15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack (Teil 2 -Zuhören)

15 Facilitation Ideen ohne Technik-Schnick-Schnack (Teil 2 -Zuhören)

In diesem zweiten Teil stelle ich weitere Ideen für gute Meetings und Workshops ganz ohne technischen Schnick-Schnack. Die Resonanz auf den ersten Teil war sogar besser als erwartet, darum gibt es am Ende des Beitrages einen Bonus, der ursprünglich nicht inbegriffen war ;-)

Weg mit Technik-Schnick-Schnack!

Wir sitzen oder stehen vor unseren Computern, wir sehen nur Bruchteile unserer Körpersprache, wir sind begrenzt auf den visuellen Wahrnehmung-Kanal, und dann kommt all die Arbeit mit der Maus. Klicken, schieben, Doppelkick… Tastatur und Monitor sind zu unseren erweiterten Körperteilen geworden. 

Das bringt mich zu einer Aufwärmen- und Kennenlernübung, bei der es vor allem um Zuhören geht. Zum einen hören die Teilnehmer in sich selbst hinein, zum anderen hören sie einander zu. Idealerweise schickst du sie dazu in Paaren in Breakout Rooms. Geht im Fall der Fälle auch über das stille Schreiben im Chat.

Impossible Year

Wir alle haben es erlebt: das eine Jahr mit Corona. Teile mit deinen Teilnehmern den Fakt, das wir meistens ÜBERschätzen, was wir in einem Jahr schaffen und UNTERschätzen, was wir in drei bis fünf Jahre schaffen können. Stelle allen die Frage:

Was hielt ich vor einem Jahr in den ersten Corona-Pandemie Wochen für absolut unmöglich? Was ist daraus geworden?

Gib allen zuerst paar Minuten Zeit, sich zu besinnen. Beginne dann mit dem Austausch. Entweder in den Paar-Gesprächen oder im Chat.

Sammelt anschließend gemeinsame Erkenntnisse:

  • Was ist geschehen, obwohl wir es nicht für möglich hielten?
  • Was geschah nicht, obwohl wir es für möglich hielten?

Auch wenn es sehr verführerisch ist, die Sätze der Teilnehmer zu kommentieren und zusammenzufassen, würde ich die Arbeit hier der Gruppe überlassen. Warum, erkläre ich in diesem Blogbeitrag.

Hast du mit der Gruppe etwas mehr Zeit und möchtest du die Teilnehmer mehr aktivieren, kannst du eine erweiterte Version nutzen, und zwar:

Mini-Toaster

Auch hier arbeiten die Teilnehmer in Paaren. Wer beginnt, bringt einen Satzanfang und eine handelnde Person (oder ein Gegenstand) ins “Spiel”, zum Beispiel:

Nadja’s rote Schuhe hätten vor einem Jahr nicht geglaubt, dass sie ein Jahr im Schrank bleiben. Eines Tages jedoch…

Warum nennt sich die Übung “Toaster”? Weil der, der spricht, aufstehen muss. Während ich spreche, kann die andere Person aufspringen – zum Beispiel, um den Satz zu beenden. Genau so kann sich aber auch jeder hinsetzen und damit den anderen auffordern, weiter zu machen.

Warum Mini-Toaster? Weil es Absicht ist, dass man nicht zu lange spricht. Die Geschichte kann in diesem Fall total frei erfunden sein – sie lehnt sich an die Prinzipien des Improvisationstheaters (“Ja, genau! Und…” plus im Moment sein) und aktiviert natürlich auch die Lachmuskeln.

wondercards corona edition 2

🌈 Mehr grandiose Ideen für (online) Moderation findest du in dem Set der Wondercards.

Gib den Teilnehmern eine Bespiel-Geschichte, bevor du sie in Paaren spielen lässt. Klare Regeln sind das A und O, in dem virtuellen Raum noch mehr als sonst. Zum Debriefing eignen sich Fragen wie:

  • War ich ein Teil der Geschichte?
  • Habe ich mich von der Stimmung meines Partners anstecken lassen?
  • Habe ich meinen Partner mit meiner Stimmung anstecken können?
  • War ich ein guter Zuhörer?

