Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 6, baff)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 6, baff)

Meine Tochter weint am Telefon, und ich kann sie nicht umarmen. Seit August letzten Jahres ist sie Schülerin in Minneapolis, und was als eine große Abenteuerreise begann, zeigt uns nun, wo unsere Grenzen sind und wie wir wachsen können.

Letzte Woche habe ich einen Blog gelesen, der sehr gut beschreibt, wie es mir geht: 

Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe – verdutzt, ein bisschen ängstlich vielleicht, aber auch mit dem Gefühl einer neuen Möglichkeit – an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen führen.

Charles Eisenstein

Wachsen, Neues ausprobieren, neue Wege gehen – das ist nicht immer aufregend und spaßig. Oft tut das weh und ist unangenehm.

Wachsen heißt nicht immer, größer zu werden

Ich träume, dass ich eine Gruppe moderiere. Eine richtig große Gruppe mit Pausen und ehrgeizigen Zielen. Mit Rücksprachen wegen Uhrzeiten und Abstimmung, ob wir bei den Zielen bleiben. Im Schlaf schon merke ich, wie sehr mir meine Arbeit fehlt. Als ich aufwache, bin ich baff, weil ich mich nicht unglücklich fühle. Ja, ich habe seit fünf Wochen keine “Arbeit” in dem Sinne, dass ich mit etwas Geld verdiene. Ich bin fast immer zuhause, ich bin sogar am Anfang dem allgemeinen Aktivismus gefolgt und habe versucht, alles zu digitalisieren, was bei drei nicht auf Baum ist.

Das habe ich dann recht schnell gelassen. Ich glaube daran, dass Wachstum anderes funktioniert. Und ich denke, dass auch jetzt, wo ich mich teilweise klein und unsichtbar fühle, ich wachse. Weil ich die Zeit und die Ruhe habe, NICHT nachzudenken. Ich wachse, weil ich NICHT weiß, wie das in meiner jetzigen Situation geht. Ich lasse die Evolution für mich arbeiten.

Ganz schön verrückt, diese Gelassenheit. Oder?

In meinem Moderations-Traum bin ich aufgeregt, und ich werde richtig motzig, als die Gruppe nicht rechtzeitig aus der Pause zurück kommt. Schnellen Schrittes gehe ich zu der Kaffeemaschine und frage:

“Wollen wir weiter machen?”

Was eine ganz normale Frage aus der Zeit vor Corona war (die stellt, glaube ich, fast jeder Moderator in einem Workshop oder Training), klingt in meinem Traum nach einer Grundsatzfrage.

  • Wollen wir weiter machen?
  • Wollen wir uns entwickeln?
  • Wollen wir wachsen?

Was sagst du dazu?

Ein Fest während der Pest

Dieses kleine Stück mit nur einer Szene ist die Übersetzung eines Fragments aus The City of the Plague, einem Stück des schottischen Dichters John Wilson über die Londoner Pest von 1665. 1830 schrieb der russische Dichter Puschkin ein Stück namens “Пир во время чумы” (Ein Fest während der Pest). Damals war es wegen der erste Choleraepidemie in der russischen Geschichte so #StayAtHome, wie wir es im Moment sein sollten. Das Stück basiert auf einem Gedicht seines schottischen Kollegen John Wilson über die Londoner Pest von 1665. In beiden Stücken wird eine Szene dargestellt, in der Menschen mitten in einer Epidemie draußen auf der Straße ein Festmahl veranstalten. Ein vorbeigehender Priester reden ihnen ins Gewissen und fordert sie auf, mit dem Festmahl aufzuhören und nach Hause zu gehen, aber die Feiernden widersprechen ihm, dass ihre Häuser dunkel sind und ihre Jugend Freude liebt.

Worauf ich hinaus will?

Wir haben nun einen Plan zur Rückkehr in das “normale” Leben von unserer Regierung erläutert bekommen, und Tag später sitzen Menschen wieder in Gruppen und trinken zusammen, als wäre der Kontaktverbot aufgehoben. In manchen Fällen wird die Polizei gerufen und eine Strafe wird fällig. Ich würde so etwas nicht “petzen”, aber baff bin ich und innerlich mit dem Kopf schüttele ich auch.

Können wir einfach so tun, als wäre nichts gewesen?

Was denkst du?

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Mein Corona Online-Tagebuch: Woche 1 | Woche 2 | Woche 3 | Woche 4 | Woche 5

Я так надеюсь, что моя Кира вновь сможет хорошо спать…

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 5, nachdenklich)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 5, nachdenklich)

Es ist Woche 5 unserer neuen Zeit, und ich bin nachdenklich.

