Über die berühmte Work-Life-Balance

nadja petranovskaja balance

Neulich lief mir bei Pinterest ein Bild über den Weg. Zwei Trichter, die sich in der Mitte der Seite an ihrer engsten Stelle berühren. Links und rechts eine Achse mit „Zeit“, oben und unten eine mit „Raum“. Zu viel Woo-Woo mag ich nicht, aber irgendwas an diesem esoterisch angehauchten Werk hat meine Neugier gekitzelt. Also nachgelesen: ein Equilibrium soll das sein. Die eine Stelle, an der sich sämtliche Pole und Gegensätze berühren und in Balance kommen. Und dort, heißt es, kann man sich transformieren.

Aha.

Beim Weiterdenken ist mir das Bild unter den Händen weggerutscht. Aus der feinen Berührungsstelle wurden in meinem Kopf zwei Eichenbretter. Breit, schwer, übereinandergelegt. Unkaputtbar. Dauerhaft. Und genau da habe ich gemerkt, was ich eigentlich meine, wenn ich Work-Life-Balance sage: ein Möbelstück. Etwas zum Draufstellen und Stehenbleiben, ohne ständiges Nachjustieren.

Du auch?

Das Problem mit dem Eichenbrett ist, dass es nichts kann außer liegen. Wenn nichts wackelt, bewegt sich auch nichts. Ein System, das festgeschraubt ist, hat keine Antwort auf den ersten richtigen Sturm, auf die neue Lebensphase, auf den Anruf am Dienstagmorgen. Es bricht, bevor es nachgibt.

Draußen macht das keine Eiche so. Die hält, weil sie schwankt. Das Brett aus ihr hält gar nichts mehr, es liegt nur noch rum.

Balance funktioniert eher wie Stehen auf einem Stand-Up-Paddleboard. Du stehst nie still. Du korrigierst dauernd, mit den Zehen, mit der Hüfte, mit dem, was du gerade nicht anguckst. Und meistens merkst du es nicht mal. Dieses ständige Nachjustieren, das wir so gerne loswerden würden, ist das Leben: halten und lösen, geben und nehmen, denken und fühlen, sein und tun. Zwischen diesen Polen suchen wir die Balance, und im Pendeln zwischen ihnen erleben wir sie.

Viktor Frankl hat sein Gleichgewicht an einer Stelle gefunden, an der es keinerlei äußeren Halt gab. Was er beschreibt, ist die Ausrichtung auf das, was dem Leben Würde gibt. Das war seine ganze Statik. Kein Brett weit und breit.

Und Carl Rogers hat einen Satz geschrieben, der mich immer noch schwindelig macht:

„Das merkwürdige Paradoxon ist, dass ich mich verändern kann, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin.“

Solange ich gegen meine eigenen Macken anrenne, steckt meine Energie im Widerstand fest. In dem Moment, wo ich mich annehme, wird diese Energie frei.

Die Stelle, an der sich die beiden Trichter berühren, ist winzig. Auf dem Bild kaum größer als ein Punkt. Ich fühle nun, dass das gar nicht anders sein kann und dass wir gerade deswegen so sehr nach dieser Balance streben. Balance dauert einen Moment, dann kippt es, und du holst dich zurück. Und wieder. Und irgendwann fällst du ins Wasser, weil das dazugehört. Deswegen finde ich auch den Satz „Nun bin ich im Leben angekommen“ kurzsichtig. Dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Das Eichenbrett behalte ich trotzdem. Als Arbeitsplatte in meiner Küche.

nadja petranovskaja Unterschrift signatur

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