Noch bevor meine Hand den Wecker erreicht, bin ich plötzlich wach: das Licht von draußen ist anders als sonst. es ist farblos, es ist weiß – die schneebedeckten Dächer scheinen zu leuchten. die nächsten Minuten verbringe ich sprachlos am Fenster – die irgendwo weiter rechts von mir aufgehende Sonne schafft es nicht, Farben in den Himmel zu bringen, der Himmel wird immer heller und immer weißer. das sind die Momente, in denen ich die Digitalkameras verfluche, denn diese Geräte sind nicht annähernd in der Lage, die Farben abzubilden, die ich sehe. kein blau. kein rot. kein gelb. weißer Himmel. blassweiß wie deine Haut.
Gibraltar gehört zu England, man kann dort aber auch mit Euro bezahlen. Es hat ausschließlich einen internationalen Flughafen. Es ist trotz intensives Googelns nicht möglich zu verstehen, warum dieses Stückchen Erde so eine seltsame Geschichte hat, aber eins ist klar: Es ist ein einsames und nicht wirklich ansehnliches ans Ende der Welt abgeschobene Stück Monarchie, und wären da nicht die immer hungrigen und sehr menschlichen Affen, würde sich vielleicht auch kein einziger Tourist hierher verirren.
Ein T-Shirt kostet ca. vierzig Euro. Zehn sind fürs T-Shirt. Zehn für das umherverstreute Parfüm. Zehn als Eintritt in diesen Club, in dem Mädchen und Jungs in Flipslops tänzeln und dich nicht fragen, ob sie dir behilflich sein können oder ob du zurecht kommt. sie fragen: “What’s going on?” und plötzlich fange ich an zu lächeln. ich bin nicht wegen der Klamotten hier, sondern aus Neugierde und weil ich hier gerade vorbeiging. und natürlich wegen der leckeren Kerle (endlich mal sexistische Marketingmaßnahme andersrum!).
Die letzten zehn Euro sind dann wohl eine Art Beitrag in diesen Therapie-Topf. ich kam rein mit mieser Laune, der ganze Tag lief schief und ich war stinkesauer. ich kam raus und fühlte mich plötzlich gut. vielleicht war das auch nur total zufälliges Phänomen, dass nur an diesem Tag, nur mit mir und nur einmalig funktioniert, aber…
… der Laden ist geil! es ist dunkel, man sieht die Klamotten kaum und vor den Umkleiden ist die Schlange zu lang für die Preise. zwei der Sachen, die ich anprobieren wollte, waren nicht in meiner Größe da, aber so kam ich auch nicht in die Versuchung, dem Marketing-Puff doch noch nachzugeben und was zu kaufen. wegen etwas anzuziehen werde ich bestimmt nicht nochmal reingehen, aber…
Meine Füße sind kalt, mein Kopf glüht. in meinem Rücken glüht eine elektrische Wärmflasche, nur bis mein Schüttelfrost vorbei ist. auf der Stirn liegt ein kalter Lappen, manchmal hilft es. ich bin das heisseste Mädchen weit und breit, seit einer Woche habe ich Fieber, und da mich die Arztpraxis heute nicht anrief, haben sie nichts ungewöhnliches oder alarmierendes in meinem Blut gefunden.
Inzwischen hab ich mich an das Fieber gewöhnt. wenn das blöde Schüttelfrost zwischendurch nicht wäre, wäre es noch erträglicher. soeben habe ich beschlossen, wenn ich darüber blogge, geht diese bekloppte Krankheit von mir weg. ein Blog-Woodo-Zauber sozusagen.
Was macht Hamburg aus? Für mich ist es die Ähnlichkeit mit meiner Heimatstadt – Nähe zum Meer, der Hafen, die vielen Brücken, die hübschen Häuser. Schanzenviertel. Gängerviertel. St. Pauli. Pauli ist ein Phänomen. ein gutes. mehr als ein Fussballverein. mehr als ein Stadviertel. eine Gemeinschaft. ein Dorf im Dorf. ohne dort je gewohnt zu haben, habe ich sofort die Petition der Leute aus St. Pauli unterschrieben. Wenn die vernetzte Gesellschaft Bundespräsidenten stürzen und Bahnhofsbauarbeiten stoppen kann, warum dann nicht ganze Stadtentwicklungsprojekte moderieren?
