Zu meinem Geburtstag, der kurz vor Weihnachten ist, habe ich einen sehr schönen handgeschriebenen Brief von meiner besten Freundin bekommen, die verreist war und mich daher nicht besuchen konnte. ein Satz aus diesem Brief ging mir die ganzen Feiertage durch den Kopf: “Du hast den schwierigen Weg des Ausprobierens gewählt.”
Aus der Sicht der Welt, in der alles geregelt ist, mag das so stimmen. doch dieser geregelten – scheinbar einfachen – Welt bin ich entsprungen, entlaufen, aus die Maus. jetzt bin ich unterwegs in der unbekannten, lauten, neuen Welt und aus der Sicht dieser Welt habe ich mich für den einfacheren Weg entschieden. für den Weg, auf dem man tut, woran man glaubt; wo man die Meinungen anderer Leute links liegen läßt bis man eine eigene hat; wo man sich nicht verbietet zu lieben und zu leiden; wo man über den Rand malt, weil da viel mehr Platz ist als auf dem engstirnigen Blatt Papier. das Leben ist groß und wundervoll, besonders wenn man es anlächelt. ich habe keine Angst und keine Bedenken, und dieser Zustand ist weder mit Geld noch mit Titeln zu erlangen, sondern einzig und allein mit der Entscheidung, die aus meiner Mitte kommt.
Hallo ungeregeltes Leben! Hallo fluffige nicht greifbare Wolken! Hallo Geheimnisse und Entdeckungen! Hallo neues Wissen, neue Menschen, neue Länder, neue Galaxien! schön, euch kennenzulernen!
Ich schaue noch einmal in den Flur, sage “Tschüß, liebes Häuschen!”, rolle den Koffer über die Schwelle und schließe dann die grüne Tür hinter mir. der Schlüssel wird zweimal umgedreht, und währenddessen fügt mein krimiverseuchter Hirn einen Satz in dritter Person hinzu: “Sie wußte nicht, dass es das letzte Mal war, dass sie vor ihrem Haus steht”. Ich lächele in mich hinein. es ist so wunderbar, diese Ebene des Beklopptseins zu erreichen! wenn man im Kopf komische Dinge denkt und das auch noch so rechtzeitig registriert, um selbst darüber zu lachen.
Auf dem Weg ins Büro beschließe ich, diese morgentliche Szene meinem Online-Tagebuch anzuvertrauen. der Tee dampft in der Tasse, die Gespräche über das Wochenende summen noch in meinen Ohren, bald ist Mittagspause, danach muss ich zum Flughafen, und davor schreibe ich das noch auf. damit ich auch später noch darüber schmunzeln kann. nocheinmal kurz drüberlesen, speichern, fertig.
“Sie wußte nicht, dass es das letzte Mal war, dass sie in ihrem Blog schrieb.”
Ich lese im Moment ein Buch von Katrin Sass, und dort wird viel über ihr Leben am und im Theater berichtet, unter anderem auch, wie die Schauspieler sich abends mit Alkohol den Verstand abschalteten. plötzlich waren die Erinnerungen aus meinem Mädchenleben da, wie meine Eltern – aus einem mir absolut nicht nachvollziehbaren Grund – Angst hatten, dass ich Schauspielerin werden möchte, plötzlich waren diese Gespräche am Abendbrottisch da, und plötzlich sollte ich mir Artikel durchlesen, wo etwas ähnliches wie bei Katrin Sass berichtet wurde, es sollte mir klar werden, dass dies auf keinen Fall mein Berufsziel sein kann.
Nimand redete mir aus, Feuerwehrfrau oder Boxerin zu werden. mein Kleinkindtraum, Tramwai-Führerin zu sein, wurde nie dermaßen negativ betrachtet. der Wunsch, Lehrerin zu sein, wurde schlicht ignoriert, aber der nie dagewesene Wunsch, Schauspielerin zu sein, der wurde im Voraus schlecht gemacht.
