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Die Zukunft klopft an die Tür

Manche Tage meines Lebens sind noch intensiver als der Durchschnitt. Und wenn sich solche Tage noch in einer Woche wie kleine Perlen aneinander reihen, werde ich des Reichtums und der Möglichkeiten so sehr bewusst, dass ich mich selbst beneide.

Und so dachte ich, ich schreibe einfach für mich selbst auf, wie so eine Woche sich anfühlt, wenn es Sonntag Abend ist… Wenn die verschiedenen Bilder und Stimmen immer noch in meinem Kopf geistern und die Zukunft an der inneren Tür klopft und fragt, ob jemand da ist und bereit, sie reinzulassen.

petranovskaja elbstrand

Montag. Birgit Dierker und ich treffen uns an den Landungsbrücken, steigen auf ein Schiff, setzen uns in die Strandperle hin und arbeiten. Zwei Businessmusen, ein Montag, ein Strand, einige Schiffe. Zwei grüne Tee später steht unser Artikelentwurf, und ich merke: Es ist verdammt wertvoll, einen Menschen zu haben, mit dem man gleiche Ansichten teilt und gleiche Tassen im Schrank vermisst. Und so braucht dieser Tag auf keinen Fall noch mehr Ereignisse oder Aktivitäten.

Gebrauchsanweisung für Erdumsegler

Am Dienstag treffe ich Rolf. Ich habe ihn bei Xing „gefunden“ und wir verabreden uns zum Austausch. Wie vermutet, ist die Unterhaltung inspirierend, bereichernd und wertschätzend. Ich freue mich sehr, dass ich ab und zu so etwas tue – ich nenne es „business blind date„. Neue Menschen treffen, neue Ideen generieren, gemeinsam reicher an Erkenntnissen werden. Rolf schenkt mir eine Karte mit den Wikinger Gesetzen, und spontan bin ich aus dem Häuschen… Hier ein paar Perlen:

  • Sei lebhaft und beweglich – check!
  • Attackiere ein Ziel zu einem Zeitpunkt – autsch, hier kann ich mir eine Scheibe von abschneiden!
  • Plane nicht alles im Detail – und das schon so lange vor Pareto! :)
  • Greife alle Möglichkeiten – mein Lieblingssatz!

So beflügelt und mit einem gedanklichen Wikingerhelm auf den Kopf schwebe ich nach einem fleißigen Nachmittag am PC zu meiner abendlichen Verabredung. Zwei Freundinnen in einer Stadt voller Möglichkeiten – und völlig ungeplant landen wir bei „Hamburg singt – Der Chor für alle“.

petranovskaja singen

Faszinierend! In einem Raum mit ca. 500 Menschen singe ich und lache ich und freue mich ein Loch im Bauch über diesen außergewöhnlichen Zeitvertreib! Und gleich zwei der Wikinger Gesetze haben wir angewendet: Wir haben den Abend nicht geplant und wir haben die Möglichkeit, spontan mitzumachen, genutzt. Absolut total schön!

Mittwoch. Ein Arbeitstag. Kundenbesuch, Telefonate, Mails.

Donnerstag. Aufgeregt stelle ich am Morgen fest, dass die für heute vorgesehene brand eins Konferenz nur 5 Minuten Fussweg von meiner Wohnung entfernt stattfindet.

Wendepunkte sind Ausbrüche aus der Routine

Obwohl es in meinem Leben kaum Routine gibt, freue ich mich über die volle Ladung Impulse und Inspiration, die mir die Zeitschrift brand eins verspricht. Tatsächlich ist allein schon der allererste Vortrag von Stephan A. Jansen so großartig, dass ich gut und gern zwei Stunden Zeit bräuchte, um diesen ausreichend durch die Synapsen zu jagen… Doch dafür ist keine Zeit, ein Interview folgt dem anderen – und das einzige, worüber ich mich an diesem Tag wirklich ärgere ist, dass wir in der Zeit von zahlreichen interaktiven Konferenz-Methoden und multimedialen Möglichkeiten immer noch ziemlich 80er in Reih und Glied sitzen und zuhören. Beim Jansen heisst das „individuell intelligent, gemeinsam blöd“.

 

petranovskaja brand eins zukunft geht

So lerne ich in einer Art Audio-Ausgabe der brand eins, dass Analog das neue Bio ist, Auto das neue Fleisch und dass soziale Innovationen den technischen folgen werden. In der Zukunft. Für Fragen wie „Was machen wir, wenn die Chinesen schneller alt werden als reich?“ oder „Wer kann eine autosmogfreie Stadt liefern?“ haben wir heute noch keine Antworten, und darum geht es wohl auch – dass wir die Antworten geben auf Fragen, die noch nicht gestellt wurden, denn so geht Zukunft, so können wir sie selbst formen, statt uns den Veränderungen, die andere verbrochen haben, anzupassen. Ich bin begeistert und würde diese Erkenntnis am liebsten mit jemanden diskutieren, doch ich kenne tatsächlich keinen Menschen in diesen Sitzreihen und finde unter meinen recht scheuen Nachbarn keine Bereitschaft für tiefgreifende Unterhaltungen. Schade!