Sind das schon die neuen wir? Die, die es für selbstverständlich halten, alles online zu tun? Kinder online ausbilden, online zusammen singen, Bier trinken und arbeiten. War es das?

Meine Sorge ist, dass wir diese Zeit nicht dafür nutzen, eine neue Welt für uns zu erträumen und entstehen zu lassen. Meine Sorge ist, dass wir wieder zurück und zwei freiwillig in unser Hamsterrad einsteigen und die meisten Dinge so tun, wie bisher.

Und dann denke ich, ich sollte vielleicht nicht so viel denken.

Note from the Universe.

Und dann denke ich doch nach.

Was ist noch wichtig?

Nach dem Duschen wickle ich meine Haare in ein Handtuch, und immer dann, wenn die Haare zu lang sind für das Frottee, gehe ich zum Frisör. Da hätte ich von 4 Wochen hin gemusst, und nun ist das plötzlich nicht mehr wichtig. Heute habe ich mit Hilfe eines YouTube Videos meine Haare ganz allein um 6-7 cm gekürzt. Geht doch!

Frisör-Besuche sind plötzlich nicht mehr wichtig.

In meiner Küche hängt eine Weltkarte, und um diese Weltkarte drumrum sind zig Fotos angeordnet – die meisten analog mit meinem Lomo aufgenommen. Die Fotos sind in den 52 Ländern aufgenommen, in denen ich auf meinen Reisen gewesen bin, und die Weltkarte ist eine Scratch Map – immer dann, wenn ich ein neues Land besucht habe, konnte ich dort etwas freirubbeln.

Das ist nun nicht mehr wichtig.

Ich habe darüber nachgedacht, dass ich nach der Corona Krise auf keinen Fall so wie bisher reisen kann. Ich habe dafür noch keine Erklärung und keinen Begriff. Es fühlt sich nicht mehr richtig an. Und da wir demnächst umziehen werden, wird die Weltkarte mit den noch nicht besuchten Ländern wohl verschwinden.

Ach, und habe ich erwähnt, dass ich seit dem 15. März bis (aktuell) Ende Juni keine Aufträge habe? Es fühlte sich zuerst sehr seltsam an, ein wenig Angst hatte ich am Anfang an, und dann begriff ich: ich bin nicht systemrelevant. Das macht nichts.

Das ist gerade nicht wichtig.

Was wichtig ist, das werde ich in den nächsten Wochen rausfinden.

Der innere Kreis

Hast du schon mal überlegt, wen du wirklich vermisst? Nicht einfach aus Gewohnheit, sondern so wirklich herzlich. Nicht zu einem Zweck, sondern aus Liebe, Zuneigung, Sehnsucht. Wer gehört zu deinem “inneren Kreis”?

Diese Woche wäre ich eigentlich in Mexiko, bei meinem Vater. Letzte Woche wäre ich eigentlich auf Hawaii, mit meiner Tochter. Dass ich beide in ihrem jetztigen Wohnort jetzt nicht besuchen kann, das tut weh. Dass ich sie so schnell wie möglich nach all dem hier besuchen will, das steht fest.

Und dass ich meine Kinder fast ausschließlich auf einem Bildschirm sehe: wird das irgendwann die neue Normalität? Wie werden wir Gefühle empfinden, wenn wir so viel weniger Nähe erleben? Was macht es mit der Chemie im Gehirn, wenn die Körper-Chemie nicht erlebbar ist? Nachdenklich ich bin…

Vor dem Einschlafen kuschele ich mich gedanklich in meinen “inneren Kreis” hinein und fühle mich dann geborgen.

Digitale Frustration

Ich habe gestern mit einer Kollegin in Kanada gesprochen. Genauso wie ich, mag sie analoge Methoden und arbeitet mit Menschen und Materialien in Räumen. Genauso wie ich, hatte sie zuerst den Impuls, alles zu digitalisieren und zu virtualisieren. Recht zeitgleich haben wir beide beschlossen, dass das nicht unser Weg ist.

Weil wir an etwas anderes glauben, und darin unsere Stärke sehen.