Und wo wir beim Zuhören sind, eine Übung für Paare, die etwas mehr Zeit braucht und vielleicht auch in die Tiefe geht:

Unfortunately/luckily

Bitte die Teilnehmer, sich paar Dinge aufzuschreiben, die im Moment nicht so laufen, wie sie sollten. Auch hier kannst du in Paaren arbeiten. Bewährt hat sich aber auch kleine Gruppengröße. Ablauf ist einfach:

Der “Fallgeber” sagt, was LEIDER nicht so ist, wie es sein sollte (etwas von seiner Liste)

Der oder die Partner hören zu, fühlen mit, denken nach und formulieren einen Satz mit dem Bezug zu der Situation. Dieser Satz beginnt mit ZUM GLÜCK und stellt die Kehrseite der Medaille dar.

Hier geht es – neben dem aktiven Zuhören – darum, die verschiedenen Perspektiven auf die gleiche Situation kennenzulernen. In kleinen Gruppen bietet es sich an, dass jeder sich zuerst die eigene Antwort im Stillen aufschreibt und die Gruppe dann nach und nach die verschiedenen Perspektiven teilt.

Debriefing geht in viele Richtungen und hängt von deiner Gruppe und dem Session-Ziel ab. Hunderte von DEbriefing-Ideen bietet dir das ganz tolle Debriefing Cube von Julian Kea.

Und weil wir heute so schön beim Thema #Zuhören sind, eine Übung, die regelmäßig für Aha-Erlebnisse sorgt:

Palme malen

Vorlage Palme malen

Im virtuellen Raum sende ich einem der Teilnehmer die Vorlage, im echten Raum zeichne ich diese auf ein Flipchart, welches ebenfalls nur für einen Teilnehmer sichtbar ist.

Die Aufgabe: Die dargestellte Zeichnung der Gruppe so erklären, dass jeder Teilnehmer ein Vorlage-ähnliches Bild zeichnet.

Diese Vorlage wurde schon mehrere hundert Male nachgezeichnet.

Auch hier kann Debriefing in mehrere Richtungen gehen:

  • was sind Erfolgsfaktoren der Kommunikation
  • wer entscheidet, was richtig und falsch ist?
  • haben wir vorab eine Definition of done gemacht?

usw.

Viel Spaß dabei!

Diese Palmen-Übung war in dem ursprünglichen Glücksrad mit 15 Moderationsübungen nicht enthalten und ist somit heutiger Bonus :-)

Auch nächste Woche teile ich gern Facilitation Möglichkeiten ohne Technik Schnick-Schnack mit dir :-)

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More about facilitation:

Der zweite Corona-Frühling

Der zweite Corona-Frühling

Zuerst wollte ich schreiben „Warum der zweite Corona-Frühling uns viel härter trifft“, dann war da eher ein Gedanke „Warum der zweite Corona-Frühling viel mehr Hoffnung in sich birgt“, und dann habe ich gemerkt: ich möchte mich von der Bewertung befreien.

Wir sind auch ein Jahr später so dumm wie klug. Nachdem wir sehr viel über Pandemie, Virus und unsere Gesellschaft gelernt haben, haben wir immer noch keinen Plan. Zumindest geben wir nicht vor, einen klaren Plan zu haben, der aufgehen wird.

Jede Woche müssen wir neue Meldungen und Marschbefehle unserer Regierungen verarbeiten. Ja und nein weichen immer öfter einem „wir wissen nicht“, und zu der allgemeinen Müdigkeit kommt das zunehmende Gefühl, das etwas schief läuft.

Weil die Komplexität keine leichten Antworten beinhaltet, lohnen sich in dieser Situation drei Wege:

  • sich gut um das eigene (psychische) Wohlbefinden zu kümmern
  • sich mit Psychologie zu beschäftigen. Zum Beispiel mit den Bias, die uns beim Treffen der Entscheidungen einen Streich spielen. Oder mit dem, wie komplexe Systeme funktionieren. Oder mit self-fulfilling prophecy. Mit der Salutogenese. Mit positiver Psychologie und mit der Gruppendynamik.
  • sich voll und ganz dem Frühling hinzugeben. Die zahlreichen Blüten, die wir in den nächsten Tagen sehen werden, können Wunder bewirken.