Lustig dagegen ist die Ausstellung mit 21 Eier-Fotos. Spontan denke ich an mein Lieblingszitat von Oliver Kahn: „Wir brauchen Eier!“ und ja, wer die Zukunft gestalten will, braucht unter Umständen alle 21 Eier, die es hier im Raum gibt.

Kreativität, Eigenverantwortung und Fähigkeiten

In den folgenden Interviews und Gesprächen fallen viele weise Worte. Leider werden diese nur ab und an mit Tweets mancher Zuhörer festgehalten. So stellen wir zusammen fest, dass Fleiß und Disziplin – früher sehr geschätzte Werte – in der Zukunft Platz machen müssen für Mut, Ungehorsamkeit und Kreativität. (Das Wort „Ungehorsamkeit“ wurde übrigens von meiner Autokorrektur-Maschine hier nicht erkannt, soso!)

Wir sprechen auch über den Teil der Zukunft, der schon sichtbar da ist. Dass Roboter keine Empathie besitzen und weder sich selbst noch andere wahrnehmen. Noch nicht. Dass die Angst vor dem Scheitern uns heute schon eine Menge Geld kostet, weil viele Innovationen nicht entstehen. Und das Neuanfang nicht ohne ein Ende geht.

Ich twittere alles, was mir dabei durch den Kopf geht und erfreue mich an einem Bildzitat, welches die Liberalen daraus erstellen:

 

petranovskaja b1konf

Es ist nicht der gerade Baum, bei dem wir stehen bleiben

Nach politischen, gesellschaftlichen und unternehmerischen Blickwinkeln kommen wir am Nachmittag zu den Interviews mit dem Schwerpunkt „Persönliche Wendepunkte“. Diesen Teil der Konferenz könnte man gut als eigenständiges Format festhalten. Früher hieß es „Geschichten am Lagerfeuer“. Jetzt, wo wir immer seltener am Lagerfeuer und immer öfter allein mit unseren smarten Geräten sind, dringen Erzählungen – ungeschminkt und für Rückfragen offen – sehr direkt in mein Bewusstsein.

  • Wenn die Wurzeln fehlen, treibt man vor sich hin
  • Man muss nicht ein neuer Mensch werden, um ein neues Leben anzufangen
  • Es ist nie zu spät für einen Wendepunkt
  • Das Leben dehnt sich proportional zum eigenen Mut aus
  • Der erste, der einen mutigen Schritt geht, wird später belohnt

und

  • Es ist nicht der gerade Baum, bei dem wir stehen bleiben

Dieser letzte Satz beschäftigt mich eine ganze Weile und irgendwie macht er mir auch Mut – Mut, weiterhin so zu sein, wie ich bin. Danke an die wunderbare Anne Koark!

Lass das Richtige ruhen – du darfst das Wichtige tun

Zum Abschluss der Konferenz gibt es Musik von Anke Johannsen und ein Gedicht. Manche Menschen sind Ausnahmetalente in Wörter nutzen – für mich zählt die Anke dazu. Sie sagt Sätze wie: „Kreativität ist Lebendigkeit. Lebendigkeit ist Wendigkeit.“ und berührt mit ihrer menschlichen Energie.

Das Wichtige tun – das fühlt sich an wie ein Auftrag von oben, und so freue ich mich, dass mein Freitag ein Tag ist, an dem ich viel geben kann. Ich darf Artikel schreiben und coachen, dann später mit einem Kollegen angeregte Unterhaltung führen. Um dann, nach Feierabend, ganz und gar für meine Tochter da zu sein, die in dieser Woche auch viel erlebt hat und sich freut, dass wir uns in so vielen Dingen einig sind.

Und so gemeinsam das ganze Wochenende das „Richtige“ liegen lassen können. Bis auf Mathe ;-)

Wie soll man so eine Woche zusammenfassen? Vielleicht mit dem Satz von Friedrich Dürenmatt:

Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.

Umgekehrt gilt: Je mehr ich versuche, einem strukturierten Plan zu entsprechen, desto weniger wirkt das. Also vertraue ich dem Fluss des Lebens, höre auf das Klopfen der Zukunft an meiner Tür und gehe ein paar noch nicht gestellter Fragen zu beantworten.

Machst du mit?

Nadja Petranovskaja Signatur

 

 

PS: Die brand eins Konferenz in Tweets kannst du HIER nachlesen.

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