11/49: alles neu macht der März

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Als Kind musste ich lernen, meine Bedürfnisse zurückzustellen. „Das geht jetzt nicht, dafür ist jetzt keine Zeit“ – das hab ich oft gehört. Ich habe viel gelernt, von Pipi zurückhalten bis Spielsachen selbst basteln. Ich konnte mir nicht wünschen, was wir am Wochenende machen und natürlich würde gegessen, was auf den Tisch kam. In meinem Fall war das sehr viel Haferbei und Suppen.

So habe ich nicht nur gelernt, kreativ und zurückhaltend zu sein, ich habe auch gelernt, dass meine Bedürfnisse keine Bedeutung in dieser Welt haben, und dass es sich nicht lohnt, über meine Wünsche zu sprechen.
Ich kann mich also zurecht als eine eiserne Lady bezeichnen, die in jedem Mist Dünger sieht und finalem eine Möglichkeit. Und genauso kann ich dir mit einem tiefen Seufzer mitteilen, dass ich sehr lange gebraucht habe, meine Bedürfnisse nicht nur auf Papier zu schreiben und auszusprechen, sondern auch selbst ernst zu nehmen.

Und es geht nicht nur darum, was ich nun kann (sprechen, schreiben, befolgen), sondern wer ich dadurch geworden bin. Was für eine Art Mensch ich geworden bin, seit meine eigenen Bedürfnisse mir selbst bedeutsam geworden sind.
Stark von innen – das Motto meiner Webseite und Unterüberschrift meiner Kurse – hat also auch für dich vor allem das Ziel, mehr du selbst zu werden und weniger zu einem Verhaltensathleten, der mega diszipliniert und kraftvoll an sich selbst vorbeimarschiert.

Der Turm stürzt ein

Der Turm stürzt ein
Der Turm stürzt ein
Halleluja, der Turm stürzt ein

Ton Steine Scherben

Eigene Ängste, eigene Sehnsüchte zu verstehen und zu deuten macht uns in der Zeit, die so viel von uns abverlangt, zu stärkeren Menschen. Hier ein Beispiel einer Klientin, die mir gestern in genau 12 Sprachnachrichten – zugegeben, zum Teil nur paar Sekunden lang – mitteilte, dass sie eine sehr große Angst abgelegt hat und sich plötzlich doppelt so stark fühlt.

Sie hatte nämlich eine Angst vor der Tarotkarte „Der Turm“. Und seit sie in meinem 21 Tage Kurs war, hat sie die Karte dreimal gezogen. Die Karte hat im Tarot Bedeutung „Zerstörung, Loslassen“, und meine Klientin dachte, etwas in ihrem Leben würde kaputt gehen. Um dann zu erkennen, dass sie in Wahrheit ihre Angst loslassen darf. Sie darf ihre eigene Angst zerstören, was sie gestern tat, und seitdem hat sie angefangen, ihr Buch zu schreiben und sich 10 cm größer zu fühlen. Und stark.

Trennungen als Erfolg sehen lernen

In Hamburg hat es am Wochenende geschneit. Ich stehe mit den Füßen in dem weißen Nichts und denke nach. Ich es gut, dass alles neu ist oder war das eine bescheuerte Idee mit 49 Jahren?

Ich betrachte Trennung nicht als Scheitern. Früher hätte ich das als Schicksal betrachtet, weil ich es nicht anders verdiene. Ich habe Schule gewechselt, weil ich gemobbt wurde. Wohnungen gewechselt, weil meine Eltern sich trennten. Meine Heimat brauchte zusammen, weil Perestroika kam. Von so vielen Umbrüchen erzogen, waren große Schritte in meinem Leben an der Tagesordnung. So sehr ich etwas aufbauen mag, vieles wurde wieder zerstört und losgelassen. Ich bin umgezogen, habe gute Jobst gekündigt, Namen aus dem Adressbuch gelöscht und Schluss-Striche gemalt, bis mir heute endlich klar wurde, dass ich damit ein besserer Mensch wurde. Vor allem, weil ich mich immer wieder von Dingen und Menschen getrennt habe, die mir nicht gut taten, weil ich etwas anderes wollte.

Weil ich angefangen habe, den einzigen Menschen ernst zu nehmen der es verdient. Ich habe angefangen, mich selbst ernst zu nehmen. Mich selbst zu wertschätzen.

Charlie Chaplin schrieb wohl in einem ähnlichen Epiphany-Moment seinen berühmten „Als ich mich selbst zu lieben begann…“ Text. Kennst du ihn? Findest du in meinem Blog. Hier drei Teile davon:

Selbstachtung
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden beschämt, ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste, dass weder die Zeit reif noch der Mensch dazu bereit war und auch wenn ich selbst dieser Mensch war. Heute weiß ich, das nennt sich Selbstachtung.

Authentisch-Sein
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das nennt man Authentisch-Sein.

Selbstliebe
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich immer wieder hinunter zog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.

It’s my time

Ich habe so lange Schluss-Striche im Leben gemalt, bis mir klar wurde, dass ich dadurch ein besserer Mensch wurde.

Nadja

Am Anfang ist immer die Entscheidung da. Für etwas oder gegen etwas. Oft beides zeitgleich. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, der Satz folgt mir auf Schritt und Tritt, und nun kann dieser Satz wohl Platz auf einer Bank nehmen und mir vom Spielrand beim Spielen und Tore schießen zuschauen. It’s my time. Ich spiele jetzt endlich in der Oberliga, und ich bin im Finale angekommen. Ich führe gerade, und die verbleibende Zeit soll das auch so bleiben, denn mein Gegner bin ich selbst. Die alte ich – die Nadja, die gelernt hat, ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Wenn ich ihr das Spielfeld überlasse, wird sie bestimmt versuchen zu gewinnen, und natürlich hab ich immer noch die Chance, ein Eigentor zu schießen. In meiner Sprache heißt es dann Selbstsabotage.

Doch das lassen wir nicht zu, gell? Die ganze Welt schaut zu, und damit meine ich nicht die Außenwelt, sondern die vollkommen unentdeckte reiche Welt meines Herzens, das so lange alles geparkt hat, was bedeutsam und wichtig war.

Sprich lauter, mein Herz. It’s your time.

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