Jede beliebige Achtsamkeitsübung gibt unserem Gehirn und unserer Seele mehr Sicherheit, als alle Nachrichten des Tages zusammen.

🤗

Einatmen. Ausatmen.

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Mein Corona-Tagebuch

Fünf Ratschläge für mehr Glück von Winnie Puh

Fünf Ratschläge für mehr Glück von Winnie Puh

Man mag den Winnie Puh für einen dicken verfressenen Bären halten. Dennoch hat diese Figur eine Menge guter Dinge gesagt, und hier sind ein paar von denen – für More Shiny Eyes und mehr Glücksgefühle.

Manchmal sind es die kleinsten Dinge, welche den meisten Platz in deinem Herzen einnehmen

Lass uns mit kleinen Dingen anfangen. Was fällt dir sofort ein? Dein Frühstück? Sonnenstrahl auf der Nase? Musik? Kuchen oder frisches Brot? Buch lesen? Weichen Pullover streichen?

Tanzen! Schlafen! Radeln! Schokolade essen! Singen! Ja sagen. Nein sagen. Nichts sagen und zuhören. Landschaft fotografieren.

Im Hier-und-Jetzt zu sein ist stets möglich, und da hat Winnie Puh Recht, die kleinen Dinge können viel Platz im Herzen einnehmen und sich dort breit machen, um dein Herz von innen zu wärmen.

Du bist tapferer als du glaubst, stärker als es scheint und klüger als du denkst

Ob du es glaubst oder nicht: was du glaubst, das wird deine Realität prägen. Diese einfache Wahrheit darüber, wie unser Denk- und Glaubenssystem funktioniert, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Wissenschaft, die ich in meinem Shiny Eyes on demand Kurs nutze, damit du deine Glücksbatterien aufladen und glücklich sein kannst.

Falls es dir gerade schwer fällt, dem Winnie Puh zuzustimmen, schreibe doch einfach eine Liste der Situationen auf, in denen du dich selbst oder andere um dich herum überrascht hast. Etwas ist dir mit Leichtigkeit gelungen. Jemand hat deiner Idee zugestimmt. Du hast deine Angst überwunden und etwas gemacht, was vorher unvorstellbar war. Du bist spontan gelobt oder umarmt worden. Du bist in einem Flow verschwunden (lesend, schreibend, schaffend).

Immer noch Zweifel? Stell dich vor einen Spiegel und zitiere den Winnie Puh: Du bist tapferer als du glaubst, stärker als es scheint und klüger als du denkst. Sage es mit einem breiten Lächeln dir selbst in die Augen schauend. Dreimal pro Tag sollte vorerst reichen.

Du kannst nicht immer in der Ecke des Waldes bleiben und darauf warten, dass andere zu dir kommen. Du musst auch manchmal zu ihnen gehen

Au ja! Komm raus. Gehe auf andere Leute zu. Lade Menschen unerwartet dazu ein, mit dir zu telefonieren. Veranstaltet gemeinsame Spielabende (geht auch online), Lese-Stunden. Schicke jemandem eine Postkarte. Schreibe einen langen Brief. Melde dich zu einem Meetup oder Barcamp an und teile deine Fragen oder dein Wissen mit anderen Menschen.

Mache jemandem auf der Straße ein Kompliment. Bedanke dich laut und deutlich bei jemandem, der dich im Geschäft bedient (und kein Home Office machen kann). Sei für andere da.

Flüsse wissen, es gibt keine Eile. Wir werden eines Tages dort sein

Lass los.

Loslassen heißt nicht, dass du aufgibst. Loslassen bedeutet, dich freu zu machen vom inneren Druck. Loslassen bedeutet, beide Hände frei zu haben für etwas, das jetzt wichtiger ist.

Seit dem Beginn der Corona-Zeit (und das ist schon fast ein Jahr!) versuchen wir immer noch an so vielen unserer alten Gewohnheiten festzuhalten. Das kostet uns Kraft.

Lass los. Go with the flow. Flüsse haben keine Eile.

Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin

Wer ist dir ein guter Freund?

Wem bist du ein guter Freund?