Letzten Montag haben wir die digitale Frustration gemeinsam erlebt. In dem Facilitators (remote) Café haben wir neben dem Kennenlernen und Austauschen auch Zeit gehabt zu erleben, was es mit uns macht, wenn die Technik nicht mitmacht. Und vielleicht weil wir nicht versucht haben, diese Frustration mit etwas zu überspielen, gab es sehr viel positive Resonanz.

petranovskaja facilitators remote cafe resonant feedback

Überhaupt tut es gut, das zu tun, was mir am meisten Spaß macht. Und das ist eindeutig NICHT, etwas virtuell in andere Menschen einzuhämmern. Aus Neugier bin ich in mehrere der kostenlosen Angebote reingeschaut. Höflich, hoffnungsvoll, anspruchsfrei. Um festzustellen, eine Vorstellungsrunde mit 30 Leuten ist auch virtuell anstrengend. Um nochmal bestätigt zu bekommen, Präsentation von Slides ist auch in einem virtuellen Raum nicht meins.

Leanne Hughes hat Abend und bald Herbst…

Meins ist, gute Moderation mit #noagenda zu machen und Menschen zu verbinden. So hab ich mal wieder mit Leanne aus Australien telefoniert. Und mit Gesine aus Hamburg. Und mit Tamara aus Kanada. Und mit so vielen anderen großartigen Kollegen! Die große Welt ist plötzlich so nah!

Was auch meins ist, ist Bücher lesen. Ich lese mit Vergnügen, vor allem, weil das Papier mit der Haptik und dem Geruch so viel anders sind als die Virtualität!

Wir bauen eine App

Und dann, dann ist da noch das New Work Ausrüstung-Projekt. Nicht nur haben wir die Prototypen an 30 Menschen versendet, wir (Nicole Anzinger und ich) haben die frei gewordene Zeit genutzt und eine App gebaut. Eine, die demnächst sogar im Apple Store sein wird.

Nachdenklich, das passt auch beim Thema New Work. Wir diskutieren viel, dass jetzt, genau jetzt die richtige Zeit wäre, alle in eine Retrospektive zu schicken. Was tun wir als Team/als Unternehmen? Warum machen wir das so? Was würden wir mehr/weniger/anders machen?

Wir sind gespannt und zuversichtlich.

Was mich außerdem nachdenklich macht? Die Kraft mancher Zitate. Diese Woche immer noch die gleichen Worte wie letzte Woche:

You recognize all you can do for now is all you can do for now.

Michael Neill, Inside Out Revolution

Gibt es etwas, was dich nachdenklich macht?

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Mein Corona Online-Tagebuch: Woche 1 | Woche 2 | Woche 3 | Woche 4

PS: Einen Tag später habe ich einen Blog gelesen, der sehr gut beschreibt, wie es mir geht:

Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe – verdutzt, ein bisschen ängstlich vielleicht, aber auch mit dem Gefühl einer neuen Möglichkeit – an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen führen.

Charles Eisenstein

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 3, Raupen optimieren)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 3, Raupen optimieren)

Ich bin digital-müde, daher wird das heute ein kurzer Tagebuch-Eintrag.

Diese Woche war sehr emotional. Zwischen Hoffnung und schlaflosen Nächten war alles dabei. Lange Gespräche, sehr viele virtuelle Sessions in allen Ausprägungen und ganz viele davon richtig toll!

Das Lernen macht mich froh. Das viele Lernen und vor allem das viele intensive Zuhören macht mich müde. Jemand sagte, es ist wie FOMO (Fear Of Missing Out) 2.0 – man müsste ja nicht überall dabei sein, aber man habe Angst, etwas Tolles zu verpassen.

Wir haben eine einmalige Chance

Was mich unruhig stimmt, ist das Gefühl, wir könnten diese einmalige Chance verpassen. Jetzt, wo wir Zeit und Möglichkeiten haben, etwas wirklich Neues und Gutes aus unserer Welt zu machen, statt “Kreide zu digitalisieren” oder “Raupen zu optimieren”. Wir könnten so viele Schmetterlinge entstehen lassen!

Tun wir das?

An dieser Stelle ein Video dazu von der allerliebsten Birgit Dierker und mir aus dem Jahr 2016 – maximal sehenswert!

Mein Tagebuch Woche 1

Mein Tagebuch Woche 2

PS: Mitten in dem digitalen Wahnsinn ist unser analoger New Work Ausrüstungs-Prototyp fertig. Jubiduuu!

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Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 2, umlernen)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 2, umlernen)

Was werden wir in den nächsten zwölf Monaten tun? In der einen Woche seit meinem letzten Blogbeitrag hat sich die Welt dreimal um sich herum gedreht und sieht ganz anders und sehr ungewohnt aus. Ich habe mir vorgenommen, meine “unfertigen Gedanken” ab und an hier festzuhalten. Als Tagebuch – was ich durch meine selektive Wahrnehmung erlebe. Gern kannst du deine Sicht der Dinge als Kommentar hinzufügen.