Was ich über Schauspieler weiß, ist sehr begrenzt. Talent müssen sie haben. und gut aussehen, das ist auch nicht verkehrt. dann gibt es prall gefüllte Sitzreihen, viel Applaus, Verehrer, schöne Kleider, roten Teppich und Blumen. doch ist es das?
Auf der Fahrt nach Hause, da hörte ich mal wieder EOC, und ich dachte dann nach, was so ein Star am Tage wohl macht. wie verbringt der Sven Regener seine Woche? muss er auch mal zur Bank und zur Post? bekommt er auch Mahnung für Abfallgebühren? geht er einkaufen? und den Rest der Zeit? morgens ein Lied komponieren, nachmittags Business Case für das nächste Buch ausrechnen? ich will mich ja nicht in fremde Leben einmischen, aber interessieren würde es mich schon…
Eine ganz liebe Freundin von mir sagte mir einmal am Telefon: “Scheisse wird zu Kompost, und zwar von ganz alleine. merken und aufschreiben solltest du dir nur die guten Momente.” leider sagte sie mir das erst Mitte Dezember, aber fürs nächste Jahr werde ich mir das unbedingt merken.
und falls jemand von euch vorhat, einen Jahres-Rückblick zu wagen, denkt an das Gute. davon war bestimmt genug da. dann klappt es auch mit dem Ausblick ins neue Jahr. wir sehen uns!
Am Freitag machen Weihnachtsmärkte auf. und obwohl es dann noch angeblich mehrere Wochen bis zum tatsächlichen Christkindfest sind, weiß ich, dann isses so weit. es kriecht in alle Wahrnehmungskanäle: Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten!!! der Kalender ist in nächsten Wochen voll mit Terminen, so dass ich jetzt schon sagen kann: es sind nur noch drei Tage Ruhe, ab Freitag hetzt man nur noch umher zwischen Glühwein, Basteln, Firmenfeier, Märchenstunden, Kindergartenfest und Adventskaffee.
darum wünsche ich euch heute schon mal fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch! Schnee solls am Freitag leider nicht geben, sonst wäre das wirklich ein perfektes Fest.
Auf dem Weg zum Komposthaufen fange ich an zu schimpfen. zuerst natürlich über den Regen, der mich innerhalb von zehn Sekunden nass macht. denn wer nimmt schon Schirm mit, wenn er nur kurz zum Kompost geht? dann schimpfe ich über die Küchenberaterin, die damals diese wunderbare Erfindung in die Küche eingebaut hat – zwei getrennte Mülleimer. jeder zehn Liter groß, oder sagen wir besser, klein. für den grünen Punkt ist der Eimer ungeeignet, genau so wenig kann man ihn für Flaschen oder Papier nutzen, für Batterien ist er überdimensioniert. also Biomüll. ist doch auch eine gute Sache. nur nicht an Abenden wie heute. da ist diese Sache total bescheuert.
die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. der Weg in die Gartenecke ist so lang wie die Spaghetti aus meiner Lieblingspackung, die es nur selten zu kaufen gibt, weil die meisten Supermärkte zu kurze Regale für dieses besondere Produkt haben. diese Spaghetti in den Topf reinzustopfen erfordert besondere Geduld. meine Füße stolpern über das Gras. hier also hört die Terrasse auf und der Rasen fängt an. komisch, im Hellen kommt mir die Terrasse immer so klein vor. jetzt erst der Rasenanfang, dann bin ich ja vielleicht vor Sonnenaufgang noch zurück… es tropft, das Gras ist glitschig und lang, die Socken werden nass, ich schimpfe schon wieder, barfuss muss man bei solchem Wetter laufen.