Einfache Fragen, die vielleicht helfen, etwas Honig in deine Töpfe zu packen. Vielleicht sind aber deine Töpfe Rand voll mit Honig – dann kannst du dich einfach darüber freuen.

Ich freue mich, wenn der liebenswürdige pummelige Bär dir jetzt ein paar Impulse für mehr Glück gegeben hat. Wenn du dich über das Titelbild wunderst: so sieht die russische (sowjetische) Version des Winnie Puh aus, und in den Zeichentrickfilmen dazu war der in Honig verliebte Bär unter anderem auch ein Poet.

Das Leben ist voller Wunder. Der Wald ist voller Freunde. Der Fluss ist voller Ruhe.

Wir schaffen das schon!

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petranovskaja shiny eyes on demand kurs

PS: Wenn du deine Glücksbatterien mit mehr Impulsen, Übungen und Erkenntnissen aufladen möchtest, lade ich dich herzlich zu meinem frischen Shiny Eyes on demand Kurs ein!

Arbeit neu denken, wie soll das gelingen?

Arbeit neu denken, wie soll das gelingen?

Der Wandel der Arbeit, den wir hier zulande mit „New Work“ bezeichnen, soll die Zukunft unserer Arbeit neu denken und gestalten. Durch die Studien wie zB. die von Gallup, wird uns nämlich immer wieder gesagt, dass mit der „alten“ Arbeit etwas nicht stimmt. Und darum muss das Alte weg und das Neue hin. 

Ich fände das schade. Das „Alte“ ist nämlich nicht durchgehend schlecht. Es ist womöglich nicht mehr zu der heutigen Zeit passend, aber diese „alte“ Arbeit hat uns hierher gebracht: in eine Wellt, in der es uns an nichts mangelt.

Der “alten” Arbeit danken

Bevor wir das “Alte” rausschmeißen, sollten wir uns eine Minute Zeit nehmen und es würdigen. Nicht alles ist an der Arbeit, wie wir sie heute kennen, schlecht. Ein kurzer Blick auf die Errungenschaften der Industrialisierung:

Maschinen haben uns physische Arbeit abgenommen und erlaubt, uns mehr kreativ zu betätigen. Diese Entwicklung begann irgendwo zwischen dem Webstuhl und der Dampfmaschine und dauert immer noch an.

Massenproduktion von Waren an einem Ort hat dafür gesorgt, dass wir zum einen die Sachen erschwinglich erwerben konnten und zum anderen an den Orten der Massenproduktion viele Arbeitsplätze hatten. Diese Entwicklung hat sich durch die Globalisierung nur in dem Ort des Geschehens verändert und in dem Fakt, dass manche Länder immer weniger selbst produzieren und immer mehr Verbraucher sind.

Arbeitsteilung und Prozesse haben zu Messbarkeit der Arbeit geführt. Wir konnten Geld und Zeit gegeneinander aufwiegen und verschiedene Stellenbeschreibungen miteinander vergleichen. Dadurch sind auch Karrieren möglich geworden, die sehr vielen Menschen eine Motivation gegeben haben.

Organigramme und Standards haben Halt und Ordnung geliefert, eine wichtige Sicherheit in der Welt, die auch heute noch gebraucht wird.

Und so sehr wir und danach sehnen, die Arbeit neu zu denken, zu humanisieren und zu transformieren, dürfen wir nicht vergessen, wie sehr wir unseren heutigen Wohlstand und unsere Freiheit der “alten” – durchgeplanten, fest organisierten und straff geführten – Arbeit verdanken.

Danke, liebe alte Arbeit!

Arbeit der Zukunft: Nadjas Traum 

In meinem Traum haben Arbeit und Geld eine neue Beziehung miteinander. Es gibt kaum Grenzen und Hürden in der Arbeit. Firmen haben keine oder kaum äußere Corporate Identity. Um mit einem Unternehmen an einem Projekt zu arbeiten, muss ich keine Grenzen überwinden. Ich spreche mit den verantwortlichen Menschen, wir verabreden uns, suchen eine Lösung oder erschaffen etwas Neues und gehen dann wieder auseinander.

