Es gibt sie immer im Leben – die unvernünftigen Momente. Und dennoch sind das Entscheidungen, die wir nicht anderes treffen können. Momente, wo der Verstand und das Herz einen inneren Dialog führen, und ich dann nicht weiß, welcher Teil von mir dieses Gespräch gerade neugierig beobachtet und wer dann die Entscheidung fällt.
Am Mittwoch zeigte mir eine Kollegin Video von der zugefrorener See auf Rügen. Natürlich wunderschön mit einer Drone gedreht bei sonnigem Wetter. Etwas in mir meldete sich: Ich will auch! Vor vielen Jahren, da habe ich dieses Naturereignis schon mal beobachten dürfen, da waren meine Kinder noch gar nicht auf der Welt. Ich erinnerte mich an die unendlich scheinende weiße Weite, den kalten Wind und die hungrigen Schwäne, die uns am Strand am Ärmel zupften.
Usedom, sagte mein Gedächtnis. Ein Lächeln breitete sich aus, denn ich mag Usedom. Anders als Rügen, ist es eine kleine gemütliche Insel mit nur ein paar Orten und einer Grenze zu Polen, die ich damals mit meinem russischen Pass nicht überqueren durfte.
Von meinem neuen Zuhause – Sachsen – dauert die Fahrt je nach Verkehr zwischen 5 und 7 Stunden. Einmal am zugefrorenen Ostseestrand stehen und dann diese ganzen Stunden im Auto? Will ich das? Ist ein gemütliches Winterwochenende mit Buch und Tee nicht viel schöner? Mein Kopf hörte nicht auf, seine typischen “Ich weiß, was für dich gut ist, Baby” Argumente zu labern.
Das Gesetz der Leichtigkeit
Vor ein paar Jahren habe ich mir auf Reisen eine neue Regel zugelegt: Wenn etwas sich leicht anfühlt und schnell zu erledigen ist, dann ist es mein Weg. Fühlt sich etwas schwer an oder dauert zu lange, kostet zu viel etc. – dann soll es gerade nicht sein. Ich erinnere mich an Momente, wo mein Kopf ganz doll irgendwas wollte, und es klappte einfach nicht.
Einmal ist die gesamte Lufthansa-Datenbank zusammengebrochen, nur um mir zu zeigen, dass das jetzt nicht dran ist. Einmal ist mir mein mit viel Aufwand gebuchtes Ticket ohne Angaben von Gründen zurück erstattet worden, und ein neues zu buchen ging technisch nicht. Etliche Male haben mir Airbnb Besitzer eine gebuchte Unterkunft abgesagt, so dass ich plötzlich da stand und nicht wusste, wo ich heute schlafen soll.
Natürlich gab es in allen diesen Situationen eine Lösung, die sich dann als viel besser für mich erwies. Ich habe sagenhafte neue Menschen kennengelernt, bin Unfällen oder anderen unangenehmen Situationen entkommen und habe viel Geld gespart.
Also lernte ich, auf die Leichtigkeit zu hören, und schaute, ob ich auf Usedom übernachten könnte.
Mystik, Magic, Meerchen
Als Vielreisende habe ich natürlich meine Lieblingswege, eine Unterkunft oder eine Reiseverbindung rauszusuchen. Die Liste der möglichen Übernachtungen auf Usedom war lang. Filter wie “Frühstück inklusive” halfen nur bedingt. Ich wusste, wenn ich jetzt anfange mit mehr Filter und hin- und her-scrollen, wird es sich nicht mehr leicht anfühlen. Ich schloss meine Augen. Was möchte ich?
Ich möchte direkt am Strand sein. Gut schlafen (= positive Rezensionen und hoher durchschnittlicher Wert der Bewertungen). Ich möchte das Frühstück inklusive haben. Und ein warmes Schwimmbad. Und ich hätte gern noch eine Sonderlocke. Etwas, was meine nun gelisteten Erwartungen übertrifft und mir meine Entscheidung total leicht macht. Das darf nicht nur der Preis sein.
Als Psychologin weiß ich: Je klarer wir uns darin sind, was wir wirklich wollen (nicht, was wir nicht wollen), desto präziser kann unser Gehirn uns dienlich sein. Das zweite Hotel in der Liste erfüllte alle meine Wünsche, bot darüber hinaus Halbpension inklusive, frühes Einchecken und eine Flasche Champagner. Zwei Nächte zu bleiben ergab auf einmal viel mehr Sinn.
Klick, klack, gebucht.
Das alles sind bloß vorbereitende Worte für das, was ich mit Worten nicht auszudrücken vermag. Das Gefühl, an einem zugefrorenen Meer zu stehen. Die Stille. Die Farbe. Die sensorischen Eindrücke, die mein Ich so nicht kannte. Ein komplett neues Erlebnis – und damit einhergehend ein wahnsinnig starkes Gefühl, LEBENDIG zu sein.
Und damit nicht nur mein Körper Wunder erkennen konnte, kam die Geschichte von Vineta hinzu. Die versunkene goldene Stadt, die angeblich nur 500 m von meinem Hotel im Meer liegt. Laut der Legende ging die Stadt aufgrund des Hochmuts und der moralischen Zügellosigkeit ihrer Bewohner in einer gewaltigen Sturmflut unter.
Übersetzt und in mein Verständnis übertragen: Die Bewohner verloren den Blick für das Wesentliche, weil sie ihren äußeren Reichtum mit ihrem inneren Wert verwechselten. Sie haben sich mit der goldenen Fassade mehr identifiziert als mit ihrer Fähigkeit, eine solche über Jahrzehnte aufzubauen. Sie haben ihre Intuition ignoriert, die sie vor der Flut gewarnt hat.
Wahre Fülle braucht ein stabiles Fundament; ohne ethische Erdung wird selbst das größte Imperium instabil. Natürlich ist das mit Veneta eine Legende, ein Mythos. Doch was ist ein Mythos? Das griechische Wort übersetzt sich als “eine Geschichte mit Wahrheit”.
Und so kehrte ich lebendig, inspiriert, nachdenklich und überglücklich aus einem unerwarteten, spontanen, bereichernden Wochenende an einem zugefrorenen Meer zurück. Kein Bild kann diesen Zustand abbilden, dennoch hab ich mich entschieden, hier ein paar Bilder in Briefmarkengröße anzuhängen. Für die Erinnerung, die nur der Körper gut bewahren kann.










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