Ich sitze am Schreibtisch mit Blick auf eine Bucht am Pazifik. Ein großes Schiff liegt im Hafen, der Wind weht durch die bunte mexikanische Fahne. Die Hunde bellen, die Palmen rascheln, und laut Postkartenlogik müsste ich gerade der zufriedenste Mensch der Welt sein.
Stattdessen denke ich an einen sächsischen Bach.
Ich vermisse die Wälder, das Plätschern der Flüsse, den Weg zur Arbeit, das Sprechen auf Deutsch. Hättest du mir vor 3 Jahren gesagt, dass ich einmal Heimweh habe, hätte ich dir einen Vogel gezeigt. Ich doch nicht, ich reise gern!
Und nun sitze ich hier, 2 Tage vor dem Heimflug, und kann es kaum erwarten.
Heimweh ist ein Kompass
So viele Orte und Menschen sah ich in den letzten 3 Jahren. Und das Heimweh lehrte mich dabei eins: Es ist ein Kompass. Die Seele erinnert sich an etwas und möchte es haben, während der Körper gerade eine ganz andere Erfahrung macht.
Das Verrückte daran: Wir können sogar Heimweh empfinden nach etwas, das wir nie erlebt haben. Sehnsucht nach einer Möglichkeit. Ein Wunsch, Seele und Körper in Einklang zu bringen. Deutsche Sprache hat so viele Überraschungen!
Viele Menschen, die ich kenne, haben eher Fernweh. Reiselust führt unsere Gespräche zu den Antworten auf die Frage, was wir erwarten und was wir vermissen, wenn wir nicht reisen. Ich habe allerdings für mich etwas Neues entdeckt: Das Nicht-Vermissen.
Der Kompass zeigt in beide Richtungen
Je länger ich hier sitze und aufs Wasser schaue, desto klarer wird mir: Ein Kompass verrät mir, wonach ich mich sehne. Und er verrät mir genauso zuverlässig, wonach ich mich kein bisschen sehne. Was mir wochenlang gefehlt haben müsste und einfach nicht gefehlt hat.
Ich nenne das das Abwesenheits-Paradox. Wir brauchen den Abstand, den Tapetenwechsel, das andere Ufer, um klar zu sehen, was wir zu Hause getrost liegen lassen können.
Was du im Urlaub nicht vermisst hast, musst du danach nicht wieder aufheben.
Vom Ankern und Aufbrechen
Loslassen ist eine Fähigkeit, ach was, nennen wir es gleich Kompetenz. Und diese Kompetenz werden wir in den kommenden Monaten und Jahren mehrfach unter Beweis stellen dürfen. Die Dinge verändern sich immer mehr und immer lustiger, und wir werden immer öfter eingeladen, etwas gehen zu lassen.
Wer nicht loslässt, kann den Liminal Space nicht betreten, diesen Raum zwischen dem, was nicht mehr ist, und dem, was noch nicht erschaffen wurde. Es ist, als würdest du dein Schiff im Hafen ankern lassen und zeitgleich mit demselben Schiff ins offene Meer aufbrechen wollen. Der Anker entscheidet, wohin die Reise geht. Nämlich nirgendwohin.
Dabei bewahren und behalten wir so gern. Das ist zutiefst menschlich; unser Gehirn hält dafür eine ganze Sammlung an Denkfehlern bereit. Die Liste erspare ich dir heute.

FÜR DICH: Die Nicht-vermisst-Inventur
Solltest du diesen Text kurz vor oder nach deiner Rückkehr aus dem Urlaub lesen, habe ich etwas für dich. Schnapp dir etwas zum Schreiben und los.
Schritt 1: Der Blick in den Laderaum
Stelle dir einen Timer auf 10 Minuten und schreibe alles auf, was du im Urlaub nicht vermisst hast. Menschen, Meetings, Gewohnheiten, Apps, Verpflichtungen. Sei ehrlich und gern respektlos. Gib den Dingen Namen, zum Beispiel „das Montagsmeeting, das auch eine Mail sein könnte” oder „die Doomscroll-Viertelstunde vor dem Einschlafen”.
Schritt 2: Ein Anker
Wähle eine einzige Sache von deiner Liste. Die, bei der dein Bauch am lautesten seufzt.
Schritt 3: Anker lichten
Lass diese eine Sache in der ersten Woche nach deiner Rückkehr los: kündigen, absagen, löschen, abgeben, verschenken. Warum die erste Woche? Weil der Kompass danach wieder leiser wird. Der Alltag hat eine beachtliche Schwerkraft.
Mein nächster Text entsteht wohl wieder in Sachsen, mit Blick auf Wald statt Pazifik. Und darüber freue ich mich jetzt schon.
Ich bin echt ein seltsamer Mensch.


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