Der Werttausch wird mannigfaltig alternativ gestaltet. Es gibt die traditionelle Währung, es gibt Bartergeschäft, irgendwas virtuelles wie Empfehlung und auf jeden Fall gibt es am Ende eines gemeinsamen Projektes ausgiebige Retrospektive mit wertschätzendem Feedback. Wir Menschen haben einander so viel zu geben!

Darf ich weiter träumen? Gern!

  • Vollbeschäftigung als Ziel wird gestrichen. Es muss nicht jeder eine Arbeit im alten Sinne (=Broterwerb) haben. Sich künstlerisch zu betätigen und in der Gemeinschaft zu engagieren hat den gleichen Stellenwert wie die aus der Industrialisierung hervorgegangene „Stelle“.
  • Stellen werden gestrichen. Unternehmen stellen nicht ein, sie laden ein und heißen alle willkommen, die Eineiner starken und auf das Produkt fokussierten Gemeinschaft bereit sind, gemeinsam die Ärmel hochzukrempeln. 
    Stellen und Stellenanzeigen werden daher durch Einladungen ersetzt, die sich wie eine Einladung zur Veranstaltung anfühlen. „Wer möchte mit uns zusammen eine Lösung oder ein Produkt erarbeiten?“
  • Es gibt auch keine Teamentwicklungen mehr. Denn wenn Menschen eh freiwillig zusammen kommen, um etwas zu bewerkstelligen, sind sie per se ambiguitätstolerant, ergebnisorientiert und gut gelaunt.
  • Für diejenigen, die „Vollzeit“ arbeiten, wird die Arbeitszeit auf maximal 3-4 Tage in der Woche begrenzt, die restliche Zeit gehört den Familien, den Freunden, den Hobbies, der Gesundheit und dem Spaß. 
  • Neu in dem „Arbeit neu denken“ könnte auch sein, dass wir diese überhaupt nicht mehr in Stunden pro Woche messen. Dass die Bezahlung selbstbestimmt passiert: „Hole dir vom Konto, was du aus deiner Sicht an Mehrwert generiert hast“.

Arbeit neu denken ist auch, wenn wir alles liegen lassen, das uns zwar beschäftigt, aber nicht voran bringt. Karriere als solche wird abgeschafft, denn Entwicklung wird nicht mehr von außen dokumentiert, sondern aus der reichhaltigen inneren Reflexion (für die ich immer Zeit habe, wenn ich nicht 70 Stunden pro Woche arbeite). Und da es ohne Karriere auch kein „oben“ gibt, kann sich weder durch Fleiß noch durch List dahin durchkämpfen und die gesparte Energie lieber woanders einsetzen.

Was uns noch beschäftigt und nicht voranbringt? Ich bin mir sicher, uns fällt da eine lange Liste ein.

Risiken und Nebenwirkungen

So neu gedachte Arbeit birgt (neben den wirtschaftlichen Aspekten, die ich aus Unwissenheit nicht anfasse) folgende Risiken mit sich:

  • Wir sind viel gesünder, ausgeschlafener, sehen viel besser aus und sind mit uns selbst zufrieden – denn wir haben viel weniger Grund, unzufrieden zu sein und uns über etwas aufzuregen.
  • Die so eingesparte Zeit sorgt dafür, dass die “Bild” Zeitung komplett verschwindet (weil wir Zeit haben, nachdenkliche lange Texte zu lesen statt große Schlagzeilen) und die Zeit an den Stammtischen in den Kneipen dazu genutzt wird, die Geschichten über die Enkel auszutauschen oder die Entwicklung der eigenen Gemeinde voranzutreiben.
  • Die Lust an der Arbeit beschleunigt die Entstehung, Entwicklung und Verbesserung sämtlicher Produkte und Dienstleistungen dermaßen, dass noch weniger Zeit investiert werden muss, um diese Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen.
  • Wir freunden uns in unseren Gemeinden und Stadtvierteln miteinander an, unterstützen einander beim Einkauf und Kinderbetreuung.
  • Wir fangen vermehrt an, Lieder und Gedichte zu schreiben und diese abends zusammen zu singen und vorzulesen.
  • Wir werden viel glücklicher, und aus dieser Zufriedenheit raus agieren wir automatisch so, dass unser Planet sich von uns erholen und sich regenerieren kann.
  • Nebenbei erfinden wir in der freien Zeit viele weiteren Möglichkeiten, Energie alternativ zu gewinnen, human und ökologisch zu reisen und einen Einklang mit dem Universum zu spüren.

