Eine nach der anderen lege ich mir die goldfarbenen Ketten um. Aus meiner Zeit in Galveston, Texas, habe ich bestimmt zwei Kilo dieser Souvenirs mitgebracht. Dort sind sie ein fester Bestandteil von Mardi Gras – dem ‚fetten Dienstag‘, an dem man sich satt isst und dem Winter ein lautes Lebewohl zuruft.
Heute ist dieses Gold für mich eine Brücke: Was im Karneval als ausgelassener Abschied begann, führt mich über das stille Erwachen von Imbolc direkt zu Ostara. Heute feiere ich das wiederkehrende Licht, gelb und gold sind die Farben des Festes, welches ich in Barfußfest getauft habe. ‘Barfuß’ zu Ehren der Göttin Ostara, die – der Legende nach – mit ihren Fusssohlen den Schnee zum Schmelzen gebracht hat.
Wir wandern am Fluss, sammeln Kräuter und Weidenruten. Wir sprechen darüber, dass wir zu hart mit uns sind und zu viel von uns verlangen. Wenn selbst unsere Erde es nur zweimal im Jahr schafft, in einer perfekten Balance zu sein (an der Tag-und-Nachtgleiche), warum ist es für uns Menschen nicht auch eine gute Richtzahl?
Wir tanzen barfuß unter der feinen Mondsichel, die wie ein Schiffchen auf dem Himmel fährt und erinnern uns daran, dass die Rückkehr des Lichts – wie dieses Fest vielerorts gefeiert wird – auch eine Rückkehr unseres eigenen inneren Lichts sein darf. Jauchzend laufen wir barfuß über die grüne Wiese, bis unsere Herzen warm und unsere Füße kalt sind.
Drin wartet ein warmes Fussbad auf uns und eine Karaffe Birkensaft – eine Erinnerung an meine Heimat und an die großzügigen Gaben der Natur. Wir bewundern den leichten, klaren Geschmack der Birke und gehen in der Meditation auf das Thema ein, in der wir unsere Gedanken klar und leicht machen. Wenn wir alles Unnötige ausatmen, dann haben wir viel mehr Raum und viel mehr Klarheit für unsere Gedanken, Träume und Absichten. Und mit dieser Leichtigkeit und Klarheit kommen Mut, innere Kraft und Lust zu uns.
So stehen wir zum Schluss in einem Kreis und teilen miteinander, was unsere Träume und Absichten sind. Die Kräuter und Weidenruten, die wir draußen gesammelt haben, sind unsere Zeugen. Wir lüften das Geheimnis des Hasen, der die Ostereier bringt, und schließen das gemeinsame Träumen mit einem Kristallglas Eierlikör ab. Eierlikör ist hier in Sachsen ein fester Bestandteil der gemeinsamen Fröhlichkeit.
Einen letzten Gedanken nehmen wir noch auf den Weg, und dieser betrifft unsere Vergänglichkeit. Sowohl die zarten Frühlingsblüten an den Bäumen als auch die funkelnden unendlich alten Sterne erinnern uns an unsere Zeit hier auf der Erde. Und mit dieser Zeit auch an die Verantwortung, unsere Träume in die Welt zu tragen und uns mit jeder Ausatmung von dem Unnötigen zu befreien.
Denn ist erstmal Frieden in uns, können wir auch den Frieden im Außen herstellen. Mit einer großen Leichtigkeit.
Abends, als ich die einzelnen Elemente meines festliches Outfits ablege, fällt mir auf, wie schön das ist, wenn ich niemandem zu viel bin. Auch du, lieber Leser, bist niemals zu viel – vielleicht einfach noch nicht in der Umgebung, in der du sein kannst, wer du wirklich bist. Und das hat der Goethe so schön in seinem “Osterspaziergang” zusammengefasst:
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
– J. W. von Goethe, Osterspaziergang
Ich danke Sylva-Michèle Sternkopf für die Inspiration und Co-Kreation des wunderbaren Ostara-Barfußfests 2026. Mögen wir noch viele weitere Möglichkeiten haben, den Frieden auf diese wunderschöne Art und Weise zu vermehren.
Àṣẹ

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