab und zu diese runden Dinge zu kaufen. Jetzt sitze ich mit zwei Quarkbällchen in einem Café und schreibe. Die Dinge schmecken nicht wirklich gut, haben aber Charme und sind auf ihre Weise inspirierend. Fragt nicht, warum. In Russland würde man die Quarkbällchen übrigens „Kolobok“ nennen.

Doch nicht in Russland, sondern in Kalifornien bin ich demnächst und statt Quarkbällchen bestelle ich dann getoastete Blaubeermuffins und Pfannkuchen mit Ahornsirup. Und weiter unten, in Mexico, gibt es meist deftiges Frühstück. Drei Wochen Ferien, drei Wochen Ozean, drei Wochen weit weg von dem, was mich gerade so sehr beschäftigt.

Dieses Jahr – das fünfte Jahr meiner Selbständigkeit – fühlt sich an wie berufliche Pubertät. Mich abgrenzen, mich finden und dabei möglichst wenigen Menschen auf die Füße zu treten scheint eine extremste schwierige Aufgabe zu sein. Doch wäre ich nicht ich, wenn ich vor so etwas fliehen würde. Es scheint, je schwieriger, desto mehr meins.

To be is to do

So viel wahres in diesem kurzen Satz! Ich forme und gestalte mein Leben, indem ich jeden Morgen aufs Neue aufstehe und los marschiere und Dinge tue. Wenn ich viel tue, bin ich manchmal sehr zerpuzzelt. Wenn ich wenig tue, bin ich manchmal beunruhigt. Jeder, der es mit der Anerkennung hat, kennt die innere Frage: „Bin ich gut genug? Habe ich gut genug entschieden und gehandelt?“

Du bist was du tust … Das formt Charaktere, Unternehmenskulturen und ganze Berufsgruppen. Doch zum Glück gibt es auch die Möglichkeit, den Blickwinkel zu erweitern.

To do is to be

So sehr wir auch versuchen zu glauben, dass wir mit unserem Denken entscheiden, was wir tun … da ist noch etwas anderes, was uns antreibt. Wer künstlerisch veranlagt ist, wird immer wieder etwas tun, was diese Neigung zum Ausdruck bringt. Ich kenne viele Menschen mit recht technischen Berufen und musischen Hobbys und auch einige musische Menschen mit Hang zur exakten wissenschaftlichen Nachforschungen.

Je früher jeder von uns sich zugesteht, dass es gut tut, sich selbst kennen und verstehen zu lernen, desto schneller kann man sein Leben so führen, wie es der Persönlichkeit, dem Charakter und den Neigungen entspricht. Als Humanist verstehe ich dieses als Sinn des Lebens.

To be is to do if you do what you are

Ich habe in den letzten 18 Monaten mehrfach meinen Steuerberater wechseln müssen und habe dadurch vier Typen Mensch neben einander stellen können, die sich um meine Buchhaltung kümmerten. Aus meiner Perspektive hochachtungsvoller Beruf, denn wer kann schon all die Gesetze und Möglichkeiten behalten, die es gibt, um steuerlich gut durch zu kommen? Gleichzeitig kein Beruf für mich, weil zu wenig Abwechslung und zu viele Zahlen. Vier Menschen – zwei Männer und zwei Frauen – haben dieses Berufsbild auf sehr unterschiedliche Art und Weise ausgefüllt. Das schöne daran: ich glaube, jeder dieser vier Steuerberater war ganz und gar so, wie er als Mensch ist. Und mit meiner jetzigen Steuerberaterin komme ich am besten zurecht – wir sind kompatibel :-)

Ich lerne gleichzeitig immer wieder Menschen kennen, die etwas tun, was sie nicht sind. Menschen, die sich verstellen und sich anpassen. Menschen, die austauschbar sind, weil ohne eigenen Profil unterwegs.