Physische Distanz und digitale Nähe

Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.

Angela Merkel

Konzerte und Veranstaltungen sind abgesagt. Meetings sind abgesagt. Geschäfte, Museen und Restaurants sind geschlossen. Wir üben uns in social distancing. Wir sollen nirgendwo mehr hin, Hamburg gleicht einer Geisterstadt. Abstand an der Kasse, niemanden umarmen, niemandem die Hand geben. Dabei sind wir doch soziale Wesen!

NEW WORK in Zeiten von Corona: Sie reale Distanz wird zwar größer, aber die soziale Nähe wächst. Wir lernen und auf einer ganz anderen Ebene kennen und wertschätzen. Das wird sich nicht mehr ändern lassen.

Pivi Scamperle

Um so spannender ist es, wie mein Kalender, den die Kunden leer geräumt haben (100% der Workshops und Trainings wurden abgesagt) plötzlich voll wurde. Angebote, sich zu vernetzen, gemeinsam zu lernen, die freie Zeit miteinander zu verbringen.

Weil wir soziale Wesen sind!

Wir haben in den letzten Tage einander zum Teil besser kennengelernt, als in den Jahren zuvor, weil wir einander in die Wohnzimmer schauen konnten.

Wir rücken zusammen, weil wir gemeinsame Probleme lösen wollen – und das WOLLEN steht noch vor dem “müssen”.

Diese digitale Nähe ist atemberaubend!

Alte Rituale raus, neue Rituale rein

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
?!?!?

Kannst du dir eine Geburtstagsfeier ohne Gäste vorstellen? Oder eine Beerdigung? Es ist unsere neue Realität.

Dafür kommen neue Rituale. Schon mal einen virtual Lunch gehabt? Oder ein gemeinsames Bier vorm Bildschirm? Und wisst ihr, was faszinierend ist? In einer Kneipe, mit knapp 40 Leuten Bier trinkend, würden mir niemals alle 39 zuhören, wenn ich etwas sage.

Am Bildschirm funktioniert das. Die digitale Welt macht einiges möglicher. Das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben.

Change Kurve

Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Max Frisch

Momentan beobachte ich an meinem eigenen Erleben sehr deutlich, wie die Change Kurve funktioniert. Letzte Woche noch, da war sehr viel Ablehnung, ein nicht-wahr-haben-wollen und “hoffentlich nicht wir”. Auch diese Woche will ich das nicht haben wollen, und die immer weiter steigenden Zahlen der berühmten exponentiellen Kurve erreichen mein in Hoffnung-Watte gepacktes Hirn nur schwer.

Was nach der Ablehnung-Phase kommt, wissen wir auch. Die berühmt berüchtigte Resistenz. Mein Hirn sagt mir zwar, dass die Fakten hier sind, und Hamburg hat die höchste auf 100.000 Menschen Quote, ich bill das aber dennoch nicht.

Die Change Kurve erklärt so wunderbar, warum viele Entscheidungen zur Schließung/Sperrung nicht oder viel später kamen. Die Change Kurve erklärt, warum Menschen überall auf der Welt feiern gehen als wäre nichts. Die Bilder aus Italien sind furchtbar. Der Hirn, in Watte gepackt, antwortet nicht.

Schwierig ist, dass – aufgrund der Komplexität der Situation – keine vorgegebenen Lösungen existieren, die wir bloß wählen müssen. Kommt Impfstoff? Kommt Medikament? Die Schlagzeilen sind zum Teil so widersprüchlich, dass jeder das volle Recht hat, durchzudrehen.

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Verwirrende Nachrichten-Schlagzeilen

Ich kann nicht schlafen, mein Herz pocht, zum einen aus Ohnmacht zu sehen wie fragil unsere Gesellschaft ist, zu sehen wie schnell unsere Wirtschaft aus dem Gleichgewicht geworfen wird, wie angreifbar unsere innere Einstellungen sind, wie schnell aus einer aufgeklärten, solidarischen Gemeinschaft einzelne egoistische Gollums werden die mit Ihren Schätzen von Nudeln und stapelweise Klopapier aus den Einkaufläden stürmen. Es belastet mich dass viele Unternehmen nicht digital vorbereitet sind und das Einrichten von Homeoffice und VPN auf einmal zu Raketentechnology wird, die nicht so schnell lösbar ist. Dass Gymnasien keine schülereigene E-Mail Adressen haben und deshalb per mehrstufige E-Mailketten und zum Teil per Wurfsendung die Aufgaben an die Schüler verteilen. 😔

Oliver Ewinger auf Linkedin

Nach der rationalen Einsicht und der Resistenz kommt die emotionale Akzeptanz. Und mit ihr kommt “es betrifft mich doch” Phase, die wir Tal der Tränen nennen. Das ist die Phase, gepaart mit social ditancing, in der wir einander so stark wie noch nie brauchen werden.