Hach, wäre das eine schöne Welt!

Vier mögliche Stolperfallen

1. Die erste mögliche Stolperfalle könnte dabei sein, dass wir vergessen, das Alte und Unnötige als Balast abzuwerfen. Dass wir unsere mit Moos bewachsenen Glaubenssätze darüber, was Arbeit ist, in die Zukunft mitnehmen und diese wir einen riesigen Koffer mit uns schleppen. So wird sich der Weg sehr beschwerlich anfühlen. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland neuerdings recht viele New Work Awards – und die Auswahl der Gewinner findet (meist intransparent, durch eine Jury festgelegt) im “alten” Arbeitsmodus statt. Wie die Plattform Kununu – auf der die Mitarbeiter selbst über die Arbeitgeberqualität abstimmen können – zeigt, gibt es in der Arbeitswelt gar keine Gewinner. Denn so individuell wie die Menschen, so unterschiedlich dürfen auch die Arbeitswelten sein, in denen wir uns bewegen.

New Work heisst Vielfalt und Diversität.

2. Eine zweite mögliche Stolperfalle ist, dass wir das Neue aus den Puzzleteilen des Alten bauen. Wir nehmen alles, was uns nicht passt, auseinander und machen daraus etwas, was wir „innovativ“ nennen. Ein Beispiel wäre Bürokonzeption. Dass es keine festen Schreibtische gibt, sondern freie Arbeitsplätze. Oder dass es keine Abteilungs-zugeordneten Großraumbüros gibt, sondern Möbel aus Paletten mit bunten Kissen und Kickertischen dazwischen.

Am Ende von allen diesen noch so innovativen Lösungen machen wir mit Menschen das gleiche wie vorher: wir schicken sie in ein Gebäude und lassen sie dort arbeiten. Es erinnert mich total an die Kuh-Herde, die abends in den Stall geschickt wird, zum Melken.

Es braucht aus meiner Sicht hier mehr Innovation als Stall mit bunten Melk-Geräten.

New Work bedeutet, Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen.

3. Stolperfalle Nummer drei: Die Angst vor dem weißen Papier. Etwas wirklich neu zu denken ist furchterregend, denn viel zu schnell klammert sich unser faules Gehirn an die Fetzen der bereits existierenden Lösungen. Und darum werden Organisationen „wie Spotify“ umgebaut oder OKRs „wie bei Google“ eingeführt. Neu gedacht wurde dabei nichts.

Dass Kühe weniger Stress verspüren, wenn man ihnen beim Melken Beethoven vorspielt, ändert nichts an der Tatsache, dass die Kühe ausschließlich als Quelle der Milch gesehen und nach ihrer Produktivität in „gut“ und „schlecht“ aufgeteilt werden.

Versuche mal, das Jahresbeurteilungsgespräch komplett neu zu denken. Offen zu sein für alles. Ohne dich an das anzulehnen, was du weißt und wie du deine Jahresgespräche aus der Vergangenheit kennst. Das weiße Papier urteilt nicht!

New Work ist individuell formbar und muss keine Kriterien erfüllen.

4. Und Stolperfalle Nummer vier: geschlossene Gesellschaft. In den Organisationen, die ich kenne, sind oft die gleichen Menschen dabei, etwas zu tun, was mit Organisationsentwicklung zu tun hat. Entweder kommen sie aus der Personalabteilung oder sind als auch sonst sehr aktive Mitarbeiter bekannt. Haben diese beiden Gruppen keine Zeit, kommen die externen Berater rein. Damit ist das neu denken oft schon tot.

Manchmal wird gesagt, New Work sei ein Luxusprodukt, exklusiv für Denkarbeiter. Zum Glück gibt es bereits gute Beispiele in der Welt, die zeigen, wie sehr auch Berufszweige von New Work profitieren, die sehr physisch arbeiten. Produktion, Baugewerbe, Bäckerei, Pflegepersonal, Hotels…

New Work ist ein Angebot für alle.

