Das Leben findet in den Übergängen statt

Das fliegt raus Ein Schubs Freiheit von Nadja Petranovskaja

Vor Kurzem habe ich mit einer Bekannten diskutiert, ob es erstrebenswert ist, anzukommen. Wir waren uns einig, dass das Ankommen eine Illusion ist – sowohl für die eigene Entwicklung (die bis ins späte Lebensalter möglich ist), als auch für das aktive Erleben der Veränderungen in unserer Welt.

Und unsere Welt? Sie steht nicht nur nicht still, sie dreht gerade förmlich durch. Wir haben die Wahl: Den Kopf in den Sand stecken oder uns transformieren. Für mich bedeutet Vorbereitung vor allem eines: Die Bereitschaft, altes Wissen auch mal beiseite zu stellen und zu sagen: ‚Was immer kommt, ich nehme es mit offenen Armen auf.‘

Fünf Thesen, mit denen wir uns auseinandersetzen dürfen

  1. Das Leben ist nicht linear. So sehr man uns auf den Verlauf Schule-Beruf-Rente vorbereitet, gibt es kaum jemanden, der stets weiter, schneller und höher lebt. Wir erleben alle Situationen, die uns aus der Bahn werfen und vor unbekannten Herausforderungen stellen. Situationen, in denen wir etwas als sicher Gedachtes verlieren, wo wir Menschen, Orte und Dinge loslassen müssen. Wenn wir bereits sind, unser Leben als ein Serial mit mehreren Staffeln zu sehen, fällt es uns leichter, ein zufriedenes und entspanntes Leben zu führen.
  2. Übergänge zu meistern ist eine Fertigkeit. In der Welt, in der wir gelernt haben, aufzustehen, Krönchen zu richten und weiter zu gehen, ist es zunehmend wichtig zu verstehen, wie wir aufstehen können. Übergänge haben zum Beispiel alle eine vergleichbare Architektur: Harten Umbruch zu Beginn, chaotische und oft zähe Mittelphase (= liminal space), gefolgt von Neubeginn. Im Hintergrund erschaffen wir dabei eine komplett oder anteilig neue Identität. Gefeiert wird, wer es schnell schafft, eine Krise zu meistern. Ich finde, wir sollten zunehmend loben, wenn jemand weiß, wie das geht und sein Wissen mit anderen teilt.
  3. In der Mitte jedes Übergangs ist alles möglich. Während wir diese ungewisse, unklare Zeit unseres Lebens oft als beunruhigend und anstrengend erleben (weil wir das Gefühl haben, festzustecken und nicht voranzukommen), liegt genau hier die komplett ungeahnte und vollkommen unentdeckte Fülle an Möglichkeiten. Diese Leere, der Nebel, die notwendige Verlangsamung, das Nichtwissen – das alles ist fruchtbarer Boden für Möglichkeiten jenseits unseres bisherigen Lebenshorizontes. Nach dem Prinzip “Wofür ist das eine Gelegenheit?” sollten wir das Ungewisse und Unbekannte begrüßen. Wir können alte Identitäten ablegen und mit neuen Versionen unserer selbst experimentieren. Ohne diese Phase der Unsicherheit gäbe es kein echtes Wachstum.
  4. Was uns oft stresst, ist der wahrgenommene Kontrollverlust. Doch was wir im Austausch dafür bekommen, ist die Möglichkeit, unsere Geschichten neu zu erzählen. Statt zu betonen, wie sehr wir in der Opferrolle stecken, können wir den Lebensübergang dazu nutzen, unsere Biografie umzuschreiben. Wir finden Heilung und Richtung, indem wir die Bruchstücke unserer Erfahrung nehmen und sie zu einer neuen, sinnvollen Geschichte zusammenfügen, in der wir wieder die Hauptrolle (Bond, James Bond – oder wen auch immer!) spielen.
  5. Wir haben uns bisher auf die falschen Lebensphasen fokussiert. Fast die Hälfte unseres Lebens verbringen wir in irgendeiner Form von Übergang (harten Umbruch, liminal space oder Neubeginn). Wenn wir also darauf warten, dass „alles wieder normal wird“, verpassen wir unser halbes Leben. Das Leben ist der Übergang; das Ankommen ist nur der kurze Moment zum Luftholen.

FÜR DICH: Sei der DJ deines Lebens

Stell dir vor, dein bisheriges Leben war eine Playlist. Statt die Auswahl der nächsten Lieder dem Algorithmus zu überlassen. Lass uns da spielerisch rangehen. Tatsache ist: du weißt nicht, welcher Song als Nächstes kommt. Schnapp dir etwas zum Schreiben und los!

Schritt 1: Das „Long Goodbye“ (Der Fade-out)

Welche „Identität“ oder Gewohnheit spielst du gerade leiser? Was in deinem Leben geht sowieso oder magst du einfach nicht mehr “hören”? Welchem Trend, Rhythmus magst du nicht mehr folgen? (Gib deinen Ideen gern einen lustigen Namen, z. B. ‘Die überpünktliche Stress-Susi’ oder ‘Der Ja-Sager-Jan’).“

Schritt 2: Liminal Space (Das Remix-Labor)

Hier wird es kreativ. In der Übergangsphase darfst du ALLES sein. Erstelle eine Liste von 5 ‘Parallel-Ichs’. Wer wärst du, wenn bisherige Erfahrungen, Geld und Logik keine Rolle spielten? (z.B. Käse-Sommelier in Frankreich, Profi-Lego-Bauer, Zirkusdirektor, Einsiedler mit Highspeed-Internet). Welches dieser Ichs darf heute für 10 Minuten deine Gedanken steuern?

Schritt 3: Die „Autoren-Power“ (Der Plot-Twist)

Nun bist du der Autor deiner Geschichte. Schreibe die nächste Szene.

Starte zum Beispiel mit: „An diesem herrlichen Morgen…“ Stoppe dir einen Timer auf 5 Minuten und schreibe einfach los. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne inneren Zensor. Was ist der erste mutige Satz deines neuen Kapitels?

Die DJ-Übung passt wunderbar zu der Aufbruchstimmung draußen. Der Frühling, das wachsende Licht, die zwitschernden Vögel und die platzenden Knospen – das sind gute Genossen für unser eigenes Lebendigsein!

Viel Freude dabei

nadja petranovskaja Unterschrift signatur


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