Weil wir soziale und emotionale Wesen sind.

PS: Ein guter Artikel zum Umgang mit Krisen

Umlernen in Unternehmen

Was früher unmöglich schien: alle arbeiten online. Wie viele Unternehmen/Institutionen haben eine Ausrede gesucht, warum Home Office oder Remote Work nicht geht? Wie viele von ihnen dürfen jetzt lernen, WAS ALLES geht? Online Vertrieb? Jepp. Online Schooling der Kids? Auch.

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Schnell merken wir, was anders ist…

Präsentismus könnte aussterben. “Ich muss ins Büro” wird vielleicht als Satz nicht mehr so oft gesagt werden in 2021. Niemand muss ins Büro. Wir wollen arbeiten, ja, und wir können.

An dieser Stelle meine ganz persönliche Hochachtung und riesige Dankbarkeit für die Vertreter alle der Berufe, die nicht im Home Office arbeiten können. Medizinische Berufe, Supermarkt-Mitarbeiter, Polizei und Feuerwehr, wen hab ich nicht auf dem Schirm?
DANKE EUCH!

Frühling ist nicht abgesagt

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Frühling 2020 in Hamburg

Wir haben plötzlich Zeit, so gehen wir in der frischen Lift spazieren. Frühling ist nicht abgesagt. Die Kirschen blühen, die dicken Hummeln haben keine Ahnung, was Corona ist, und sammeln ihr Frühstück. Hund müsste man jetzt sein ,Habe selten so viele glückliche Hunde gesehen. Herrchen den ganzen Tag zuhause, Spaziergänge vermutlich öfter und länger, was will man da als Hund noch?

Im Ernst, die Natur tut gut, und das ist jetzt für mich der beste Weg, der inneren Anspannung und dem Stress zu entkommen.

CLC20Digital als beispiellose Aktion von selbstorganisierter Community

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Plötzlich so normale Videokonferenzen

Am 19. und 20. März 2020 wäre ich eigentlich auf dem Corporate Learning Camp gewesen. In Hamburg. Mit 300 weiteren Menschen. Natürlich wurde auch diese Veranstaltung vorerst auf August verschoben. Woraufhin ich in unserem Chat fragte, ob wir die reservierte Zeit nicht dennoch nutzen wollen für ein Barcamp. Prompt übernahm die Selbstorganisation die Initiative, und am 19. März saß ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Videocall mit 467 Menschen. 467!

Wir organisierten uns selbst, wir probierten Tools und Methoden aus, wir lernten fehlerfreundlich und wir waren, glaube ich, fast alle high. Diese Erfahrung – neu für alle von uns – schafft Präzedenzfälle. Was vor zwei Wochen noch unmöglich schien, fühlt sich nach “ich war dabei, und es hat Spaß gemacht” Tag machbar, fast selbstverständlich an.

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Virtuelle Nähe, ganz neu

In einer 3D Lernwelt findet gerade die Einführung statt. Wir “sitzen” als Avatar im Atrium, und ein verspäteter Teilnehmer kommt rein. “Setz dich”, sagt der Moderator. “Wie geht das” fragt der Mensch. Situationskomik deluxe!

Ich moderiere eine Session zu meinem Herzensthema – #noagenda in Komplexität, für Lernprozesse und Transformationen in Unternehmen. Ich bin mir nicht sicher, wie viel Action benötigt wird, damit man sich als Teilnehmer nicht langweilt.