To be or not to be

Nun steht jeder von uns täglich vor vielen Fragen:

  • Kann ich sein wie ich bin?
  • Kann ich meine Persönlichkeit ausleben?
  • Kann ich es ertragen, dass mich nicht jeder mag, wenn ich so bin, wie ich wirklich bin?
  • Werde ich mich selbst besser ertragen, wenn ich endlich bin, wie ich wirklich bin?
  • Hören die verschiedenen Stimmen in meinem Kopf auf, sich zu streiten, wenn ich mich entscheide zu sein, wie ich bin?

Viele von uns entscheiden sich dafür, sich anzupassen und jemand zu sein, der sie nicht sind. Dadurch sichern sie sich einen Platz in der Gesellschaft und angeblich den Erfolg.

Und dann kommt die Midlifecrisis

Seit ich mit dem Reiss Profil arbeite, macht das Konzept der Midlifecrisis erst richtig Sinn. Alles, was wir versuchen zu vertuschen und zur Sicherung von Erfolg nicht ausleben, klopft mit der fortschreitenden Zeit immer lauter wie ein Poltergeist. Mitte 40 ist eine magische Zeitgrenze, da fordern unsere Bedürfnisse ihren Tribut und lassen sich nicht mehr klein halten. Wer bis dahin ein sehr angepasstes Leben geführt hat, landet in einer tiefen Sinnkrise. Alles, weil wir seit der Schule lernen, dass es besser ist, nicht aufzufallen.

Nochmal und anders: Wenn du tust, was nicht deins ist („Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, Adorno), dann bist du nicht du bzw. dann gibt es dich nicht!

Do be do be do

Frank Sinatra wäre sicher ein guter Coach. Sein beschwingtes „Do be do be do“ ist ein Appel, die Dinge des Lebens nicht so ernst zu nehmen. Auch wenn uns immer mehr Daten und Informationen zur Verfügung stehen, müssen wir uns nicht dauernd den Kopf zerbrechen, wie wir das hinbekommen, mit dem Leben. Es reicht, wenn wir eine gute Entscheidung treffen und mit dieser eine Zeit lang einfach umher spazieren. Eine gute Entscheidung könnte sein:

  • Ich entscheide mich, öfter auf meine innere Stimme zu hören
  • Ich entscheide mich, ehrlich zu mir selbst zu sein und meinen Sehnsüchten nachzugehen
  • Ich kümmere mich gut um mich

Das sind drei Sätze, die ich mit in den Urlaub nehme. Denn abseits vom Alltag und in Umgebung von anderen Tapeten hat meine Seele meistens mehr Mut, zu sprechen und mir mitzuteilen, was sie braucht.

Und wenn ich aus Kalifornien zurück bin, bin ich dann kein anderer Mensch. Ich bin bloß noch mehr ich.

Darauf freue ich mich sehr.

Nadja Petranovskaja Signatur

 

Fussnoten:

To be is to do“ wird als Satz Sokrates, Kant und auch J. P. Sartre zugeschrieben. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einen Satz von Carl Gustav Jung erwähnen: „You are what you do, not what you say you’ll do“.

To do is to be“ wird ebenfalls verschiedenen Philosophen zugeschrieben: Plato, Camus oder Nietzsche.

To be or not to be“ ist ein Zitat aus Shakespeare’s Tragödie „Hamlet“. In der entsprechenden Szene merkt Hamlet, dass er vor entschlossenem Handeln Scheu hat aus Angst vor dem Tod.

Reiss Profil ist ein psychologisches Modell zur Erfassung der persönlichen Bedürfnisse. Im Unterschied zu den viel verbreiteten Tools wie DISG oder MBTI, erfasst Reiss Profil nicht die Verhaltenspräferenzen (ist pünktlich, trifft Entscheidungen basierend auf Information“). Vielmehr kann sich jeder Mensch mit der Kenntnis seiner Bedürfnisse erklären, WARUM er gewisse Dinge im Leben als leicht oder schwer empfindet, wieso gewisse Verhaltenspräferenzen entstehen und welche Entscheidungen persönlichkeitsgerecht sind.

Do be do be do“ ist eine Zeile aus Frank Sinatra’s Lied „Stranges in the night“.

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