Inspiration ist überall

Inspiration ist überall. In jedem Zeitungsartikel, in jedem Bushaltestellen-Gespräch, an der Supermarkt-Kasse… Die Zukunft guckt us permanent an und sagt: Fange mich! Finde mich! Entdecke und gestalte mich! 

Wir sind keine Kühe!  ;-)

An die Arbeit, würde ich sagen!

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Mehr zum Theme Zukunft der Arbeit:

Kann man virtuelle Arbeit analog denken?

Kann man virtuelle Arbeit analog denken?

Wir sitzen so viel und gucken in die Bildschirme, und da fragte ich mich: wie kann man diese virtuelle Arbeit analog denken?

Seit 2020 findet die Arbeit für einige von uns mehr oder weniger regelmäßig in der sogenannten virtuellen Welt statt. Ich sage „sogenannt“, weil es für das Arbeiten außerhalb des offiziellen Büroraums sowohl viele Begriffe als auch viele Wege gibt.

2013 bis 2014 waren für mich geschäftlich sehr schwierigen Jahre. Dafür waren es aber auch die buntesten Jahre meiner Selbständigkeit. Ich habe von überall gearbeitet – nur nicht von einem „normalen“ Büroraum. Mehrere Strände waren dabei, auf paar Kontinente verteilt. Cafés und Airbnb Lokationen, Küchen meiner Freunde und meiner Eltern. Meine Mutter hatte damals noch keinen WLAN Router, das war technisch eine sehr ambitionierte Angelegenheit, und da habe ich entdeckt, dass jede Shopping Mall in St. Petersburg sowohl kleine hübsche Sitzgelegenheiten als auch recht schnelles Internet anbietet – for free.

2020 habe ich drei Monate lang auf der Baustelle gearbeitet, immer abwechselnd zwischen echten Bauarbeiten und Videokonferenzen. Hier haben wir unsere Nachbarn um den WLAN Zutritt gebeten. Das reale Umbauen unserer Wohnung und das notwendig gewesene Umbauen meiner selbständigen Tätigkeit waren die erste Metapher für diesen Artikel.

Was – habe ich mich gefragt – wenn wir die virtuelle Arbeit nicht nur wohlwollend ertragen (weil eine Pandemie uns nicht in unsere Büros gehen lässt), sondern proaktiv neu denken würden? Was erschaffen wir uns dann?

Arbeit neu erschaffen

Kurz vorab: ich weiß, dass virtuelle Arbeit nicht für jeden möglich ist, und ich bin all denen unglaublich dankbar, die einfach weiterhin zur Arbeit gehen und ihre Kraft in die (nicht virtualisierbare) Arbeit investieren. Ich habe viele Freunde, denen eine Videokonferenz bis heute keine Möglichkeit geben würde, ihre Arbeit von zuhause aus zu erledigen. Handwerker, Gastronomen, Werkzeugbauer, Einzelhandelskaufleute, Ärzte, Polizisten… 

Doch zurück zur Frage.

Wie kannst du etwas Virtuelles analog denken? Mit Händen, mit Formen? Mit Farben und Hilfsmitteln?

Hier habe ich eine Top 6 Liste für dich zusammengestellt:

  • Geschirr und Besteck sind auf den ersten Blick recht fremd in deinem Kreativ-Bereich, doch auch hier weißt du nicht, was dein Gehirn daraus zaubert. Nimm ruhig Töpfe und Pfannen dazu!
  • Lego/Playmobilfiguren und jede Form von Bilderkarten sind der Klassiker, um die Zukunft zu visualisieren
  • nimm dir einen Stapel Bücher aus dem Bücherregal und sortiere sie solange auf dem Fussboden, bis sie dir wie ein Wegweiser dienen (die meisten Bücher haben sehr hilfreiche Titel!). Das gleiche kannst du mit den Schlagzeilen aus den Zeitungen und Zeitschriften machen. Schneide zuerst alles aus, was größer gedruckt ist. Bringe die Schlagzeilen dann in einer Reihenfolge oder eine Form, die dir eine Botschaft oder einen Hinweis gibt.
  • Hast du einen Stauraum oder eine Garage? Gehe hin und nimm Gegenstände in die Hand, die du lange nicht mehr angefasst hast. Frage dich: was sagt mir dieser Gegenstand über meine (Wunsch)Art zu arbeiten?
  • Gehe einfach raus in die Natur und nimm unterwegs Natur-Artefakte mit. Folge deinen Gedanken: was erzählen dir die Blätter, Stöcke, Steine, Formen, Farben und Strukturen darüber, wie deine Arbeit sein soll?
  • Ist das alles zu abstrakt, greife gern auf die New Work Toolbox zurück. Dort haben wir auf den NEU>>DENK Karten eine Menge Begriffe und Ideen, die du nutzen kannst, um die Zukunft (deiner) Arbeit zu gestalten.
New Work Toolbox Info