Es hat funktioniert. Die ersten Erkenntnisse:

  • es fehlt das physische Gefühl für Gefühle, zum Beispiel bei Aufstellung im Raum
  • die Teilnehmer sind mit der Technik beschäftigt, hören dadurch nicht immer zu

Beim nächsten Mal werde ich mehr Selbstorganisation zulassen, denn man kann bei Tricat auf den Whiteboards malen und ganz viele anderen Dinge tun, und ich würde gern herausfinden, was passiert, wenn die Teilnehmer sich in einem virtuellen Raum selbst organisieren dürfen. Pull over push ;-)

Gruppenfoto geht wunderbar!

petranovskaja 12 monate virtuelle nähe
Ein Workshop in 3D. #läuft

Stories aus der Zukunft

Eine Übung, die du mit den Menschen, die dich umgeben, machen kannst:

Stellt euch vor, wir sitzen zusammen im Jahr 2025 und schauen zurück auf die heutige Zeit. Und wir erzählen einander Geschichten, die mit folgenden Worten beginnen:

“Weisst du noch, damals, als wir Corona hatten und zum ersten Mal in einer digitalen Umgebung arbeiten mussten?” und der nächste führt fort:

“Ja, genau, und weißt du noch, als …” und so weiter.

Es hilft, die heutige Situation zu meistern. Probiere das aus und erzähle mir, wie das geklappt hat. (Danke an Michael Plath und Mary Jacob, die diese Übung mit uns auf dem #CLC20Digital gemacht haben!)

Weil wir soziale, emotionale und neugierige Wesen sind ;-)

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Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 1, Stammhirn)

Was wir in den nächsten 12 Monaten tun… (Woche 1, Stammhirn)

Was werden wir in den nächsten zwölf Monaten tun? Nun, ich bin kein Zukunftsforscher, aber ein sehr zukunftsorientierter Mensch und ich denke gerne nach.

Freitag, der 13. März

Liebes Tagebuch, heute ist Freitag der 13. Ich glaube, heute ist auch der Anfang von einem neuen Lebensabschnitt für sehr viele von uns. Ich glaube, dass dieser Virus viel weiter reichende Folgen haben wird, als uns heute schon bewusst ist. Hier sind ein paar Gedanken aus meiner Perspektive. Ich werde diesen Blogbeitrag einfach regelmäßig um Fakten und weitere Gedanken erweitern.

1. Es trennt sich Spreu vom Weizen

Die nächsten ein paar Monate werden zeigen, wer nun wirklich agil ist. Denn es reicht gerade in diesen Zeiten überhaupt nicht, Scrum-Zertifikate zu besitzen. Was wir brauchen, ist eine agile Haltung. Eine wirkliche Bereitschaft, uns auf das Neue, auf das komplett Unbekannte einzustellen. Dieses neue mit Freude zu begrüßen.

Es kommt auf gute Führung an, auf eine gute Unternehmenskultur und auf eine klare Vision. Wer hier blank ist, wir das in den nächsten 12 Monaten schnell zu spüren bekommen.

2. Change Management Praxis

Wir werden auch endlich lernen, welche Teile vom Change Management nun totaler Quatsch sind und was wirkt und gebraucht wird. Heute werden die Grenzen zwischen Europa und USA für 30 Tage geschlossen. Das hat für mich eine klare Konsequenz: ich kann meinen Vater, nicht wie geplant, Ende März besuchen. Auf meine (leicht ketzerische) Frage bei Twitter, wie man nun Betroffene zu Beteiligten macht, bekam ich zum Beispiel folgende Antworten:

  • Einbinden durch freiwillige Teilhabe und Mitbestimmung
  • Erst einmal verstehen, was Veränderungen in Menschen auslösen können
  • Man müsse den Betroffenen zuhören
  • „Lies mein Buch“
  • Kommunikation und Vertrauen
  • Druck x Vision x Können > Widerstand“ aus Klaus Doppler
  • wir sind alle Betroffene

Wie der Leser mit Leichtigkeit erkennt, ist keine der Antworten aus meiner persönlichen Betroffenen Sicht auch nur irgendwie hilfreich, weil nur schöne Theorie. Wir müssen uns meistens in solchen Fällen selbst um uns kümmern.

Und das wird auch in sehr vielen Unternehmen genauso passieren, es wird kein Change Manager geben, der vorbeikommt und sich darum kümmert, wie es den Menschen in dieser Situation (Home-Office, sich allein fühlen, Fragen haben) geht. Oder doch?

Und wieder kommt es auf Führung, Unternehmenskultur, Menschen an.

Eine Vermutung: in den nächsten zwölf Monaten werden wir uns viel mit diesem Thema auseinandersetzen, allerdings praktisch. Wir werden sehr viel über Change lernen.

3. Lernen, lernen, lernen

Apropos Lernen. Ähnlich wie der Robinson Cruso, der auf einer Insel ausgesetzt wurde und alles from Scratch lernen musste, werden auch wir sehr viele Dinge sehr schnell lernen müssen. Dazu gehören unter anderem sehr viele digitale Kompetenzen, über die in vielen Unternehmen bis heute nur theoretisch gesprochen wurde.

