In der vergangenen Woche habe ich „100 Tage Sachsen“ gefeiert. 100 Tage, seit ich aufgehört habe, mit dem Koffer durch die Galaxie zu reisen, und angefangen habe, die Kartons auszupacken, die drei Jahre lang in einem Lagerraum gestanden hatten.
Es waren nicht viele Kartons, und auch das ist ein Teil meiner Erkenntnisse aus den ersten 100 Tagen in meinem allerersten komplett eigenen, unabhängigen Nadja-Zuhause: Ich brauche nicht viel. Und das, was ich zu brauchen meine, brauche ich auch nicht wirklich. Ich kann so vieles loslassen. Die Übung, die so vielen Menschen schwerfällt, wurde für mich zu einem gut trainierten Muskel. Wie in dem Gedicht aus dem Film „In den Schuhen meiner Schwester“:
„One Art“ Elizabeth Bishop
The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.
Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.
Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.
I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.
I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.
–Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster
Ich bin in der Tat so gut im Loslassen geworden, dass es mir zunehmend schwerfiel, mich an etwas festzuhalten – an Orten, Gefühlen, Menschen. Das war eines der seltsamsten Gefühle: dass ich gar nichts und niemanden brauche. Was natürlich absoluter Blödsinn ist und vermutlich eine große Schutzfunktion meines überforderten Wesens war.
Ich erinnere mich gut, wie ich in den letzten drei Jahren geweint habe. Oft an den wunderschönsten Orten – in Parks, am Strand oder in Museen. Die Nähe zu oder die Berührung von etwas Schönem hat wohl in mir ein Echo hervorgerufen, das sagte: Du bist auch so schön, zeige es der Welt.
Leicht gesagt.
Zuerst war meine Reise eine Flucht. Meine aktuelle Lieblingsautorin Sharon Blackie beschreibt in nur wenigen Worten genau das Gefühl, das mich jedes Mal zu Tränen rührt:
Although we often know that something in our life needs to change, we don’t always know what that change should look like. This is a journey, then, in which we simply leave. We step out of the door, put one foot in front of the other, grit our teeth, and walk.
Obwohl wir oft wissen, dass sich etwas in unserem Leben ändern muss, wissen wir nicht immer, wie diese Änderung aussehen soll. Es ist dann eine Reise, auf der wir einfach gehen. Wir treten aus der Tür, setzen einen Fuß vor den anderen, beißen die Zähne zusammen und gehen los. – Sharon Blackie “If Women Rose Rooted”
Dann wurde meine Reise ein Abenteuer. Ich buchte One-Way-Tickets und erkundete die Welt in meinem eigenen Tempo. Ich lernte, gut für mich zu sorgen, mich überall zurechtzufinden, und fand einige tolle neue Freunde. Was ich weiterhin suchte, war mein Zuhause. Ein Ort, an dem ich mich verwurzeln kann und Ruhe finde.
Der Ort wollte nicht zu mir kommen. Viele Monde und viele Tränen dauerte es, bis ich – mehr als unerwartet und überraschend – in Sachsen landete. Eigentlich wollte ich – wie so oft in den Jahren davor – nur ein paar Tage bleiben, weil ich hier eine Freundin besuchte. Aus drei Tagen wurden zehn. Irgendwie atmete ich hier anders, und die kurvigen Straßen im Erzgebirge sind pure Meditation. Und so fand ich mich selbst plötzlich beim Renovieren einer Dachgeschosswohnung wieder. Vor der Tür standen die Umzugskartons und vor dem Haus ein Auto. Alles fühlte sich neu und ein bisschen unbekannt an.
Ich habe fast bei Null angefangen. Bis auf das Besteck von meiner Oma begrenzte sich meine Küchenausstattung auf ein paar Tassen, die ich vor vielen Jahren aus meiner Heimat mitgebracht hatte. Ich hatte kein Bett und keine Bettwäsche. Keinen Salzstreuer, keine Kleiderbügel, weder Schreibtisch noch Schneidebrett. Lediglich Bücher, Kindheitserinnerungen und ein paar Kleider sind mit mir in eine bunte Wohnung eingezogen, die sich hier „Glitzerbude“ nennt – weil ich tatsächlich Glitzer in die Farbe gemischt habe.
Meine Lektionen aus den ersten 100 Tagen:
- Ich brauche wenig, aber das, was ich brauche, sollte wahrhaftig meins sein.
- Es ist egal, wie weit der Strand entfernt ist, wenn die richtigen Menschen mitkommen.
- Der Ort, an dem ich lebe, kann entscheidend für meine Gesundheit sein.
- Der Name des Ortes ist weniger wichtig, als ich dachte.
- An Orten, die schwer zu erreichen sind, wohnen keine Opportunisten, sondern nur Menschen, die gern hier sind.
Weitere Erkenntnisse folgen sicher, wenn ich etwas Abstand zu meinen Abenteuern gewinne. Fakt ist: Ich wache seit 100 Tagen mit einem breiten Lächeln auf und ich weiß ganz genau, dass ich meinem Körper trauen kann. Er weiß, was gut für mich ist.
Wie ist es so in Sachsen? Unerwartet wunderschön. Die Architektur mit den vielen halbrunden Fenstern und spitzen Dächern. Die vielen Flüsse und Bäche, die, von irgendwoher kommend, immer dort plätschern, wo ich gerade bin. Die herzlichen, erdverbundenen Menschen.
Ich möchte das gerade gar nicht groß erklären oder argumentieren, nur für mich selbst und die Ewigkeit des Internetgedächtnisses aufschreiben: Auch wenn ich von all den Orten auf dem Planeten Sachsen nicht für mein potenzielles Zuhause gehalten habe, war das wie kaum eine andere Entscheidung meines Lebens eine Herzensentscheidung. Vielleicht, weil ich endlich begriffen habe, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt – und dass dieses Lächeln am Morgen der Beweis dafür ist, dass ich das ‚Falsche‘ hinter mir gelassen habe.
Und so soll es gern bleiben.
Àṣẹ


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