Diese Liste war ursprünglich noch viel länger, aber da meinte Nicole, das lenkt ab. Wenn du möchtest, sende ich dir die ablenkenden Ideen hinterher per Email :-)

Viel Spaß beim Erschaffen deiner Arbeit!

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Mehr zu diesem Thema:

Klein und groß

Klein und groß

Als ich noch klein war, und zwar von außen betrachtet, war mein Leben – ebenfalls von außen betrachtet – alles andere als rosig und kummerfrei. Eine lange Liste von Dingen, die heute im Leben selbstverständlich sind, war in meinem Leben nicht existent. Doch wie bei dem berühmten Spruch mit der Hummel, die keine Ahnung hat, dass das Verhältnis der Flügelfläche unpassend ist, um fliegen zu können, hat mich das nicht gekümmert. Als ich noch kein war, war mein Leben für mich perfekt.

Als ich dann größer wurde – von außen betrachtet – kam die Verantwortung für mein eigenes Leben auf die Liste der Dinge, die ich plötzlich zu akzeptieren hatte. Der äußere Chaos um mich herum – es war 1989, und die ganze Welt hatte viel wichtigere Probleme, als meine Pubertät – sorgte dafür, dass ich in einer Art Wurmloch unterwegs war. Meine Eltern ließen sich scheiden, die Sowjetunion brach zusammen, die neue Freiheit überforderte uns. Und so eines Abends, einem Live Konzert von Paul McCartney im Radio lauschend, wurde ich wieder klein – von innen betrachtet.

Dazu muss man wissen, dass das Lauschen eines verbotenen ausländischen Musikers bis zu einem gewissen Zeitraum völlig unmöglich gewesen ist – für Normalsterbliche. Und jene, die es dennoch wagten, verbotene Musik zu hören oder verbotene Bücher zu lesen, verschwanden. Diese klare Aufteilung in gut und böse, dunkle und helle Seite der Macht, machte die Welt begreiflich und auf ihre Art und Weise ordentlich.

Als ich klein war – von innen betrachtet – hat alles in der Welt mich entweder verunsichert oder stumm gemacht. Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben und Lieder zu singen. Die heute noch in der Ecke stehende Gitarre erinnert mich an die Zeit, wo das passiert ist. Mein Leben – von innen betrachtet – war alles andere als rosig und kummerfrei. Vieles lief auf Autopilot, und ich sagte einfach ja zu Dingen, die vor mir auf dem Weg standen.

Es folgten viele Jahre meines Lebens, die von außen oder von innen betrachtet nicht im Einklang waren. Was dem einen furchtbar, war mir lieb. Was dem einen ein Traum, war mir eine Qual. Und viele Jahre habe ich daran geglaubt, dass das normal sei. Dass diese Dissonanz zum Leben dazu gehört.

Bis ich groß wurde – von innen betrachtet.

Als ich dann wirklich groß wurde und die Verantwortung für mein Leben akzeptiert habe, statt sie zu fürchten, dann wurde das Leben plötzlich rund und sprudelnd wie ein Bach. Es kamen Menschen in mein Leben, mit denen ich einig darüber sein konnte, was wichtig und was schön ist. Es war mir plötzlich möglich, auch nein zu Dingen zu sagen, die in meinem Weg standen und mir nicht passten.

Willkommen, mein Tag! Ich erwähle dich mich allem, was du bringst.

Tagebuch nach einem Spaziergang im Schnee.
7.1.2021