Laptops sind gerade Mangelware. Sie wurden von sehr vielen Unternehmen leer gekauft, um ihre Mitarbeiter spontan ins Home-Office schicken zu können. Nun lernen wir alle, wie man mit zahlreich vorhandener Software umgeht, wie wir uns selbst organisieren und trotz Remote produktiv bleiben. Es sind sehr spannende Zeiten!

Als jemand, der sein Geld unter anderem mit Trainings und Lernen verdient, frage ich mich, welche Themen wir in den nächsten zwölf Monaten vor der Brust haben werden, in denen ich die Unternehmen unterstützen kann. Wenn du eine Idee hast, schreibe diese gerne in den Kommentaren.

4. Aus dem Hamsterrad aussteigen

Natürlich werden wir in den nächsten zwölf Monaten erst mal versuchen, alles soweit beim Alten zu belassen, wie nur möglich. Das ist nicht nur die Change Management Theorie, das ist einfach menschlich.

Wir werden allerdings nach und nach feststellen, dass das nicht funktioniert. Was ist das Leben von uns in den nächsten zwölf Monaten verlangt, ist, dass wir aus diesem verdammten Hamsterrad aussteigen. Dazu gehören:

  • Besinnung: Start with WHY
  • Reduzierung: Weg mit Business Bullshit
  • Bereinigung: Weniger Schein, mehr Sein
  • Humanisierung: durch Remote werden wir (paradoxerweise) menschlicher

5. Hast du mehr als Stammhirn?

Fight, Flight oder tot stellen, die drei Überlebensstrategien des Stammhirns. In den nächsten zwölf Monaten kommt es darauf an, wer mehr drauf hat, als nur zu überleben.

Wer hat Resilienz in sich? Wer kann gelassen sein? Auch hier gibt es Tausende Bücher, und sehr viele von uns haben sie gelesen. Worauf es jetzt ankommt, ist, dieses Wissen anzuwenden. Also: einatmen, ausatmen.

Apropos überleben: ich glaube, in neun Monaten könnten die Geburtenraten steigen. 😉

6. Cynefin, VUCA, Stacey und Co.

Lasst uns in den nächsten zwölf Monaten viele Geschichten darüber sammeln, wie verschiedene Modelle, die Komplexität erklären, nun endlich zur Anwendung kommen. Ich bin sehr gespannt, was wir alles sehen und mit Hilfe dieser Modelle besser verstehen werden.

Hallo, neue Zukunft!

Für heute reicht es an Gedanken, glaube ich. Stand heute sind alle meine Trainings und Workshops der nächsten 8 Wochen verschoben oder abgesagt. Ich habe jetzt also sehr viel Zeit, etwas Gutes für diese Welt zu machen – ohne mein eigenes Hamsterrad. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass das tolle Geschichten sein werden.

Entscheidend ist nicht, was uns passiert, sondern wie wir die Fakten für uns auslegen.

Entscheidend ist nicht, was wir erleben, sondern was wir daraus lernen.

Entscheidend ist nicht, was wir können, sondern was wir mit unserem Können anstellen.

Packen wir es an!

Ich würde mich sehr freuen, zu erfahren, was du denkst. Nutze gerne die Kommentarfunktion!

Warum Change Prozesse keine motivierten Mitarbeiter brauchen

Warum Change Prozesse keine motivierten Mitarbeiter brauchen

Wenn es um Change geht, werden die meisten unruhig. Das kann damit zusammenhängen, dass unser Hirn recht faul ist und mit allen Mitteln versucht, die aktuelle Situation beizubehalten. Diese Eigenschaft des Gehirns ist der Hintergrund dafür, dass es Komfortzonen und Gewohnheiten gibt. Diese kleine Inseln im unruhigen Ozean von Change geben uns die Illusion, es ist alles beim alten. Und das Hirn freut sich, wenn wir in der Komfortzone und in der Gewohnheit bleiben, weil es dann Energie sparen kann.

Es gibt auch andere Gründe für diese innere Unruhe. In den Glaubenssätzen (und in den meistverkauften Büchern) über Change gibt es in der Veränderung Gewinner und Verlierer. Und weil wir so ungern abgeben und verlieren (auch hier sicher aus dem Stammhirn gesteuerte Survival-Angst), wollen wir lieber gar keinen Change.

Die Liste der Ängste lässt sich lange fortführen.