Vor rund zehn Tagen war ich auf der Alster spazieren. das erste Mal in diesem Jahrtausend wurde die gefrorene Oberfläche eines sonst so großen Sees zum Jahrmarkt. Glühwein, Mukke, Waffeln, lachende Kinder mit roten Bäckchen, was kann es bloß schön sein hier in Hamburg!
Der Regen tropft leise gegen die Windschutzscheibe, und ich bleibe im geparkten Auto sitzen, um den letzten Song – “Song for you” ausklingen zu lassen. Manche Lieder sind so lala, manche gut für Gänsehaut, zwei werde ich in meine Jogging-Playlist übernehmen. Dass es drei Alternativen von bereits bekannten Songs gibt, zeigt mir zwei Dinge: zu früh und zu spät. Zu früh ist Amy abgedüst und zu spät ist es, darüber zu sprechen.
Eine Frage hab ich noch: on Amy, ob Michael Jackson, ob andere Künstler oder Surfer – Rampensau auf der Bühne oder auf der Welle und scheu bis lebensunfähig abseits davon. Sind wir alle so?
Er war toll, dieser Oktober. Sonnig, nur zweimal kratzen, kaum Regen und Sonnenaufgänge zum Weinen schön. Und wenn mich jemand in den nächsten 10 Jahren fragt: “Was war der schönste Oktober der letzten 10 Jahre?”, dann werde ich sagen: der Oktober 2011.
Und als hätte die Natur darauf gewartet, dass wir die Oktober-Kalenderblätter abreissen, fallen seit heute tonnenweise die wunderschön gefärbten roten und gelben Baumblätter auf die Straße.
Draußen tobt der Herbst, schön, goldig, kaum windig. Drin sind die Teppiche geräuschschluckend und weich, die Wände dunkelrot, die Tasse Tee anschmiegsam, die Hände auf meinem müden Körper so wie ich sie gern habe: sicher und wohlwissend, was sie tun. ich spüre, wie die einzelnen Körperteile wieder zu mir finden und ich zu ihnen. ich lausche der Musik zu, und die Frau neben mir singt leise mit, das ist toll, ich sauge all diese Eindrücke auf und freue mich, hier zu sein.
Lange hat es gedauert, bis ich nach meinem ersten Thailand-Aufenthalt endlich wieder eine Thai-Massage genießen kann. immer kam was dazwischen. “Wir bieten keine erotische Massagen an” steht ausdrücklich auf dem Flyer und darum habe ich mich auch getraut, hierher zu kommen. dass ich dennoch in einem Puff gelandet bin, das merke ich am Rauschen der Schuppen, die mir von den Augen fallen, als ich vorne am Tresen bezahle und von den knapp bekleideten Damen neugierig beäugt werde.
Nun, falls in dem Buch “1000 Dinge, die man im Leben gemacht haben sollte” ein Puffbesuch vorkommt, habe ich auch das jetzt hinter mir.
Eines Tages kam meine Tochter von einer Freundin, Mama Mia summend und überzeugt, das wäre cooles Zeug. als das Summen nicht nachließ, fragte ich sie, ob ich das Lied auflegen soll. cool, sagte meine Tochter zu ihrem Bruder, Mama hat immer die moderne Musik auf CD. ich schmunzelte.
Es ist zwei Wochen her. nun sitze ich im Ledersitz unserer Familienkutsche auf dem Rückweg vom Tagesausflug, die Füße müde vom wälzen gelber Blätter. natürlich hören wir Abba, ab und zu kommt die Frage, was gesungen wird und ich wundere mich, wie wenig ich mich bisher mit den Texten der vertrauten Lieder beschäftigte. die Eindrücke des Tages, die Texte, die gemütliche Alleenfahrt – alles vermischt sich, und plötzlich habe ich das Gefühl, dass mein Leben ein Film ist, der gleich vorbei ist, und völlig unerschrocken schlafe ich ein.