Zwei Ereignisse der letzten Tage schwirren durch meinen Kopf, vermischen sich und ergeben trotz langem Nachdenken noch nicht den finalen klaren Gedanken.

Ereignis Nummer eins: Diskussion darüber, warum wir nur das sehen, was wir sehen wollen. Ob durch Erziehung, direkte Kontakte und berufliches Umfeld tatsächlich so viele Filter entstehen, dass man all seine Sehnsüchte vergessen kann und wirklich nur das will, was man sieht, weil man nur das sehen will. Das, was andere auch sehen, das, worüber man täglich spricht, das, was dran ist. (Nicht falsch verstehen: Wenn dem so ist, ist dies immer noch ein gutes Leben, denn man fühlt sich wohl, lacht, verreist, macht andere Menschen glücklich.)

Sehe ich, was ich sehe oder was andere wollen, dass ich es sehe? Ist es mein Leben?

Bei mir in der Küche saß mal jemand, der kam aus einem kleinen Dorf, und er sagte: Nadja, da in diesem Dorf, da stellt man sich gar nicht all die Fragen, die wir hier diskutieren – Selbstverwirklichung, Freiheit – doch sind die Menschen dort genau so glücklich, vielleicht sogar glücklicher als wir!

Ich bin in einer großen russischen Stadt aufgewachsen. Meine Eltern haben verbotene Gedichte gelesen, und ich war auf paar Underground Konzerten, für die man im Zweifelsfall verhaftet werden konnte. Angeblich ging es uns viel besser als den Kapitalisten im Westen, doch im jedem Atemzug dieser damaligen Adoleszenz spürte ich den Hunger nach Freiheit.

Freiheit heisst Verantwortung

Die habe ich nun. Die wertvollste Währung dieser Welt – zu sein, wer man ist, zu tun, was man will, zu wirken, zu leben. Und mit dieser Freiheit kommt auch die Kehrseite der Medaille: die Verantwortung. In dem Maße in dem man frei ist, ist man auch für alles – gang ganz alles – verantwortlich. (Und das – ganz nebenbei – vermisse ich bei den meisten Politikern. Sprüche auswendig lernen, Mandat kriegen, weg.)

Und das führt mich zum Ereignis Nummer zwei: Jemand sagte mir gestern Abend, Menschen wollen gar nicht frei sein. Menschen wollen jemanden, der sich um sie kümmert und für die sorgt und ihnen Arbeitslohn bezahlt. Haben Menschen Angst vor der Verantwortung? Ja! Verantwortung zu tragen, das wäre mal ein cooles Schulfach. Positiv gesehen, geht es nicht um Angst vor der Verantwortung, sondern um das Streben nach Sicherheit. Doch so sehr meine Logik dieses Streben nach Sicherheit kennt, wollte und konnte ich da gestern der These, dass Menschen keine Freiheit wollen, nicht nickend zustimmen – und fragte mich gleichzeitig, ob ich nur das sehe, was ich sehen will.

Was willst du?

Eine so einfache und gleichzeitig extrem schwierige Frage. Hast du eine Antwort darauf? Jetzt gerade? Nachts um drei? Ich meine nicht Ziele, ich meine ganz abstrakt und simple: Was willst du von deinem Leben? Mehr oder weniger von etwas? Und was wäre, wen alles so bliebe wie es jetzt ist?

Ich werde in den nächsten Tagen hier ein paar mehr Fragen in den Raum stellen und Techniken vorstellen, die dir helfen, eine – DEINE – Antwort auf diese Frage zu finden.

Denn wenn du nicht weisst, was du willst, warum bist du heute aufgestanden?