Warum braucht also der Change keine motivierten Mitarbeiter?

Na weil das alles Lüge ist. Wie sollen wir motiviert sein für etwas, wo unsere faule Denkmaschine aus den Gewohnheiten raus soll? Und wie sollen wir all die Ängste ablegen und uns mit Freude auf das (unbekannte) Neue einlassen?

Weil Change nicht mechanisch ist. Wir können zwar Maßnahmen planen und Termine dran setzen, jedoch wissen wir alle, wie sehr wir uns da selbst in die Tasche lügen, auch später, wenn wir die Berichte pimpen.

Die Natur ist uns nach wie vor das beste Vorbild, wenn es um Veränderungen geht. In der Natur wird die Notwendigkeit erkannt und die Anpassung so lange ausprobiert, bis die Balance wieder hergestellt ist. Sowohl die Pflanzen als auch Tiere kommen dabei ohne motivierende Reden und Hochglanzbroschüren aus – weil die Veränderung und die Anpassung ein natürlicher Prozess ist. Und ganz ohne Management auskommt ;-)

Und bei uns? Da sieht der Change Management Prozess eher so aus:

Phasen, Stufen, Säulen – all das motiviert nicht

Wir Menschen sind soziale Wesen. Neben Gesundheit sind soziale Kontakte immer wieder ganz ober auf der Liste der Faktoren, die einen Einfluss auf unser Glück und unser langes Leben haben. Warum also gibt es immer noch so wenig Bestreben, uns zu verbinden, unsere Hirne und unsere Herzen zu einem großen kollaborativen und co-kreativen Ökosystem kurzzuschließen und den Rest dem Flow zu überlassen?

Und wenn ich “uns” schreibe, dann meine ich ganz bestimmt nicht die Betroffenen, die man dann rein mechanisch zu Beteiligten macht. Ich meine uns alle, weil wir alle gut Probleme lösen können, wenn wir das zusammen tun. Besonders in der Diversität unserer Denkweisen und unserer Erfahrungen. Also schließt das “wir” auch Außenstehende, die nicht in dem gleichen UNternehmen arbeiten und somit in der Lage sind, andere (angstfreiere) Fragen zu stellen.

Lösungsvorschläge

Ökosystem über Mechanik

Einige neuen Formate, die teilweise selbstorganisiert laufen, wo die Teilnehmer sich selbst überlassen werden, zeigen, wie schnell manches möglichist. MOOCs, WOL Circle, Masterminds, Foren und Barcamps – alles, was möglichs OFFEN ist, lockt uns Menschen an, weil wir dann selbst wählen können.

Spaß vor Ernst

Ja, echt jetzt.

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.

George Bernard Shaw

Mit Ernst sind wir wo wir sind. Mit Spaß haben wir das noch nicht probiert. Dabei entgeht uns – rein hirnmäßig betrachtet – recht viel. Denn im Zustand der “gehobenen Gestimmtheit” kann unser Denk- und Problemlösesystem hundertfach mehr, als wenn wir unter Stress und Zeitdruck versuchen, zu denken.

Das sollte uns zu denken geben.

So, Spaß also. Wie soll das gehen? Mein persönlicher Favorit ist alles, was sich mit “serious play” überschreiben lässt.

Spielerisches Lernen, kreatives Problemlösen, bunt gestaltete Umsetzung, die die Büros aus den grauen Zellen in Kindergarten-like aussehende und mit Girlanden behangene Märchenschlösser verwandelt.

Weil im Märchen alles möglich ist.

Und so ist es in unserem Leben auch.

Wir wissen das. Wir nehmen uns nur keine Zeit für Magie und Möglichkeiten.

Mehr Magie statt motivierte Lemminge

Statt also die Mitarbeiter für den X-ten anstehenden Change mechanisch zu motivieren, schlage ich vor, auf unkonventionelle und vom Ökosystem des Unternehmens selbst entwickelte Vorgehensweisen zu setzen. Inkludiert Familienmitglieder, Kunden und Schüler aus umliegenden Schulen. Lernt zusammen, experimentiert, wertet es aus (was für ein geniales deutsches Wort: etwas ausWERTen!) und sorgt dafür, dass es keine Verlierer gibt.

Wälzt im Schlamm der Ungewissheit – und genießt, dass sich au dieser Ursuppe von Spaß und Angst etwas entwickelt, das ganz sicher nachhaltig, ganzheitlich, human und umwerfend gut ist.

Bang!

petranovskaja Unterschrift signatur

Titel-Photo by Dušan Smetana on Unsplash