Meine Augen sehen nichts vor sich, nur Geräusche kommen an. das Tropfen. das Versinken der Füße im Gras. der Wind. wenn der Wind sich hier so laut anhört, bin ich schon fast bei der Hecke. dann nach links. da war noch irgendwo die Sandkiste, die muss unbedingt weg, die Kinder schon so groß und dieses Sandmonster immer noch mitten auf dem Rasen. nur nicht stolpern. [ich stelle mir kurz vor wie ich beim Erfüllen der umweltfreundlichen Müllrausbringmission über die Sandkiste stolpere, ungünstig falle und ums Leben komme.... was dann wohl auf meinem Grabstein steht? *sie war gut zu ihrer Umwelt, aber die Umwelt nicht zu ihr*?] leise taste ich mich an die Hecke heran. die Blätter berühren mich, kalt und nass, abstossend und feindlich. warum sehe ich bloß nichts? das sind doch diese am Tage so hellgelben Riesenblätter… ein wildes Rascheln. ich bekomme etwas Angst. nein, das war bestimmt nur ein Vogel.
endlich, endlich ertaste ich die Kompostkiste. schnell die Mission erfüllen, all die Kartoffelschalen, Rotkohlblätter und Apfelreste hinein. und das arme Alpenfeilchen, bei mir haben Zimmerpflanzen wenig Chancen auf langes Leben. geschafft.
Ich drehe mich um. der Garten ist durch die paar Lampen im Haus hell erleuchtet. Scheissphysik. oder war Bilogie für dieses Dunkelheitsphänomen zuständig? meine Angst ist in einer Milisekunde wieder weg. jetzt brauche ich nur noch neue Klamotten und Tasse Tee. und eine Lindt-Kugel, die gebe ich mir auch :-)
[auf Wunsch einer charmanten Dame namens Nika, die manchmal auch Sissi oder Frau Krause, aber eigentlich Tilda heisst]
der Kollege neben mir ist eingentlich ein ganz lieber. aber wenn er sich mal aufregt, setze ich immer schnell meinen Helm auf. wer weiß, obs nicht gleich explodiert. als er heute kurz vor Feierabend diesen Spruch ganz laut in sein Telefon sagte, mussten wir alle laut lachen, und das fand er selber gar nicht lustig, bis wir den Satz laut widerholt haben.
überhaupt war das ein Tag der neugeborenen Wörter. das fing beim Spaziergang mit Finn an, als ich stolz über meine sagenhafte Kollektion verfallender Filme erzählte, und er mich fragte, ob ich nicht auch digital und so, und da sagte ich tatsächlich, hab ich schon und mache das nicht mehr, und nu war der Begriff “digitale Vergangenheit” geboren, es war lustig und bleibt in meinem bescheuerten Vokabular.
später kamen da noch andere Wörter dazu, es entsteht an manchen Tagen halt so eine Wolke in meinem Kopf – und da spuckts plötzlich klassekrass, gegenseitigergiebig oder Klaugebühr raus. deswegen mache ich noch lange nicht auf Schriftsteller ;-)
Die Tage, an denen ich meinen Tee kalt trinke, weil mir immer wieder was dazwischen kommt, beschäftigten mich heute Nacht im Schlaf. ich sehe die Teetasse [meine Lieblingstasse fasst 500 ml von meinem Lieblingsgetränk], freue mich darauf, dass sie gefüllt ist (wann hab ich eigentlich Zeit gehabt, mir einen Tee zu machen?) und führe sie zu meinen Lippen. tiefe Enttäuschung. zimmertemperierter Tee füllt sich an den Lippen so an, als käme er direkt vom Nordpol. da hilft es auch nicht, wenn man einen Schuss Heisswasser oben drauf kippt, schmeckt nämlich nicht. für einen neuen Tee keine Zeit, nicht jetzt, irgendwann, wenn dieses eine Telefonat, das ich gerade führe, vorbei ist.
Zuhause arbeiten ist eigentlich sehr schön. ich bin dann auch immer gewillt, parallel und multitasking die Bude etwas aufzuräumen. denn beim Telefonieren laufe ich gern rum. auf diesen Telefon-Aufräumstreichen hab’ ich dann irgendwann mehrere Gegenstände in den Händen: etwas, das weg soll, etwas, das in Kühlschrank gehört, was für das Kinderzimmer und dann noch schnell den Stapel Handtücher ins Bad…
Wenn ich dann Stunden später meine Butterdose im Bad finde, weiß ich, ich sollte unbedingt einen Blick in den Mülleimer werfen…